Leitartikel Jürgen Kanold zur Frankfurter Buchmesse Beglückte Leser

Jürgen Kanold.
Jürgen Kanold. © Foto: Könneke Volkmar
Ulm / Jürgen Kanold 09.10.2018

Leseratten gibt es immer noch, auf jeden Fall in Stuttgart: Dort waren es aber kürzlich konkret Wanderratten, die sich in der Uni-Bibliothek durch 8000 Bücher fraßen und großen Schaden anrichteten. Der Buchhandel findet solche Scherze nicht so lustig, denn zwischen 2013 und 2017 ist die Zahl der Buchkäufer (ohne Schul- und Fachliteratur) um 6,4 Millionen zurückgegangen: um 17,8 Prozent!

Dass der Buchhandel den Umsatz ungefähr hält, liegt nur darin begründet, dass Menschen über 60, also jene Leser, die vor dem digitalen Zeitalter sozialisiert worden sind, noch richtig Lust auf Lektüre haben. Bei den Käufern zwischen 30 und 49 Jahren aber ist der Rückgang am stärksten. Das ist jene Bevölkerungsgruppe mit dem rasantesten Anstieg der Verweildauer im Netz: mittlerweile über drei Stunden am Tag. Wer sich in den sogenannten sozialen Medien tummelt, gerne auch die eigene Autorenschaft mit Erlebnissen aus dem Privatleben pflegt, hat keine Zeit mehr für das Wissen und die Romane der anderen.

Bücher werden von Streamingdiensten verdrängt

Es gibt weitere Gründe, hat eine Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels herausgefunden: der Konsum von Serien auf Streaming­diensten sorgt für das neue Gruppenerlebnis. Es ist ein Statusverlust des Buches, Nicht-Lesen ist kein Stigma mehr, die Gesellschaft ist nicht mehr literarisch geprägt, jetzt dominieren audiovisuelle Medien.

Das ist nicht der Untergang des Abendlandes, aber nachdenklich stimmt einen diese Entwicklung schon. Jahrtausendelang hat sich die um kulturellen Fortschritt bemühte Menschheit das Lesen beigebracht, um frei zu werden. Noch im 19. Jahrhundert kostete ein Buch ein Vermögen, war Bildung ein Privileg. Jetzt klagt nicht nur Alexander Skipis, der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins: „Wollen wir uns eine Gesellschaft leisten, in der nur noch wenige Eliten lesen und die Geschicke der Menschen steuern?“ Die Frage ist berechtigt. Wobei ein Donald Trump, der nur twittert, sogar US-Präsident sein kann. Was kein Trost, sondern der Horror ist.

Die Frankfurter Buchmesse stellt in dieser Woche trotzdem tausende Neuerscheinungen vor. Die Branche aber sorgt sich, wie sie die reizüberfluteten Zeitgenossen wieder gewinnen kann. Eine GfK-Studie nennt tolle, auch verzweifelte Ideen, damit ahnungslose Kunden vergessen, dass das Lesen auch eine geistige (aber sehr lohnende) Anstrengung ist: Bücher an unerwartete Orte wie Fitnessclubs bringen oder Yoga-Stunden in der Buchhandlung anbieten. Wenn‘s hilft.

Die klassische Literaturkritik ist als Influencer auch nicht mehr cool, weil Nicht-Leser ja auch keine Lese-Tipps lesen. Trotzdem, wir empfehlen jetzt mal einen 700-Seiten-Roman: „Gott der Barbaren“ von Stephan Thome, der Favorit auf den Deutschen Buchpreis, der heute in Frankfurt vergeben wird. „Gedankenabenteuer“ oder „Welt­entrückung“ assoziieren die Menschen mit Lesen, und sie suchen, so eine Studie, sehr persönliche „Ich-Zeit“. Also bitte, Thome gibt einem gut 20 Stunden davon. Und man ist kein Fossil, wenn man sie nutzt, sondern beglückt.

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