Leitartikel Zur Gen-Schere CRISPR/Cas: Forschen mit Bedacht

Es wäre aber auch falsch, nicht weiter an CRISPR/Cas zu forschen. Die Technologie hat das Zeug dazu, schwere Krankheiten zu heilen, meint unsere Redakteurin Yasemin Gürtanyel.
Es wäre aber auch falsch, nicht weiter an CRISPR/Cas zu forschen. Die Technologie hat das Zeug dazu, schwere Krankheiten zu heilen, meint unsere Redakteurin Yasemin Gürtanyel. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Von Yasemin Gürtanyel 04.12.2018
Die Technologie Crispr/Cas kann womöglich Krankheiten verhindern. Dennoch wäre es verheerend, sie einfach einzusetzen.

Die Gen-Schere CRISPR/Cas wirkt monströs: Nach Belieben im Genom herumschnippeln, nicht nur in dem von Pflanzen, sondern auch dem von Tieren und, wie sich endgültig gezeigt hat, dem des Menschen. Das weckt Visionen von Frankensteins Kreatur, von „Designerbabys“.

CRISPR/Cas ist derart effektiv, dass das nicht abwegig ist. Vorausgesetzt allerdings, wir wissen, was die einzelnen Gene bewirken und wie sie zusammenarbeiten. Davon indes sind wir noch weit entfernt, vor allem in einem so komplexen Organismus wie dem menschlichen.

Aber auch, wenn wir einfacher gebaute Tiere und Pflanzen modifizieren, können die Folgen unseren Horizont überschreiten. Die  Ausrottung der Malaria-Mücke per Gen-Schere etwa mag aus unserer Sicht gerechtfertigt sein – aber wir wissen nicht, wie sich ihr Verschwinden oder ihre Umwandlung in ein harmloseres Insekt auf das Ökosystem auswirkt.

Gezielte Veränderungen

Nun greift der Mensch ständig in Ökosysteme ein, verändert Tiere und Pflanzen. CRISPR/Cas hat aber eine andere Qualität: Es kann viel gezielter eingegriffen werden, und die Veränderungen können sich auf die kommenden Generationen vererben. Haben wir die Geister erst gerufen, werden wir sie nicht mehr los. Die Änderungen im Genom lassen sich nicht rückgängig machen, schon gar nicht beim Menschen. Oder man müsste den mit der Gen-Schere behandelten Menschen verbieten, sich fortzupflanzen – was ethische Fragen völlig neuen Ausmaßes aufwirft.

Sollten wir CRISPR/Cas also in die Schublade sperren und so tun, als hätte es nie existiert? Selbst wenn wir das wollten, wäre es unmöglich – irgendjemand wird die Technologie anwenden, zur Not im versteckten Kämmerlein wie jetzt der chinesische Forscher He Jiankui.

Es wäre aber auch falsch, nicht weiter an CRISPR/Cas zu forschen. Die Technologie hat das Zeug dazu, schwere Krankheiten zu heilen. Die besten Aussichten haben momentan solche, die auf ein einziges Gen zurückzuführen sind, bei denen wir also einigermaßen wissen, was wir tun. Die Gen-Schere den Menschen vorzuenthalten, wäre ebenso unmoralisch wie sie bedenkenlos anzuwenden.

Forscher warnen vor vorschneller Anwendung

Also forschen ja, aber in langsamen Schritten und mit größtmöglicher Transparenz. Wie das gehen kann, zeigen die Erfinderinnen der Gen-Schere, Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna. Beide werden nicht müde, vor vorschneller Anwendung ihrer Technologie zu warnen, an die sie dennoch mit ganzem Herzen glauben. Schon früh haben sie ein Moratorium gefordert, was das menschliche Genom betrifft. Auch um den Preis, dass Kollegen an ihnen vorbeipreschen.

Ein gutes Zeichen ist, dass He Jiankuis Vorgehen von Wissenschaftlern einstimmig verurteilt wird. Das lässt hoffen, dass CRISPR/Cas künftig behutsam angewendet wird. Die Gen-Schere zu ignorieren, funktioniert nicht. Wichtig sind eine offene Diskussion und klare Gesetze, die sagen, was erlaubt ist und was nicht. CRISPR/Cas  völlig zu verbieten, wäre der falsche Weg.

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