Berlin / Igor Steinle  Uhr

Man muss sich inzwischen schon anstrengen, einen Flecken Erde ohne Windrad oder Solaranlagen zu finden. Deutschland ist voller Ökostromanlagen, und das Land ist stolz darauf. Das macht sich auch am Stromverbrauch bemerkbar: 40 Prozent davon kommt hierzulande inzwischen aus erneuerbaren Energien. Angesichts dieser Zahlen könnte man die Bundesrepublik eigentlich für einen ökologischen Musterschüler halten.

In der öffentlichen Debatte jedoch ist von der Bundesrepublik schon lange nur noch als Umweltversager, der seine Klimaziele verfehlt, die Rede. Andere Nationen sind deutlich weiter. Wie passt das zusammen?

Ein Teil der Antwort liegt rund 9000 Kilometer entfernt. Als 2011 im japanischen Fukushima ein Atomkraftwerk explodierte, wurde in Deutschland beschlossen, die eigenen Atommeiler vorzeitig vom Netz zu nehmen. Das erschüttert die deutsche CO2-Bilanz noch heute. „Mengenmäßig ging in den vergangenen zehn Jahren Strom aus Kernenergie und Gaskraftwerken ungefähr im gleichen Maß zurück wie Strom aus ­erneuerbaren Energien angewachsen ist“, erklärt Energieforscher Hans-Martin Henning vom Freiburger Fraunhofer-Institut. Anstatt den Klimakiller Kohle unnötig zu machen, ersetzten die vielen Windräder und Photovoltaikanlagen also andere klima­freundliche Energiequellen.

Henning zeigt zur Veranschaulichung auf eine Grafik: Zwischen 2008 und 2016 kamen zwar 17 Prozent mehr Erneuerbare ans Netz. Diese kompensierten jedoch vor allem einen knapp 16-prozentigen Rückgang von Kern- und relativ emissionsarmer Gasenergie. Die Folge: Trotz eines leichten Rückgangs zuletzt stagnieren die CO2-Emissionen im Grunde genommen seit zehn Jahren. „Der Braunkohleanteil im Strommix ist unverändert hoch geblieben“, so Henning.

Das ist nicht nur deswegen ein Problem, weil Braunkohle besonders viel klimaschädliches Kohlendioxid emittiert. Die vielen alten Kohlemeiler in Deutschland sind auch noch unflexibel. Man kann sie nicht einfach abschalten, wenn Wind und Sonne viel Strom produzieren. Anstatt bei günstigen Verhältnissen also einfach weniger Kohle zu verbrennen, wird der überschüssige Strom ins Ausland exportiert. Erst vor ein paar Wochen hat sich die dafür ins Leben gerufene Kohlekommission auf einen Ausstiegspfad aus der Kohleverstromung geeinigt. Meiler um Meiler wird nun in den kommenden Jahren vom Netz gehen, das letzte Kraftwerk 2038. Die Kosten dafür werden in die Milliarden gehen.

Dabei hat der Ausbau der erneuerbaren Energien in den vergangenen 20 Jahren, seit Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, bereits 150 Milliarden gekostet – vor allem bezahlt von den Verbrauchern über die Stromrechnung. Sind die ganzen Milliarden also nur Ausdruck staatlicher Verschwendungssucht? „Man hätte früher aus der hohen Subventionierung aussteigen müssen“, ist sich Andreas Löschel sicher, dann wären die Kosten nicht derart ausgeufert.

Der Energieökonom leitet die Expertenkommission, die die Energiewende für die Bundesregierung beobachtet und einen jährlichen Bericht über den aktuellen Stand anfertigt. Trotz aller Kritik muss er die Bundesregierung in Schutz nehmen: Deutschland sei nun mal Pionier bei dieser langfristigen Umwälzung und müsse deswegen auch Lehrgeld zahlen. Auf Erreichtem ausruhen könne man sich noch lange nicht: „Die größten Probleme liegen noch vor uns.“

Denn nun gehe es darum, die große Transformation langfristig zum Erfolg zu machen. „Wir sind mittlerweile in einer Phase der Energiewende, in der man nicht einfach so weitermachen kann“, sagt auch Henning. Das bedeutet zum einen, dass die Stromnetze dringend ausgebaut werden müssen. Nur wenn die Windkraft aus dem Norden auch in die Industriezentren des Südens transportiert werden kann, können weiterhin Windräder und Solaranlagen gebaut werden.

Vor allem jedoch müsse man den sauberen Strom nun auch in alle anderen Sektoren wie Verkehr und Gebäudewirtschaft ­bekommen, sagt Löschel. So ist im Autoverkehr etwa der CO2-Ausstoß anders als in jedem anderen Sektor in den vergangen Jahren gestiegen. Immer mehr und größere Autos sind ein Problem für den Klimaschutz in Deutschland.

Die Frage ist deswegen, in welchem Tempo ihre Elektrifizierung vorangehen wird. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat Vorschläge einer Expertenkommission zu diesem Thema zuletzt rüde abgewatscht. Aber auch Bauminister Horst Seehofer (CSU) sieht keine Eile für Vorschläge, wie etwa elektrische Wärmepumpen in Gebäuden schneller Verbreitung finden könnten – eine entsprechende Kommission hat er gar nicht erst eingesetzt. Ökologische Musterschüler wollen die beiden Parteikollegen wohl schlichtweg nicht werden.

Braunkohle liegt 2018 vorn