IS Was tun mit deutschen IS-Kämpfern?

Ulm / Von Elisabeth Zoll 13.02.2019

Die Auflösung der von der Terrormiliz IS kontrollierten Gebiete in Syrien  und dem Irak hält an. Tausende Menschen fliehen derzeit zu den von Kurden angeführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) in der ostsyrischen Provinz Deir ez-Zor. Mit ihnen hunderte Dschihadisten. Auch Deutsche sind darunter. Gerade erst hat die Festnahme von Martin Lemke für Schlagzeilen gesorgt. Der heute 28-Jährige war von Sachsen-Anhalt aus für den IS in den Krieg gezogen.  Ob er dort, wie seine Zweit- und Drittfrau behaupten, hauptsächlich als Techniker gearbeitet hat oder, wie Behörden vermuten, zunächst für die IS-Religionspolizei Hisba und später den Dschihadisten-Geheimdienst Amnijat tätig war, müssen Behörden prüfen.  Was bleibt, ist die Frage, was mit Gefangenen wie Martin Lemke geschehen soll. Und was mit seiner aus Deutschland stammenden Drittfrau Leonora samt Kindern, die in einem Flüchtlingslager bei der nordostsyrischen Stadt al-Hasaka lebt.

Die kurdischen Kämpfer wollen die Deutschen abschieben.  Doch hierzulande sind sie alles andere als willkommen. Trotzdem muss sich  Politik und Gesellschaft dem Thema Rückkehrer  stellen. Was tun mit fanatisierten Kämpfern?  Und wie umgehen mit Frauen, die der Propaganda der Terrormiliz gefolgt sind?

Claudia Dantschke, Isla­mismus­­­expertin und Leiterin der 2011 gegründeten Beratungsstelle Hayat in Berlin, hatte mit Frauen wie Leonora und Sabina bereits zu tun.  30 bis 35 Prozent ihrer knapp 500 Beratungsfälle bezögen sich auf Frauen, sagt sie. Sie betreffen Ein- und Aussteigerinnen, mehr zu ihren Fällen will Claudia Dantschke aber nicht sagen. Auch wenn Frauen in der Salafistenszene oftmals im Hintergrund wirkten, sei deren Rolle nicht zu unterschätzen. Für die Übersetzung arabischer Propaganda-Texte, die Versorgung von Familien gefallener oder inhaftierter Kämpfer seien Frauen unersetzlich. „Frauen waren immer dabei.“ Weil inzwischen mehr Männer in Gefängnissen sitzen oder gefallen sind, „nimmt ihre Rolle noch zu“, beobachtet sie. Auch bei der Rekrutierung von Ausreisewilligen spielten Mädchen-Gruppen und Schwestern-Netzwerke eine bedeutende Rolle. Sympathisantinnen der Fanatikern sollten Gleichgesinnte anwerben, die Kämpfer psychisch stabilisieren und Kinder gebären.

Möglicherweise hatte auch Leonora Kontakt zu solchen Netzwerken, bevor sie im März 2015 mit 15 Jahren nach Rakka, der Hauptstadt des IS-„Kalifats“,  ausgereist ist. Dort heiratete sie und bekam zwei Kinder.

Die augenblickliche Schwäche des IS sollte den Westen nicht in falscher Sicherheit wiegen.  „Die auch dem IS zugrunde liegende salafistische Ideologie ist für viele noch immer attraktiv“, warnt Dantschke. Diese verfängt besonders bei jungen Mädchen. Das Einstiegsalter liegt oft bei 13 bis 14 Jahren.  Das im Salafismus beschriebene klare Rollenbild fasziniere Mädchen, die Angst vor einem allzu selbstbestimmten Leben haben.

Möglicherweise beeindruckt auch das Gefühl der Solidarität, das Schwestern-Netzwerke verbreiten.  Oder die Aussicht, dass die strenge Koranauslegung der Salafisten endlich auch Jungs Regeln auferlegen, die  sonst in patriarchalen Familien ein ziemlich unkontrolliertes Leben führen. Claudia Dantschke: „Das gibt manchen Mädchen erstmals das Gefühl, auf Augenhöhe zu sein.“

Von den 1050  ausgereisten Fanatikern waren immerhin 230 Frauen.  Auch wenn manche mit naiven Vorstellungen ausgereist seien, sei doch bei vielen das  ideologische Weltbild inzwischen ziemlich gefestigt. Dantschke: „Sie sind vollgepumpt mit Feindbildern von Kurden, Jesiden und Schiiten.“  Diese Angstmauer erschwere die Flucht aus dem Kalifat. Dabei sei der Kontakt zu kurdischen Milizen oftmals die einzige Chance, das Kriegsende zu überleben.  Im Irak drohten IS-Kämpfern Schnellurteile,  im syrischen Kriegsgebiet könnten sie zur Trophäe von Machthaber Baschar al-Assad werden. Nur die Kurden erhalten sie am Leben. Diese Botschaft vermittelt Dantschke auch Eltern, die um ihre fanatisierten Kinder bangen und vereinzelt Telefonkontakt mit ihnen haben.

Wie viele hunderte ausländische Dschihadisten harrt auch Leonora in einem kurdisch geführten Lager aus. Ob von ihr eine Gefahr ausgeht, kann niemand sagen.  Doch Deutschland bleibt zuständig für Fanatiker mit deutschem Pass. Wie mit ihnen nach ihrer Rückkehr umzugehen ist, müsse in jedem Einzelfall geprüft werden, meint Dantschke.  Manche Rückkehrer seien desillusioniert und gebrochen, andere nach wie vor von ihrem Weg überzeugt. Juristisch ahnden lässt sich der Fanatismus nur bei einer nachzuweisenden Straftat. Und das ist schwierig. Beweise aus dem Kriegsgebiet fehlen meist. Und selbst bei Verurteilung und Haftstrafe ist die Gefahr, die von Rückkehrern ausgehen kann, möglicherweise nur vorübergehend gebannt.  Erfahrungen aus Frankreich, das viele Dschihad-Rückkehrer hat, zeigen, dass Haftanstalten Brutstätten  extremistischen Gedankenguts und weitergehender Radikalisierung sind. Vor diesem Hintergrund warnte bereits Interpol-Generalsekretär Jürgen Stock vor einer zweiten Welle islamistischen Terrors, wenn es nicht gelingt, Terror-Unterstützer zu deradikalisieren.

Zumindest bei Leonora stehen die Chancen nicht schlecht. Ihre Herkunftsfamilie wird seit Jahren auf den Kontakt mit ihrer Tochter vorbereitet. Mit konkreter Hilfe für Rückkehrerinnen bei Behördengängen, der Wohnungssuche  oder dem Management der während der Abwesenheit aufgelaufenen Schulden versuchen auch Mitarbeiter von Hayat, Vertrauen aufzubauen und das Zerrbild einer dekadenten westlichen Gesellschaft zu korrigieren.  „Eine Erfolgsgarantie haben wir nicht“, sagt Claudia Dantschke. Doch eine Alternative zum Versuch, die Rückkehrer samt deren rund 300 Kinder in die Gesellschaft zu integrieren, gibt es nicht.

Zahlen

11 000 Personen gehören in Deutschland laut Verfassungsschutz zum politischen Salafismus.

1050 Personen sind von Deutschland aus nach Syrien ausgereist. Der Anteil der Frauen beträgt 22 Prozent.

767 Personen gelten als Gefährder, davon 33 Frauen.

50 Frauen sind zurückgekehrt.

9 Frauen sind wegen Terrorverdachts inhaftiert, 2 davon sind seit 2016 verurteilt, 7 seit 2018 in U-Haft. eth

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