Sie war ein bezauberndes Wesen. Und wahnsinnig gut in ihrem Job. „Sie war einfach magisch“, sagt ihr ehemaliger Chef Rob Perez. „Meine beste Kellnerin.“  Und sie spritzte seit mehr als einem Jahrzehnt Heroin. Rob und seine Frau Diane fanden die Fixer-Utensilien eines Tages auf der Restauranttoilette. Perez kommen immer noch die Tränen. Es folgten Rauswurf, Wiederannäherung, der Versuch zu helfen, Entzug, neuer Job, wieder Rauswurf wegen der Vorgeschichte, Rückfall. Was dann aus ihr wurde, wissen sie nicht – immerhin ist sie am Leben.
 Amerika versinkt seit mehr als zwei Jahrzehnten in einem Betäubungsmittelrausch. Jeden Tag sterben nach offiziellen Angaben 134 Menschen an Opioiden, also an bestimmten verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln oder Heroin. Experten gehen davon aus, dass seit 1999 insgesamt mehr als 460.000 einer Überdosis zum Opfer gefallen sind. ­Allein 2017 waren es rund 49.000 Menschen.

Grenzenlose Sucht

Betroffen sind alle Bevölkerungsschichten. Alte, Junge, Männer, Frauen, Arme und Reiche. „Diese Sucht kennt keine Grenzen. Sie macht auch vor einer Millionärsvilla nicht halt“, sagt Chad Traylor, Leiter des Rettungsdienstes in Lexington. Kentucky und Lexington als größte Stadt des Bundesstaats sind von dem Drama besonders betroffen. Die Rettungssanitäter werden hier mittlerweile jeden Tag mindestens einmal gerufen, weil jemand regungslos im Park liegt oder am Steuer seines Autos zusammengebrochen ist. An besonders schlimmen Tagen fahren sie 25 Einsätze allein aus diesem Grund. Sie verabreichen dann das Mittel Narcan, allein dafür gibt die Feuerwehr mehr als 100.000 Dollar im Jahr aus. Insgesamt kostet das alles die Stadt jährlich mehrere Millionen – Lexington und andere von dem Opioid-Missbrauch besonders gebeutelte Regionen haben deshalb die Medikamentenhersteller verklagt. Präsident Donald Trump rief unterdessen den nationalen  Notstand  aus, kündigte eine Aufklärungskampagne an –  und dachte laut über die Todesstrafe für Dealer nach.

Der schöne Schein und das Elend

Hier im malerischen Fayette County treffen zwei Welten, der schöne Schein und das Elend der Drogensucht, besonders hart aufeinander: Kentucky – das ist der Staat der Pferdezucht und des berühmten Bourbon Whiskeys. Gestüte schmiegen sich zwischen grüne Hügel, auf den Koppeln grasen Rassehengste. Lexington ist eine blühende Stadt mit rund 300.000 Einwohnern. Armut und Arbeitslosigkeit wie in den sterbenden Kohleregionen scheinen kein Problem zu sein. Und trotzdem versinkt auch diese Gegend mit den manikürten Rasen vor den Südstaatenvillen im Drogensumpf.
Ausgerechnet das US-Gesundheitssystem spielt dabei eine große Rolle. Morphiumhaltige und schnell süchtig machende Schmerzmittel werden bereits nach minimalen operativen Eingriffen, bei kleineren Wehwehchen und schon Jugendlichen verschrieben. Ein Hersteller, Purdue Pharma, brachte Mitte der 90er Jahre sein neues Schmerzmittel OxyContin mit großem Tamtam auf den Markt – und spielte das enorme Suchtpotential herunter. Da Ärzte und Krankenhäuser oft für ihr Schmerz-Managements beurteilt werden, war auf den ersten Blick allen gedient: Die Patienten waren zufrieden, Ärzte und Kliniken bekamen bessere Noten, und alle verdienten gut. Die Versicherungen erstatten bis heute oft die Kosten für die Opioide – nicht süchtig machende Alternativen sind wesentlich teurer und werden nicht bezahlt. „Die Leute hier können nicht gut mit Schmerzen umgehen, dabei würden oft schon leichtere Mittel helfen“, sagt auch Rettungssanitäter Andrew Deem aus Ohio.

Heroin ist billiger als Pillen

Irgendwann geriet dann alles außer Kontrolle. Viele Patienten wurden abhängig von den Pillen, Ärzte verschrieben zu viele davon. Menschen fanden heraus, dass man die Tabletten zerbröseln und schnupfen kann für einen besseren Rausch. Vor einigen Jahren änderten Ärzte aufgrund des öffentlichen Drucks ihr Verschreibungsgebaren und die Hersteller die Rezeptur. Das hatte Folgen: Die Pillen wurden auf dem Schwarzmarkt immer teurer – und die Abhängigen begannen Heroin zu nehmen. Das hat dieselbe Wirkung, ist aber viel billiger. Allerdings ist nun nicht mehr zu erkennen, was genau man bekommt. Die Drogen werden außerdem immer häufiger mit dem wesentlich stärkeren synthetischen Opioid Fentanyl vermischt – seitdem steigen die Todesfälle durch Überdosen dramatisch.
Fast jeder im Land ist von dieser  Entwicklung betroffen, hat Verwandte, die süchtig wurden, kennt jemanden, der starb. „Selbst in meinem eigenen privaten Umfeld gibt es Fälle“, sagt der Chef des Lexingtoner Drogendezernats Jesse Harris und erklärt den Ansatz der hiesigen Polizei: Seit ein paar Jahren versucht man, die Abhängigen nicht zu kriminalisieren, sondern über sie an die Hintermänner heranzukommen. Das zeigt erste Erfolge – ist aber mühsam. Denn die Kartelle, die hinter dem Drogenimport stecken, fänden immer neue Wege, ihre Ware in die USA und die Regionen zu schaffen, wo es eine entsprechende Nachfrage gebe, sagt Harris.
Weil auch Rob und Diane Perez persönlich von der Krise betroffen waren – sie verloren in den vergangenen Jahren 15 Mitarbeiter wegen Überdosen – handelten sie: Sie gründeten in Lexington das Restaurant DV8 (ausgesprochen deviate). Ein Wortspiel, das so viel bedeutet wie Umkehr. Das Konzept beruht auf Wiedereingliederung und Stabilisierung von ehemaligen Abhängigen.  „Wir geben ihnen einen sicheren und drogenfreien Arbeitsplatz“, sagt Diane, die Rob mehrere Jahre lang drängte, ein solches Projekt zu starten. Der zögerte, weil er – obwohl selbst trockener Alkoholiker, oder vielleicht gerade deshalb – die Klientel für unzuverlässig hielt. Vorurteile, die er sich heute kaum vergeben kann.

Besonders wichtig: Pünktlichkeit

Nun arbeiten nur Menschen hier, die den Entzug bereits hinter sich haben und in Rehazentren an ihrem neuen Leben feilen. Außerdem müssen sie regelmäßigen Drogentests zustimmen. Das Restaurant schließt nachmittags – da haben die  Mitarbeiter oft Termine mit Therapeuten und Sozialarbeitern. Jeder hier muss sich Robs und Dianes strengen Regeln unterwerfen: Pünktlichkeit ist oberste Tugend, wer mehr als einmal zu spät kommt, riskiert seinen Job. Fleiß und Freundlichkeit werden gefordert, auch hier sind die Standards hoch.
„Du brauchst eine gute Arbeit, vor allem aber gute Beziehungen mit Leuten, die wissen, wo du herkommst.“ Rob erzählt, wie ehemalige Süchtige oft an Hintergrundüberprüfungen in neuen Jobs scheitern. Ihre Geschichte und Vorstrafen verhindern, dass sie wieder Fuß fassen. Der Rückfall ist dann oft nicht weit. Wie bei Sarah, seiner Lieblingskellnerin. Bei ihr war der Weg in die Sucht ein Schmerzmittel, das sie als Schülerin nach einer Weisheitszahn-OP bekam.

„Ein einziger Nebel“

In der DV8-Küche arbeitet gerade Zach, einer der 24 Angestellten. Der 19-Jährige schaut freundlich und offen, während er seine Geschichte erzählt: Marihuana mit zwölf, bald in der Schule gedealt, erste Polizeikontakte. Dann neugieriger geworden, härtere Sachen probiert, irgendwann Heroin. Auch das verkauft er weiter. „Meine gesamten Teenager-Jahre sind ein einziger Nebel.“ Irgendwann dringt die Polizei in sein Haus ein – da ist er 17. Er geht ins Gefängnis und erkennt, dass er sein Leben ändern muss. Zach macht einen Entzug, hat Rückfälle. Erst bei DV8 hat er es geschafft, für einen längeren Zeitraum sauber zu bleiben. „Rob und Diane haben mir geholfen, mich so zu akzeptieren wie ich bin. Sie sind ein Segen.“

Die Leute stehen Schlange

Nach anfänglichen Schwierigkeiten („Wir haben jeden Monat 10 000 Dollar Miese gemacht“) brummt der Laden. Mittags ist kaum einer der rund 100 Plätze frei. Die Leute stehen bis auf den Parkplatz Schlange, um eine der beliebten Zimtschnecken zu ergattern. Die lässt Rob aus Croissantteig backen – damit sie mehr Arbeit machen und seine Angestellten Ruhe und Geduld lernen. Aber auch die warmen Gerichte zum Mittag sind beliebt.
Auf die Qualität des Essens legen die Perez’  großen Wert, sie wollen nicht, dass „zweite Chance“ als „zweitklassige Qualität“ wahrgenommen wird. Das war anfangs so, bis Rob sich öffentlich zu DV8 bekannte. Er betreibt drei weitere, sehr erfolgreiche Restaurants in Lexington. Sein guter Ruf wirkte – auf einmal kamen die Gäste.
Und die sind glücklich, so zumindest ein bisschen zur Lösung des Problems beitragen zu können. „Wenn Du in einer Gemeinschaft lebst, hilfst Du dieser auch”, sagt Ginger, die heute zum ersten Mal gekommen ist. Rob und Diane sind nun fast jeden Tag hier, ihre anderen Restaurants laufen weitgehend von selbst. „Die haben wir, um unsere Rechnungen zu bezahlen“, sagt Rob. „Aber das hier, das haben wir für unsere Herzen.“ Nie sei er in seinem beruflichen Leben erfüllter gewesen. Er bedauert nur eines: Dass er das DV8 nicht schon viel früher aufgemacht hat.

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