68er-Eltern 68er-Eltern: Erziehung zum Widerwort

Ulm / Antje Berg 24.02.2018

Manchmal möchte man Alexander Dobrindt eine hinter die Löffel geben. Für seine nassforschen Einwürfe, mit denen er die Jamaika-Sondierungen torpedierte („keine linken Spinnereien“, „Schwachsinnstermine“), für seine Maßregelungen der SPD in den GroKo-Verhandlungen („Zwergen­aufstand“, „Raus aus den Schützengräben“), vor allem aber für seine Anwürfe gegen die angeblich alles drangsalierende „linke Meinungsvorherrschaft“ der 68er-Generation, die sich in Wahrheit nach ihrem kräftezehrenden Marsch durch die Institutionen doch längst im Ruhestand erholt. Aber lassen wir’s. Schließlich weiß, wer von 68ern erzogen worden ist, dass Backpfeifen kein pädagogisch probates Mittel sind.

Es gibt unendlich viele Missverständnisse über den damaligen Aufbruch und die Folgen. Ganz besonders über die antiautoritäre Erziehung, die viel mehr war als ein Erziehungsstil. Sie war eine Philosophie – eingebettet in die Revolte gegen Elternhaus und autoritäre Systeme.

Bereits 1966 mahnte der Philosoph Theodor W. Adorno: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Studentenführer Rudi Dutschke und seine Mitstreiter waren der Überzeugung, dass der Faschismus in der autoritären Persönlichkeit wurzele und diese auf die Erziehung zurückgehe, schreibt die Hildesheimer Erziehungswissenschaftlerin Meike So­phia Baader. „Am Anfang der pädagogischen Aufbrüche von 68 stand also die gemeinsame Frage: Wie lassen sich Erziehungsverhältnisse so gestalten, dass nachfolgende Generationen nicht mehr anfällig für ein System wie den Nationalsozialismus sind, sondern das Potenzial zum Widerstand haben? Erziehung zur Kritikfähigkeit lautete die Losung.“

Man könnte auch sagen: Erziehung zum Widerwort. Gerne wird verdrängt, auf welche Weise Eltern, Kindergärtnerinnen und Lehrer noch in den 60er Jahren Kinder gefügig, ja mundtot machten. Als diese Zeitung ihre Leser im Frühjahr 2010 dazu aufrief, Kindheitserlebnisse zu schildern (damals tobte die Debatte über Missbrauch und Züchtigung in der katholischen Kirche), erzählten viele Briefe von traumatischen Erlebnissen.

Freiheit und Selbstvertrauen

Wer im Kindergarten zu laut herumtollte, wurde in die Ecke gestellt. Wer seine Bastelarbeit nicht fertig hatte, bekam auch kein Mittagessen. Wer nicht in den Mittagsschlaf fand, durfte nachmittags nicht hinaus in den Garten. In der Schule klebten Lehrer lauten Schülern ein Pflaster über den Mund, verteilten „Kopfnüsse“ und verdroschen die Kinder mit dem Rohrstock, wenn sich im Diktat zu viele Fehler fanden, wenn sie „nicht artig“  waren oder „geträumt“ hatten. Mancher machte sich vor Angst in die Hose, wofür es zuhause wie für schlechte Noten, Trödelei auf dem Schulweg oder „freche“ Antworten die berüchtigte Tracht Prügel setzte. Viele Väter fanden das völlig in Ordnung, die meisten Mütter schauten wortlos zu.

Die antiautoritäre Erziehung wollte das Gegenteil: Wollte Kinder angstfrei aufwachsen lassen, Freiheit und Selbstvertrauen schenken. Wollte sie bestärken, auf eigene Empfindungen zu achten, eigene Urteile zu bilden, eigene Wege zu gehen. Die kalte Strenge der Eltern sollte einer Atmosphäre weichen, in der Kinder lernten, eigenständig und eigenverantwortlich zu handeln. Wie die Reformpädagogen der 20er Jahre ging man davon aus, dass Kinder keine harte Hand brauchten, um sich gesund zu entwickeln.

Auch ein Experimentierfeld

Soweit die Theorie. Die Schwäche liegt auf der Hand: Antiautoritäre Erziehung geriet nach Jahren der Repression nicht selten zum Experimentierfeld – und sie war längst nicht immer kindgerecht. Die einen unterlegten sie mit einem absurden politischem Anspruch: Meike Sophia Baader berichtet von Akademikereltern, die schon im Kinderladen (dem Gegen­entwurf zum alten Kindergarten) unterschrieben, dass ihr antikapitalistischer Nachwuchs später einmal Friseurin oder Elektromeisterin werden sollte.

Andere redeten ihren Kindern ein, es gebe nichts Schöneres als nackt herumspringen, sich gegenseitig mit Farben zu beschmieren und, „wenn man mal muss“,  seine Marke im Sandkasten  zu setzen. Dritte ließen den Nachwuchs einfach machen. Wenn dann ein wüster Streit entbrannte, in dem das rücksichtsloseste Kind alle anderen auf dem Abenteuer-Spielplatz terrorisierte, widmeten sich die Erwachsenen mit Hingabe einem Diskurs über Macht und Ohnmacht in postfaschistischen Gesellschaften. Ein ganz dunkles Kapitel war die Über­betonung der kindlichen Sexualität, die im schlimmsten Fall zum Missbrauch führte (der freilich, da sollte man sich nichts vormachen, schon lange vor 1968 exi­stierte).

Und trotzdem: Die Idee der antiautoritären Erziehung, die bezeichnenderweise vor allem jenen Eltern gelang, die für ihre Kinder ernstzunehmende Autoritäten blieben, hat in den folgenden Jahrzehnten viele wichtige Impulse gegeben. Sie hat die Gesellschaft selbst zu einer respektvollen und wertschätzenden Haltung gegenüber Kindern erzogen, alte Gewissheiten zerstört ­ – und neue Werte geschaffen.

Kinder genießen heute ein Recht auf gewaltfreie Erziehung, die körperliche Züchtigung ist verboten. Erziehung findet nicht mehr vorwiegend hinter verschlossenen Türen statt. Gibt es Probleme in der Familie, bieten Beratungsstellen ihre Dienste an – und viele Eltern nehmen diese Hilfe dankbar an. Mehr denn je bemühen sich Lehrer, wenn sie ihren Beruf mögen, Schüler individuell zu fördern. Bei all dem steht  idealerweise das Kind als eigene Persönlichkeit im Vordergrund.

Daraus allerdings erwachsen neue Probleme. Der Wunsch, ihren Kindern in jeder Lebenslage gerecht zu werden, verlangt Eltern eine Menge ab. Nicht wenige fühlen sich damit überfordert, Erziehungsratgeber gibt es wie Sand am Meer. Gleichzeitig steigen die Anforderungen in Job und Freizeit. Unablässig sind Mütter und Väter in einer Welt unzähliger Möglichkeiten damit beschäftigt, ihren Alltag, sich selbst und ihre Familie zu optimieren – die 68er-Bewegung hätte dieses mitunter neurotische Treiben als eine Form massiver Selbstausbeutung entlarvt.

Am Ende des Tages steht oft die große Müdigkeit. Sie führt zu einem Laisser-faire-Stil, dem nur wenige Mütter und Väter aus Faulheit oder Ignoranz nachgeben: „Sie kommen abends erschöpft von der Arbeit,  kochen, was das Kind mag, weil sie keine Diskussionen wollen. Sie lassen es auch länger als vereinbart vor dem Fernseher sitzen, um Ruhe zu haben. Sie verbringen ihren Urlaub an Orten, an denen die Kinder beschäftigt sind, obwohl sie ohne Kinder nie dorthin fahren würden“, beschreibt der schwedische Psychi­ater David Eberhard in einem „Zeit“-Interview das Dilemma. Und er kommt zu dem Schluss: „Ihr müsst das Kind nicht komplett ins Zentrum eures Lebens stellen.“

Von hier aus ist es nicht weit zu der wachsenden Zahl der Helikopter-Eltern. „Viele Mütter und Väter leben heute in einer Symbiose mit ihrem Kind, verschmelzen mit ihm, nehmen seine Interessen wahr wie ihre eigenen“, kritisierte der Bonner Kinderpsychologe  Michael Winterhoff schon vor Jahren in dieser Zeitung. Nahezu jeder Lehrer, jede Lehrerin kann für diese Beobachtung haarsträubende Beispiele liefern.

Ihren Kindern tun Eltern damit nichts Gutes: Wer die beste Freundin/der beste Freund seiner Tochter/seines Sohnes sein will, geht wichtigen Konflikten aus dem Weg, will mit fragwürdiger Solidarität Zuneigung erkaufen, macht sich künstlich klein und flieht aus der Verantwortung, statt Grenzen zu setzen. Auf diese Weise zieht man rücksichtslose Narzissten heran, deren Darstellungsdrang durch die Digitalisierung zusätzlich gepusht wird.

Das Ergebnis sind Kinder und später Erwachsene, die glauben, sie seien der Mittelpunkt der Welt, die machen, was sie wollen, und sich selbst maßlos überschätzen. Rotzlöffel, nennt der schwedische Psychiater diese Spezies. Nicht nur aus Platzgründen ersparen wir uns hier einen ausführlichen Verweis auf Alexander Dobrindt, der gar keine 68er-Erziehung genießen musste, um ein ungezogener Zeitgenosse zu werden.

Obwohl zwischen damals und heute inzwischen fünf Jahrzehnte liegen, ist die Grundlage für eine gelungene Erziehung dieselbe geblieben: Sie braucht vor allem selbstbewusste Eltern. Mütter und Väter, die sich in Gelassenheit üben, ihr Kind ohne falschen Ehrgeiz fördern, ihm etwas zutrauen, Werte vermitteln – und ganz bewusst darauf verzichten, es zu einem Geschöpf zu formen, das vor allem die eigenen Sehnsüchte stillen soll.