Hintergrund Fußball-WM: Die Wirtschaft fiebert mit

Berlin / Michael Gabel 02.06.2018
Profitiert die Wirtschaft oder überwiegen die Produktionsausfälle durch Fans? Experten vertreten beide Ansichten.

Profitiert die Wirtschaft von der Fußball-WM? Beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag ist man überzeugt, dass das 1:0 im Finale vor vier Jahren die Wirtschaft beflügelt hat. „Deutschland hat mit technisch überzeugendem und fairem Spiel weltweit Sympathien gewonnen“, sagt Außenhandelschef Volker Treier. „Das hilft uns beim Export auch über den Tag hinaus.“

Das Problem für die Wirtschaftsforschung: Belegen lässt sich diese Behauptung nicht. Professor Gert G. Wagner hält positive wie negative Auswirkungen einer Fußball-WM für „krass überschätzt“. Das gelte nicht nur für Hersteller von Sportartikeln und Merchandisingprodukten, sondern auch für die Gastronomie. „Man kann das Geld nur einmal ausgeben. Wenn während der WM viel gefeiert und getrunken wird, dann halten sich die Leute in der Zeit danach dafür umso mehr zurück“, sagte der frühere Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) der SÜDWEST PRESSE. Immerhin seien Public Viewing und gemeinsames Grillen gut für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Es gibt auch negative Auswirkungen

Andere Wissenschaftler betonen die negativen Auswirkungen eines solchen Großereignisses auf die Volkswirtschaft. Marketing-Professor Markus Voeth von der Universität Hohenheim hat berechnet, dass die Heim-WM 2006 in Deutschland beispielsweise durch Fernsehen am Arbeitsplatz und Krankfeiern zu Produktionsausfällen in Höhe von 0,4 Prozent der Wirtschaftsleistung geführt hat. Das wären rund eine Milliarde Euro. Das Schweizer Institut für Management Development (IMD) kommt für Deutschland auf einen Verlust von rund 1,5 Milliarden Euro pro WM. Weltweit entstehe durch Produktionsausfälle sogar ein Schaden von etwa zehn Milliarden Euro, sagt IMD-Volkswirt Willem Smit.

Siege können sich jedoch positiv auswirken. So hat ein Forscherteam der Uni Bonn durch Befragungen vor und nach der WM 2006 herausgefunden, dass das Erreichen des Halbfinales zu einem Umschwung in der Bewertung der wirtschaftlichen Lage geführt hat: Nach der WM war diese „signifikant besser als elf Tage vor der WM“. Die Forscher berechneten auch, wie stark sich das persönliche Einkommen erhöhen müsste, um einen vergleichbaren Effekt auf die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage zu bekommen: Damit Menschen ähnlich positiv in die Zukunft blicken wie nach WM-Siegen, müsste ihr Gehalt um 500 Euro steigen.

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