Berlin 2000 Juden treffen sich in Deutschland zu Europäischen Maccabi-Spielen

Nicht nur Spaß zu den Maccabi-Spielen: Am Berliner Hauptbahnhof erinnern Skulpturen jüdischer Sportler an Erfolge und die Nazi-Verfolgung (siehe unten).
Nicht nur Spaß zu den Maccabi-Spielen: Am Berliner Hauptbahnhof erinnern Skulpturen jüdischer Sportler an Erfolge und die Nazi-Verfolgung (siehe unten). © Foto: dpa
Berlin / DOROTHEE TOREBKO 24.07.2015
70 Jahre nach dem Holocaust empfängt Berlin 2000 jüdische Sportler zu den Maccabi Games. Das größte europäische Sportfest für Juden findet erstmals in Deutschland statt. Ein Event mit Signalwirkung.

"Ich bin am Limit", sagt Oren Osterer und massiert seine Stirn. "Ich schlafe, wenn es hoch kommt, drei Stunden täglich", erzählt der 34-Jährige und lacht dieses hysterisch-spitze Lachen, das Juden meschugge - verrückt - nennen würden. Osterer stemmt mit zwei Hauptamtlichen und zwei Hän- den voll Ehrenamtlicher, was Organisationsteams mit doppelt so vielen Helfern veranstalten. Die European Maccabi Games sind das größte europäische Sportereignis für Juden.

"EMG ist nur einmal im Leben. Um das zu schaffen, musst du verrückt sein", sagt Osterer und blickt mit seinen angeschwollenen Augen in die Runde der Mitstreiter. Der gebürtige Kölner sitzt in einer Kreuzberger Altbauwohnung, die er als Büro umfunktioniert hat. An den Wänden hängen Zeitpläne und der Grundriss des Olympiaparks, den Osterer und Co. als Hauptveranstaltungsort erkoren haben.

1936 krachten Soldaten auf den Platz und eröffneten unter wehender Hakenkreuzfahne die Olympischen Sommerspiele. Jüdische Athleten gab es kaum. 2015 sind sie in der deutschen Hauptstadt die Protagonisten ihrer ganz eigenen Spiele. Zum ersten Mal in der Geschichte der Maccabi Games überhaupt. Während auf den Bildschirmen der drei aufgeklappten Laptops der Ehrenamtlichen immer wieder E-Mails aufploppen, berichtet Osterer von der Vision des Teams, aber auch von den Schwierigkeiten der vergangenen Monate. Da gab es etwa diese Mails mit antisemitischem Inhalt. "Die Juden sind Schuld an den Verfehlungen Israels", "Warum sind zu den Spielen denn nur Juden zugelassen?", "Wenn sich jemand entschuldigen muss, dann die Juden", stand da geschrieben.

Bekomme man da nicht Angst? "Das nicht, aber ein mulmiges Gefühl", sagt Jule Brahms, die einige Mails beantwortete. "Im Vergleich zu 2013 hat es 2014 rund 25 Prozent mehr Gewalttaten mit antisemitischem Hintergrund gegeben", referiert Osterer. "Antisemitismus ist Realität. Den zu bekämpfen ist möglich, aber es ist anstrengend."

Der promovierte Politik- und Medienwissenschaftler weiß das nur zu gut. In der siebten Klasse hatte Osterer sein Schlüsselerlebnis, wie er sagt. Er war gerade 14 Jahre alt. Seine Eltern seien zwar Juden, lebten aber nicht sehr religiös. Zu Hause wurden etwa auch unkoschere Lebensmittel verzehrt. Einzig seine Großmutter bedeutete für ihn eine starke Verbindung zu seinem kulturellen Erbe. Diese wohnte auf eigenen Wunsch im Keller. Sie ließ kein Tageslicht in die Räume, sprach kaum. "Die Spätfolgen von Auschwitz", erklärt Osterer. Sie war Überlebende.

Eines Tages las Osterer in einem Zeitungsartikel, wie israelische Soldaten Wohnungen von Palästinensern durchsucht hätten. Es gab Tote. In der Schule kam ein Jugendlicher auf ihn zu und sagte: "Siehst du, ihr macht doch dasselbe wie Hitler früher mit euch." Osterer war ge- schockt. Ihm wurde klar: "Auf solche Gedanken kommt kein 14-Jähriger von ganz allein. Der muss das von woanders herhaben." Heißt, vermutlich von seinen Eltern.

Das Maccabi-Team, das Osterer zusammengestellt hat, besteht nicht nur aus Juden. Im Gegenteil. Sie sind in der Minderheit. Jule Brahms etwa ist keine Jüdin. "Wir haben die Verantwortung zu wissen, was passiert ist. Die beste Möglichkeit ist aber, sich nicht schlecht zu fühlen, sondern Toleranz zu praktizieren", sagt sie.

Das ist auch einer der Slogans des Sportevents. 2000 Sportler aus 37 Nationen ermitteln in 19 Wettkämpfen vom Montag an bis zum 5. August die Besten. Klassische Sportarten sind dabei wie Basketball, Golf und Tennis, aber auch Bowling oder Kartenspiele wie Bridge. Zusätzlich trifft eine Auswahl der Maccabi-Fußballer auf die DFB All Stars, eine Auswahl ehemaliger Nationalspieler. Die Basketballer treten gegen den Berliner Bundesligisten Alba an.

Ihren Ursprung haben die Maccabi-Spiele in der Ausgrenzung. Weil Anfang des 20. Jahrhunderts immer mehr Juden nicht an Wettkämpfen teilnehmen durften, entstand eine eigenständige Sportbewegung. 1929 organisier ten die Athleten in Prag die Premiere der EMG. Nun finden die 14. Spiele zum ersten Mal in Deutschland statt - mit so vielen Teilnehmern wie nie zuvor. Finanziert wird die Maccabiade zur Hälfte aus Teilnehmerbeiträgen. 1000 Euro zahlt jeder Sportler. Gel- der vom Land und Bund decken den anderen Teil der Fünf-Millionen-Veranstaltung ab.

Aus der Wirtschaft, genauer von Dax-Unternehmen, kam zur Enttäuschung der Organisatoren keine Unterstützung. Kein Sportartikelhersteller, keine Fluglinie, kein anderes großes Unternehmen beteiligt sich finanziell. Dabei ist der Event einer mit großer Strahlkraft - und noch größerem Sicherheitsaufwand. Da die Spiele für alle Zuschauer offen sind, bedarf es besonderer Maßnahmen. So sollen Sportler, wenn sie in Gruppen unterwegs sind, keine Identifizierungsmerkmale wie Kippas oder Davidsterne tragen. Für die 600 Jugendlichen, denen ein Bildungsprogramm geboten wird, herrscht Ausgehverbot.

"Dennoch ist es uns ganz wichtig, die Begegnungen zwischen Gästen und Teilnehmern zu ermöglichen", erklärt die Presseverantwortliche Lena van Hooven. "Ich hätte keinen Spaß, wenn ich wüsste, die Veranstaltung findet hinter Mauern statt", sagt Osterer. Es gehe auch darum, mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen. Dies kann direkt neben dem Spielfeld passieren. Im Bahnhof Friedrichstraße zum Beispiel sind bunte City-Light-Poster aufgestellt, die auf Jiddisch von dem Event künden. "Die schnellste Ische Europas" oder "Die ganze Mischpoke am Start", steht dort geschrieben.

Judentum verstehen - das bedeutet, nicht nur die religiösen Aspekte zu begreifen. Judentum, sagt Osterer, ist auch die besondere Gemeinschaft. "Es ist möglich, nicht an Gott zu glauben, und trotzdem Teil dieser Minderheit zu sein. Es ist die Zugehörigkeit, eine Identität, eine Schicksalsgemeinschaft", erläutert er. Dazu gehört das historische Erbe. Dazu gehört die Sprache. Die Maccabi Games können zum Dialog beitragen - und ein Stück Meschuggenheit in der Hauptstadt verbreiten.

Die Stars ihrer Zeit

Ausstellung Unter dem Titel "Zwischen Erfolg und Verfolgung" sind vor dem Berliner Hauptbahnhof bis zum 16. August 17 deutsch-jüdische Sportler zu sehen. Erinnert wird an den Fußballpionier Walther Bensemann, dem in der Nazi-Zeit nur die Flucht blieb. Fußball-Nationalspieler Julius Hirsch oder die deutsche Leichtathletikmeisterin Lilli Henoch wurden ermordet. Ralph Klein, später israelischer und deutscher Basketball-Nationaltrainer, entkam knapp der Deportation ins KZ.

Patin Die Schwimmerin Sarah Poewe (Foto) gewann 2004 als erste jüdische Athletin nach dem Zweiten Weltkrieg für Deutschland eine olympische Bronzemedaille. Sie ist Patin der Schwimmwettbewerbe der Europäischen Maccabi-Spiele. Sie hat die Idee, dieses Sport-Ereignis in Berlin zu veranstalten, von Anfang an unterstützt.

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