Digitalisierung 3D-Druck auf dem Vormarsch

Stuttgart / Von Lukas Wetzel 27.12.2017

Ein längeres Surren, ein leiser Schlag, ein längeres Surren, ein leiser Schlag. Niemand ist im Raum, doch die Maschine im Halbdunkeln fertigt fleißig Gegenstände. Von links nach rechts, von vorne nach hinten und wieder zurück bewegt sich der Druckkopf eines 3D-Druckers. Er presst verflüssigten Kunststoff aus der Düse. Schicht für Schicht entsteht in wenigen Stunden ein neues Objekt. Nebenan: ein helles Büro. Geschäftsführer Manuel Stange steht vor einem Tisch mit Kunststoff-Gegenständen: einer Turbine, einer Drohne, einem Miniatur-Eiffelturm und Designobjekten.

2014 hat Stange mit seiner Kollegin Sara Mora den 3D-Druck-Dienstleister Rioprinto gegründet – „im kleinen Kämmerlein mit nur einem Drucker“. Die Firma sitzt in Wernau bei Stuttgart. Das Konzept: Kunden lassen sich von Rio­printo 3D-Desings erstellen oder laden eigene hoch, und Stange druckt sie dann aus. Eine kleine Turbine aus Kunststoff kostet zum Beispiel 200 Euro. Die Abnehmer kommen aus der Architektur und Medizin, aus dem Maschinen- und Modellbau, aus dem Produktdesign und der Luftfahrt. Wofür es früher eine ganze Reihe von Handwerksunternehmen gab, reicht heute ein dunkler Raum mit vier 3D-Druckern. Die Geräte sind nicht größer als konventionelle Drucker und der Raum erinnert an einen Hobbykeller.

Es läuft gut für Stange. Er startete mit 12 000 Euro Kapital, mittlerweile ist das Team auf vier Personen angewachsen.  Der Umsatz habe sich seit der Gründung jährlich verdoppelt. Rioprinto bewege sich in der Branche „im Mittelfeld in Baden-Württemberg“, sagt Stange.

Vor fünf Jahren prophezeite die britische Wochenzeitung „The Economist“,  dass sich 3D-Drucker bald in jedem Haushalt fänden. Das Szenario der damals vorhergesagten industriellen Revolution: Ob der passgenaue Schuh, die individuell entworfene Vase oder das fehlende Zahnrad im Elektromotor – jeder würde  sein Wunschprodukt einfach zuhause ausdrucken können. Reparieren wäre wieder angesagt, weil sich Ersatzteile einfach nachdrucken ließen, lange Lieferketten fielen weg und es gäbe kein Überangebot mehr. Denn wer nichts braucht, druckt auch nichts aus. Menschliche Arbeit in Produktion und Logistik würde weiter durch maschinelle ersetzt – das Ende der Massenproduktion.

Fünf Jahre später lässt sich zusammenfassen: Die Realität hat dieser Prognose einen deutlichen Dämpfer verpasst, der 3D-Druck setzt sich eher langsam, nur Schritt für Schritt durch.

Nach einer Studie des branchennahen Beratungsunternehmens „Wohlers Associates“ ist dieser Industriezweig weltweit etwas mehr als fünf Milliarden Euro schwer. Die 3D-Industrie legte laut einer Studie der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt jährlich um 30 Prozent zu. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt in den EU-Ländern sei aber marginal. Die Studie nennt die Niederlande als Beispiel: Dort machten – ähnlich wie in den anderen Mitgliedsstaaten – Produkte aus dem 3D-Drucker 2015 gerade 0,005 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Die Revolution ist ausgeblieben. Dabei ist die Technik immer ausgefeilter geworden.

Rioprinto druckt nur mit Kunststoff; doch mittlerweile können auch Gegenstände aus Glas, Holz, aus Metallen und Edelmetallen hergestellt werden. Es wurden sogar schon Streifen aus Leberzellen ­gedruckt. Sie waren zwar nur wenige ­Millimeter groß, überlebten aber 40Tage.

Wenn die Auftragslage stimmt, laufen die Drucker bei Rioprinto Tag und Nacht. Währenddessen muss niemand vor Ort sein – dafür aber danach. Denn oft werden die Gegenstände mit Stützmaterial gedruckt, das ein Mitarbeiter abzwicken muss. Mit der Lupe und LED-Licht sitzt er dann an einem Tisch neben den Druckern und widmet sich der Kleinstarbeit. Ein Kunststoff-Gebiss nimmt allein eine halbe Stunde in Anspruch, das Nachpolieren nicht mitgezählt.

Angefangen hat Rioprinto mit Privatkunden; mittlerweile machen Industriekunden wie Bosch inklusive das Bildungsministerium 80 bis 90 Prozent aus. Privatkunden fehlten die Kenntnisse über die Software und die Anwendungsgebiete, sagt Stange. „Zwischen einer gedruckten Vase und einer Vase von Ikea besteht kein großer Unterschied. Die Individualität des Produkts ist nicht das Kaufargument.“ Bis jetzt werden nur Einzelstücke und Kleinserien hergestellt.

Für das Handwerk sind Unternehmen wie Rioprinto Fluch und Segen zugleich. Da „individuelle Einzelanfertigungen genau die Stärke des 3D-Drucks“ sei, gebe es „direkte Berührungspunkte“ zwischen der Technologie und manchen Branchen, sagt Gunter Maetze, Beauftragter für Innovation und Technologie bei der Handwerkskammer Ulm. „3D-Druck ist unterschiedlich brisant für die einzelnen Gewerke.“ Für die meisten sei er eine „Erweiterung der Möglichkeiten“, für Zahntechniker, Akustiker und Optiker stelle er dagegen auch eine Gefahr dar. Denn Kronen, Hörgeräte oder Brillengestelle könnten bei 3D-Druck-Dienstleistern hergestellt werden. Auch im Modellbau werde die Technologie „sehr verbreitet eingesetzt“, sagt Alexander Rieck, Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. „Das hat sicherlich zur Folge, dass der Bedarf an professionellen Modellbauern bereits zurückgegangen ist.“

„Mächtige Chancen“

Dass sich der 3D-Druck im Privaten nicht durchgesetzt hat, liegt auch daran, dass er noch sehr kompliziert ist. Für den Druck benötigt man eine Datei, auf der sich das Design befindet. Wer die entsprechenden Programme beherrscht, kann ein Produkt selbst entwerfen. Alle anderen greifen auf  Designs zurück, die im Netz kursieren, teils umsonst, teils kostenpflichtig. Für Furore sorgte, dass 2013 die Pläne für eine Pistole im Internet landeten und in zwei Tagen über
100 000 Mal heruntergeladen wurden.

Er sei davon überzeugt, dass der 3D-Druck noch kräftig zulegen werde, sagt Manuel Stange. Rainer Gebhardt vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau sieht im 3D-Druck sogar eine „mächtige Chance“ und eine „ergänzende Technologie zu herkömmlichen Herstellverfahren“. Die Arbeitswelt auf den Kopf stellt die Technologie zwar nicht; mit ihr verbinden sich aber große Hoffnungen. Der „Economist“ sprach 2012 von einer Revolution. Im Jahr 2017 ist klar: Es ist eine Evolution. Und sie ist voll im Gange.

Ein Interview mit dem Rechtsanwalt für IT-Sicherheit, Andreas Leupold.

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