Der 28. September 1956 war in den Augen vieler amerikanischer Zeitungsjour­nalisten ein denkwürdiger Tag. Sie räumten ihre ­Titelseiten frei, um über eine erstaunliche Kehrtwende im Wahlkampf zu berichten. Präsident Dwight D. Eisenhower hatte entschieden, auf die Angriffe seines demokratischen Herausforderers Adlai Stevenson zu reagieren und „zurückzuschießen“. Der Präsident habe das Arbeitsministerium angewiesen, Stevensons Aussagen über gestiegene Lebenshaltungskosten richtig zu stellen. Nichts weiter. Dabei war der ehemalige General beileibe kein ausgeglichener Charakter. Im Gegenteil.
Im Zorn hatte er einst einen Golfschläger unkontrolliert durch die Gegend geschmissen und damit seinem beistehenden Doktor beinahe das Bein gebrochen. Eisenhower war jedoch davon überzeugt, dass er in seiner Funktion als Präsident seine Wut bändigen müsse. Er griff Stevenson nicht selbst an, weil das nicht der Würde eines Präsidenten entspreche, wie der CBS-Journalist John Dickerson in seiner großartigen Analyse „The Hardest Job in the World“ schreibt.

Ein aufgepumpter Schulhof-Rowdy

Die Unterschiede zwischen Eisenhower und dem derzeitigen Präsidenten könnten nicht größer sein. Nach einem Bericht der New York Times hat Donald Trump in den ersten 700 Tagen im Amt etwa 500 Menschen auf Twitter beleidigt, seinen Herausforderer Joe Biden nennt er im Wahlkampf „Schlafmützen-Joe“ (Sleepy Joe). Im ersten TV-Duell mit dem Demokraten gerierte sich der Präsident der Vereinigten Staaten wie ein aufgepumpter Schulhof-Rowdy und unterbrach beinahe jeden Satz seines ­Opponenten. Wie kein anderer Präsident belügt Trump die Öffentlichkeit, nicht nur in seinen täglichen Übertreibungen, sondern auch in essentiellen Dingen. So wusste er frühzeitig, wie gefährlich das Corona-Virus sein würde, gaukelte der Bevölkerung aber lange Zeit vor, es werde von selbst verschwinden.
Trump und Eisenhower, der Reality-TV-Star und der Weltkriegsheld – die Auffassungen beider Männer von ihrem Amt unterscheiden sich komplett. Trump hat die politische Institution, die den Gang der Weltgeschichte in den vergangenen hundert Jahren wie keine andere geprägt hat, in ein Abziehbild seiner ein­stigen Würde verwandelt. Er hat sie mit den abrupten Wendungen seiner Launen und seiner Wut demoliert und damit der amerikanischen Demokratie selbst einen ­womöglich dauerhaften Schaden zu­gefügt.
Für Deutsche ist die „Würde des Amts“ beinahe eine Phrase. Darüber wird hierzulande immer viel geschrieben und geredet, wenn etwa ehemalige Präsidenten einem Job bei einer türkischen Modefirma nachgehen. In den USA ist das anders, die Bedeutung ist deutlich höher, und das hat viel mit der Entstehung der ältesten Demokratie der Welt zu tun.

George Washington war das große Vorbild der Amerikaner

Die amerikanischen Kolonien hatten gerade das Joch des britischen Königs ­abgeschüttelt, als sie in Philadelphia über die Verfassung und die Institutionen des politischen Lebens in ihrer neuen Republik diskutierten. Das neue Amt sollte demnach beides, den Glanz und die Autorität eines Königshauses erhalten und durch fein austarierte Befugnisse der anderen Verfassungsorgane – Kongress und Gerichtshof – kontrolliert werden. Der US-Präsident ist konzipiert als republikanischer König auf Zeit. Queen Elisabeth und Premierminister Boris Johnson in einer Person, wenn man so will.
Um das Johnson-hafte im Menschen möglichst auszuschalten, hatten die Autoren der Verfassung einen bestimmten Menschen vor Augen, als sie das Amt des Präsidenten mit all seiner Machtfülle ausstatteten: George Washington, den wohl angesehensten Mann der Zeit. Der Revolutions-General selbst fühlte die Verantwortung des Amtes. „Ein Vorbild, ob gut oder schlecht, hat gewaltigen Einfluss“, schrieb er. Falls er die Erwartungen an den Präsidenten der Vereinigten Staaten möglichst hoch setzte, würden seine Nachfolger versuchen, diesem Vorbild gerecht zu werden.
Lange her, kann man einwenden. Richtig. Doch die Präsidentschaft gehört wie die Verfassung, die Flagge und die Nationalhymne zu den nationalen Symbolen, die diese Nation zusammenhalten, die sich aus Menschen aller Herren Länder zusammensetzt und die in sehr unterschiedlichen Lebensverhältnissen über einen halben Kontinent verteilt lebt. Wer durch die USA reist, staunt (vor allem als Deutscher) über den demonstrativen Patriotismus der Amerikaner, die Omnipräsenz der blau-rot-weißen Fahnen und darüber, dass sogar beim Baseball-Spiel der Kleinsten vorher immer auch die Hymne gespielt wird – die alle stehend und mit der Hand auf dem Herzen verfolgen. Dieser Pathos huldigt aber auch der Demokratie selbst, denn diese Staatsform gehört in den USA zum Lebensgefühl wie Apfelkuchen und Truthahnbraten zu Thanksgiving.

Trump ist ein Revolutionär

In diesem Sinne zählt auch der Präsident – unabhängig vom jeweiligen Amtsinhaber – als nationales Symbol für die Demokratie und deren Zustand. Er soll oberster Tröster bei nationalen Katastrophen sein, er soll die Wirtschaft managen, das Sozialsystem, die Infrastruktur. Es kann noch so klein sein, beinahe jedes Problem der USA ist ein Problem des Präsidenten. Vor allem aber erwarten die Amerikaner von ihm, dass er besser ist als sie selbst. Bislang jedenfalls.
Trump nämlich ist in dieser Hinsicht ein Revolutionär, weil er als erster US-Präsident der Neuzeit die Anstands-Bürde des Amtes nicht akzeptiert hat. Anders als Richard Nixon, der seine Gesetzesbrüche zu verheimlichen suchte, anders als Bill Clinton, der für seine Monica-Lewinsky-Ausreden in ärgste Bedrängnis geriet, lügt Trump ungeniert und in aller Öffentlichkeit. Lügen sind seine Methode. Oder wie der Comiczeichner Scott Adams („Dilbert“) schreibt: Trumps Lügen seien eine Technik, um verschiedene Realitäten für unterschiedliche Wählerschichten zu ­erzeugen. „Sie werden sich lediglich ­daran erinnern, dass er seine Argumente dargelegt hat, dass er sich nicht ­entschuldigt hat und dass seine Gegner ihn als Lügner bezeichnet haben. So wie immer.“

Millennial im Rentenalter

Während die Verfassungsväter sich bei ihrer Suche nach einer neuen Staatsform auf Fakten und Tatsachen beriefen, die eine neue Welt schaffen sollten, bestreitet Donald Trump jeden Tag, dass es überhaupt so etwas wie eine Wahrheit gibt. Dabei hilft ihm, dass sich 80 Prozent der  Amerikaner ausschließlich über Facebook, WhatsApp, Telegram und Co und nicht über unabhängige Medien informieren.
Obwohl mittlerweile 74 Jahre alt ist Trump ein Kind seiner Zeit, ein Millennial im Rentenalter. Seine wirksamste Waffe in der politischen Auseinandersetzung ist das soziale Kurznachrichten-Netzwerk Twitter, wo er eben nicht „nur“ seine Gegner diffamiert und beschimpft, sondern auch seine Basis aufputscht und weltpolitische Entscheidungen von enormer Tragweite ohne Absprache mit seinem Stab raushaut. Roh, rüpelhaft und ungeniert, mit viel Häme und Lust an Demagogie.
Dass sich ein Präsident derart aufführt, ist auch nach vier Jahren immer noch so neu, so erregend und so empörend un-präsidentiell. Alle, Anhänger, Gegner, Journalisten und Politikerklärer in den USA und weltweit, sind gleichermaßen und dauerhaft gefesselt von seinem anhaltenden Traditionsbruch und seiner Ruchlosigkeit. Der als Narzisst geltende Trump hat es geschafft, dass sich der größte Teil der politischen Berichter­stattung in und aus den USA vor allem um ihn selbst dreht.

Dämonisierung der Gegenseite

Zugleich ist Trump aber auch die logische Folge einer langen Entwicklung. Er ist das Produkt der Parteienlandschaft, die sich seit den 90er Jahren von politischer Gegnerschaft in absolute Feindschaft verwandelt hat. Republikaner und Demokraten mobilisieren den festen Kern ihrer Anhänger vor allem durch ­Dämonisierung der Gegenseite. In ­Umfragen ist sogar die Zahl der Leute gestiegen, die Schwierigkeiten damit ­hätten, wenn ihr Kind einen Befürworter der anderen Partei heiratete. Es ist beinahe eine Glaubenssache, so wie es sie in Deutschland in den 60er Jahren noch zwischen Katholiken und Evangelischen gab.
Bei der Wahl am 3. November steht also nicht nur zur Debatte, wer in den nächsten Jahren im Weißen Haus sitzen wird. Die Wähler entscheiden gleichzeitig darüber, welche Form der politischen Auseinandersetzung sie dulden wollen und welche nicht. Gewinnt Trump, wird sich der Diskurs weiter verschärfen und der bisherige Ausnahmezustand zur Regel. Gewinnt Biden, hat er die Chance, die Entwicklung wieder zurückzudrehen. Beides wird direkte Auswirkungen auf die Zukunft der amerikanischen Demokratie haben.