Der Tod gehört zum Leben. Doch wenn er so plötzlich kommt wie bei einem Unfall, dann reißt er einen Menschen nicht nur mitten aus dem Leben, sondern auch ein großes Loch in das Leben der anderen. Oft stellt sich dann die Frage nach dem Warum. „Unser Wissensstand zum Unfallgeschehen ist der gleiche wie vor einem Jahr“, sagt Angela G. und presst die Lippen aufeinander, um den Schmerz nicht herauszulassen.
Ihr Sohn Mathias wurde im August 2020 in Berlin von einem Lkw getötet. Er stand an einer Kreuzung, als der Fahrer aus bisher immer noch ungeklärten Gründen die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor und gegen den Ampelmast prallte, an dem der Radfahrer auf Grün wartete. Mathias Puddig wurde nur 35 Jahre alt. Er war politischer Korrespondent dieser Zeitung. Ein fröhlicher, aufstrebender junger Redakteur. Es war sein erster Urlaubstag. Er hatte den Sommer über viel gearbeitet. Sein Lebenspartner war gerade erst mit der Doktorarbeit fertig geworden. Beide freuten sich auf die gemeinsame freie Zeit. Sie wollten noch Bücher in der Bibliothek abgeben, bevor es in den Urlaub mit Freunden an die Ostsee gehen sollte.
Dann kam der Moment, nach dem nichts mehr war wie vorher.

Expertin: Unfalltod löst häufig Trauma aus

„Der Tod eines Menschen kommt für seine Angehörigen gefühlt immer zu früh“, sagt Silke von Beesten von der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland. „Aber der Tod durch einen Verkehrsunfall geschieht dazu ohne Vorwarnung“, erklärt die Fachpädagogin für Psychotraumatologie von der Polizei Köln. „Die Hinterbliebenen hatten vorher keine Chance, den Verlust des geliebten Menschen einmal gedanklich durchzuspielen und sich darauf vorzubereiten. Das löst häufig ein Trauma aus, dessen Aufarbeitung besonders komplex und schwierig ist“, sagt von Beesten.
Die Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland e.V. (VOD) mit Sitz in Münster hilft Opfern und Angehörigen. Auf deutschen Straßen werden jährlich rund 400 000 Menschen verletzt. Alleine im vergangenen Jahr kamen 2 724 Menschen im Straßenverkehr ums Leben. Radfahrende gelten als besonders gefährdet. Die Zahl der Todesfälle in ihrer Gruppe steigt fast jährlich an.
Nach dem Tod von Mathias Puddig pilgerte der Fahrradclub ADFC mit 80 Teilnehmern nach Berlin-Adlershof. Sie stellten ein weißes sogenanntes Geisterrad am Unfallort auf. Dann zogen sie vor das Verkehrsministerium und wiederholten ihre Forderungen nach einem Abbiege-Assistenten für Lkw.

Familie will Details des Unfalls wissen

Mathias Puddigs Familie, die von der Aktion nur zufällig im Radio erfahren hatte, fand das eher befremdlich. „Es war ja kein klassischer Rechtsabbiegeunfall, eigentlich nicht mal ein Radunfall. Er stand ja an der Ampel“, sagt seine Schwester. Dass Judith S. bis heute die genauen Hintergründe nicht kennt, zermartert sie. „Ich will wissen, warum der Lkw-Fahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor. Ich frage mich immer wieder, warum Mathias nach dem Aufprall zehn Meter hinter dem Ampelmast lag. Wie kam er dahin? Wurde er geschleudert oder mitgeschleift?“
So grausam die Details auch sein könnten, die Fantasien, die ihr durch den Kopf gehen, wenn sie um drei Uhr nachts nicht mehr schlafen kann, sind noch grausamer. „Ich brauche diese Informationen und Bilder, damit ich damit abschließen kann“, sagt die junge zweifache Mutter. So sei es für sie zum Beispiel auch wichtig zu wissen, um welches Lkw-Modell es sich handelte. „Dann muss ich nicht vor jedem Lastwagen zusammenzucken, sondern kann mich einer Marke stellen.“
Die Todesnachricht erhielt sie am frühen Nachmittag des 3. August von Mathias’ Lebensgefährten per Telefon. Er hatte vor Ort noch versucht, seinen Freund wiederzubeleben. Danach wurde er von den Notfallsanitätern mit starken Medikamenten ruhiggestellt.

Familie liest Falschmeldungen im Internet

„Ich dachte immer, wenn so etwas passiert, kommt irgendwann die Polizei zu einem nach Hause und bringt einen Notfallseelsorger mit. Aber zu uns kam niemand“, berichtet Judith S. Während im Internet schon mehrere Unfallmeldungen inklusive mancher Falschinformation kursierten, versuchte die Familie bis zum Abend eine offizielle Auskunft von den Behörden zu bekommen. „Ich bereue es heute sehr, dass ich im Internet die Kommentare gelesen habe“, sagt die Schwester. Darin wurden zum Teil wilde Spekulationen über den Unfallhergang angestellt. „Einer behauptete, Lkw- und Fahrradfahrer hätten sich vorher gestritten, und der Lkw-Fahrer habe den Radfahrer gejagt. Ich kann nicht verstehen, wie man so pietätlos sein kann“, sagt Judith S.
Erst gegen 22 Uhr und nach vielen Anrufen bei der Polizei bekommen die Angehörigen die offizielle Bestätigung des tödlichen Unfalls. „Aber Details konnte uns der Beamte nicht nennen – mit der Begründung, er könne ja per Telefon nicht sicherstellen, wen er wirklich am Apparat hat“, berichtet die Schwester, die nach ihrer Heirat wie die Mutter einen anderen Nachnamen trägt als ihr Bruder.
„Wir fühlen uns sehr alleine gelassen“, sagt die Mutter. Jemanden deswegen anzuklagen, liegt ihr fern. „Aber wir wünschen uns, dass, wenn anderen so etwas widerfährt, sie mehr Unterstützung bekommen als wir. Denn man selbst hat eigentlich überhaupt nicht mehr die Kraft, sich Informationen zu holen, Psychologen abzutelefonieren oder nach dem richtigen Anwalt im Netz zu googeln.“

Expertin: Menschen fühlen sich oft im Stich gelassen

„Dass sich die Menschen im Stich gelassen fühlen, hören wir sehr oft“, sagt auch Silke von Beesten von der Verkehrsunfall-Opferhilfe. Über ein Hilfsnetzwerk versuchen sie und ihre Kollegen, Opfer und Angehörige aus ganz Deutschland schnell an Psychologen zu vermitteln, die erst einmal eine Notversorgung anbieten. Dass sich die Menschen vor allem „vom Staat“ alleine gelassen fühlen, hänge am Umgang mit körperlichen und psychischen Folgen.
Denn das sogenannte Opferentschädigungsgesetz, das zum Beispiel staatliche Unterstützung bei Berufsunfähigkeit sowie Finanzierung von Therapien vorsieht, greife bei Verkehrsunfällen nicht. „Der Staat begründet das damit, dass ja die Versicherung des Verursachers für Folgeschäden aufkommt. Die Realität sieht aber leider ganz anders aus“, erklärt die Beraterin. Vor allem die psychischen Schäden würden von den Versicherungen meist nicht anerkannt. „Ich kenne Menschen, die seit 15 Jahres prozessieren müssen, was sich dann noch zusätzlich negativ auf ihre Psyche auswirkt“, so die Traumatologin.
Die Familie von Mathias Puddig hat sich einen Anwalt genommen, um Informationen über den Unfallhergang und Akteneinsicht zu bekommen. „Doch viel weiter gekommen sind wir damit bis heute nicht“, berichtet die Mutter.

Staatsanwaltschaft: Ermittlungsverfahren läuft noch

Nach mehrmaligen Anfragen dieser Zeitung gibt die Berliner Staatsanwaltschaft derzeit nur so viel bekannt: Das Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung laufe noch. Der Führerschein des Lkw-Fahrers sei sichergestellt worden. „Ein Verkehrsunfallgutachten wurde in Auftrag gegeben“, so Sprecher Martin Steltner. Es sei nicht ungewöhnlich, dass etwas so lange dauert, erklärt der Staatsanwalt. „Wenn langwierige Verkehrsunfallgutachten hinzugezogen werden, kann das manchmal mehrere Jahre dauern.“ Ob der Lkw-Fahrer angeklagt wird, entscheide sich, wenn die Sachverständigen geklärt hätten, ob es Momentversagen war oder der Fahrer fahrlässig handelte, weil er zum Beispiel zu schnell gefahren ist oder Alkohol im Spiel war.
Judith S. würde einer Gerichtsverhandlung beiwohnen, wenn es dazu kommt. „Ich möchte den Fahrer des Lkw gerne einmal sehen. Ich würde gerne wissen, wie es ihm geht, ob es ihm leidtut.“
Wenn sie mit der Mutter die Schülerzeitung anschaut, die Mathias als Junge gebastelt und mit eigenen Texten bestückt hat, wenn sie die Fotos aus den gemeinsamen Zeiten betrachten, dann ist es für einen Moment so, als wäre er wieder lebendig. Als säße er mit am Tisch.
„Über Mathias zu reden hilft“, sagt die Schwester. Am Anfang sei in ihrem Umfeld das Verständnis für ihre Trauer noch groß gewesen. Manche Freundschaften sind sogar noch gewachsen. Es gibt aber auch Freunde, die sich nicht mehr melden. Andere wiederum behandelten sie wie ein rohes Ei. „Wahrscheinlich können viele nicht damit umgehen, dass man oft einfach mal weinen muss“, vermutet Judith S. Eine Kollegin riet neulich, sie müsse sich ablenken. „Nein“, weiß die 35-Jährige. „Ich muss verarbeiten“. Doch erst nach einem Jahr hat sie einen festen Therapieplatz bekommen.

Schwester kann Unfall nur schwer verarbeiten: Tränen selbst am Hochzeitstag

„Ich habe den Menschen an meiner Seite verloren, von dem ich dachte, ich würde mein ganzes Leben mit ihm verbringen“, erklärt die Schwester. Weil sie nur ein Jahr auseinander waren, seien sie quasi wie Zwillinge aufgewachsen. Gemeinsam haben sich die Geschwister ausgemalt, wie sie sich einmal um die Mutter kümmern, falls diese sich nicht mehr versorgen kann.
Wenn die Schwester nun durch Oranienburg an dem Wohnblock vorbeifährt, in dem sie gemeinsam groß geworden sind, zieht sich ihr Herz zusammen. „Mathias fehlt überall“, sagt Judith S.. Selbst an ihrem Hochzeitstag kommen ihr die Tränen, weil sie daran denken muss, wie ihr Bruder sie zum Altar führte.
Manchmal tut es ihr gut, an schöne gemeinsame Momente zurückzudenken. An seine Geburtstagsgeschenke, die meist einen gemeinsamen Ausflug beinhalteten. An das letzte Wochenende ganz allein zu zweit an der Ostsee mit langen Gesprächen und Spieleabenden. „Wenn er mich geweckt hat, war schon das Frühstück fertig, mit Avocado-Creme, viel besser als im Hotel“, erzählt Judith S. und für einen Moment erscheint ein Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Mathias war jemand, der die Menschen, die ihm nahestanden, gerne verwöhnt hat“, erinnert sich auch seine Mutter. „Er hat gerne gearbeitet, aber wenn er frei hatte, auch das Leben gefeiert. Ich weiß, er war glücklich“, sagt die Mutter. Es klingt wie ein kleiner Trost.
Doch Schmerz und Trauma lauern seit einem Jahr überall. An Ampeln und Kreuzungen. Oder wenn in die Bank, in der Judith S. arbeitet, plötzlich ein junger Mann hereinschneit, den Fahrrad-Rucksack lässig über die Schulter geworfen, so wie Mathias, wenn er sie zur Mittagspause abholte. „Dann muss ich weg vom Schalter und einen Kollegen bitten zu übernehmen.“
Manchmal, wenn sie die Kraft dazu hat, fährt sie gemeinsam mit der Mutter an den Ort, an dem Mathias starb. Sie stellen Blumen an das Geisterrad, hängen einen Luftballon in Herzform an den Sattel. „Wir wollen, dass man sieht, dass der Mensch, der dort starb, weiter innig geliebt wird.“