Die Orangenplantage sieht aus, wie man sich eine Orangenplantage vorstellt: schnurgerade Reihen buschiger, dunkelbelaubter Bäume und dazwischen lehmige, traktorbreite Wege. Viel gebändigte Landschaft unter weißblauem andalusischem Himmel. An breiten Rändern der Anlage aber wächst Wildnis – auf den ersten Blick nichts Auffälliges, Maulbeerbäume, unter denen Gräser sprießen. Doch Luis Bolaños schaut darauf und sagt: „Vor fünf Jahren wäre das für mich undenkbar gewesen. Das galt ja als ungepflegt. Manchmal überkommen mich noch Verirrungen und ich denke: Wie dreckig das ist!“ Aber meistens ist er richtig stolz.

Das Stück Natur sei Rückzugsgebiet – etwa für die Perleidechse. Fast einen Meter lang könne sie werden und sei hier schon fast verschwunden gewesen, weil sie nichts zu fressen hatte, keine Insekten mehr. Jetzt haben die Reptilien ihren Rückzugsraum – und Insekten gibt es auch wieder. „Das ist eine Revolution“, sagt er begeistert. Bolaños’ Enthusiasmus ist ansteckend. Es ist eine beinahe unsichtbare Revolution, wie ja auch die bisherige, umgekehrte Entwicklung eine fast unsichtbare war: das Verschwinden der Natur, das Aussterben der Arten durch die Monokulturen.

Bolaños ist Orangenbauer. Er betreibt zwei große Plantagen im Guadalquivir-Tal nördlich von Sevilla, und irgendwann fragte er sich: Warum leben hier keine Tiere? Warum machen tausende Orangenbäume noch keinen Wald? Er wollte keine Landwirtschaft mehr, die das Leben vertreibt, und beschloss, seine Plantagen zu „lebendigen Wäldern der Zukunft“ zu machen.

Bolaños verkauft die meisten Orangen nach Deutschland – der größte Exportmarkt für spanische Zitrusfrüchte. Die Deutschen essen gerne Orangen. Zu
80 Prozent kommen sie aus Spanien, dem Europameister des Orangenanbaus, der Weltmeister ist mit großem Abstand Brasilien. Auf 144 000 Hektar Land werden sie in Spanien angebaut, traditionell vor allem in der Region Valencia, inzwischen auch in Andalusien, hauptsächlich in der Gegend um Sevilla, wo auch Bolaños lebt. Ein gutes Geschäft? „Im Großen und Ganzen ja“, sagt er, „vor allem ein stabiles Geschäft.“

Einer seiner treuen Kunden – er verkauft in mehrere Länder Europas – ist seit mehr als 20 Jahren Edeka. „Das war immer ein, sagen wir, fortschrittlicher Supermarkt“, findet Bolaños. Offen für Neues. Also stellte er dort vor fünf Jahren sein Projekt vor: die schrittweise Umgestaltung seiner Plantage. Die Reaktion aus Deutschland machte ihm Mut: „Das nehmen wir!“ Edeka lässt sich schon länger vom WWF helfen, das Sortiment in seinen Regalen Stück für Stück umweltverträglicher zu machen. Wenn bei der Herstellung ausgewählter Lebensmittel bestimmte Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden, darf auf diesen Lebensmitteln mit dem WWF-Panda Werbung gemacht werden. So wie auf den 1,5-Kilogramm-Netzen mit den Orangen aus Sevilla, die seit zwei Jahren im Supermarkt zu haben sind. Marina Beermann, beim WWF Deutschland für die Partnerschaft mit Edeka zuständig, sagt: „Das Projekt liefert den Beleg dafür, dass man auch im konventionellen Landbau Fortschritte erzielen kann.“

Denn Luis Bolaños ist noch immer ein konventioneller Landwirt. Nach 20 Jahren Berufserfahrung wollte er nicht alles auf den Kopf stellen. Und so hat er sich auf eine Handvoll Neuerungen konzentriert, um seinem Traum vom Orangenwald näher zu kommen. Er baut seine Orangen so konventionell wie nötig und so ökologisch wie möglich an. Das macht sein Produkt am Ende sieben Cent pro Kilo teurer, rechnet Herbert Pummer vor, der für Edeka in Spanien Obst und Gemüse einkauft. Sieben Cent sind nicht viel. Die Kunden zahlen das. Auf neun insgesamt 715 Hektar großen Plantagen wachsen in einer Saison 30 000 Tonnen Orangen. Zwei Plantagen bewirtschaftet Bolaños, die anderen gehören Bauern, die sich seinem Projekt angeschlossen haben. Der Markt dafür ist da. 40 Prozent der Orangen, die Edeka in der Hauptsaison zwischen Oktober und Mai in seinen Läden verkauft, seien Sevillaner WWF-Orangen, sagt Pummer. 40 Prozent: Das wäre, wenn das Beispiel Schule machte, ein gewaltiger Marktanteil für eine naturnähere Produktionsweise.

Miguel Ángel Hidalgo, einer von Bolaños’ Betriebsleitern, war erst einmal skeptisch. „Mich hat das anfangs nicht überzeugt“, erzählt er auf einer Führung durch die Plantage El Cerro. Bis vor drei Jahren die Sache mit den Blattläusen passierte: „Das war mein Vorher und Nachher.“ Die Orangenbäume waren so befallen, dass sich ihre Blätter zusammenrollten. Hidalgo wollte dringend Insektizide spritzen. Es war ein Freitag. Ein Biologe, der das Zitrusprojekt begleitet, überredete ihn, bis Montag zu warten: Wenn die Blätter dann immer noch eingerollt seien, könne er loslegen. Am Montag war alles überstanden. „Das war beeindruckend“, erzählt Hidalgo. „Alle Blattläuse von Hilfsinsekten entweder parasitiert oder verschlungen. Nach drei Tagen war nichts mehr von ihnen übrig.“ Natürliche Feinde wie Marienkäfer oder Schlupfwespen werden im reinen Ökolandbau schon lange eingesetzt. Seit seinem Blattlauserlebnis weiß Hidalgo: Biologische Schädlingsbekämpfung funktioniert auch auf einer konventionellen Orangenfarm. Der Insektizid-Einsatz sei auf nahezu null zurückgegangen.

Der Verzicht aufs Gift, erzählt Bolaños, bedeutete einen radikalen Kulturwandel hier im Süden, wo man von den anderen Bauern in der Dorfkneipe schräg angeschaut werde, wo man als „schmutzig“ gelte, wenn man nicht alles Grün und alle Kräuter auf der Plantage wegspritze. Jesús Quintano, einer der Biologen, zeigt Bilder von früher: braune, tote Natur an Wegesrändern und Böschungen, als sei die Natur der Feind. Bei vielen Nachbarn sehe es immer noch so aus. Andere fangen an, dem Beispiel Bolaños’ zu folgen. Die schrägen Blicke werden langsam weniger.

Mit den Gräsern kommen die Insekten und mit den Insekten die Vögel, auch Raubvögel. Für sie stehen inzwischen hohe Sitzstangen zwischen den Orangenbäumen, von denen aus sie Jagd auf Feldmäuse oder Kaninchen machen. „Wir haben sogar ein Fischadlerpaar auf unserer Plantage“, erzählt Bolaños, „ich habe vor Rührung geweint, als ich es erfuhr.“ Etwa fünf Prozent seiner Plantagen überlässt er der Natur, der Rest darf kontrolliert verwildern. Einzig unter den Orangenbäumen werden noch Herbizide ge­spritzt – gut ein Zehntel der früheren Menge.

Was das Zitrusprojekt wesentlich vom ökologischen Landbau unterscheide, sei der Einsatz von chemischem Dünger, sagt Miguel Ángel Hidalgo. Der Stickstoffdünger sei schwer zu ersetzen, er gebe der Orange „ihre Entwicklung, ihr Kaliber“. Also nicht bio. Aber doch Landwirtschaft, die sich die Natur nicht mehr zum Feind macht. Bei einem Spaziergang durch die Plantage El Cerro greift der Biologe Jesús Quintano eine Gottesanbeterin von einem Zweig, ein beeindruckendes Insekt. An anderer Stelle entdeckt er die Losung eines Fuchses. Kleine Glücksmomente.

Zur Nachhaltigkeit des Projektes gehört auch der sorgsame Einsatz von Wasser. In Spanien gehen drei Viertel des Wasserkonsums auf das Konto der Landwirtschaft; der Obst- und Gemüsebau wären ohne die künstliche Bewässerung gar nicht denkbar. Jedes Jahr nimmt die bewässerte Gesamtfläche im Land ein wenig zu, was nur möglich ist, weil zugleich die Bewässerungssysteme effizienter werden. Doch auf Dauer wird Spanien angesichts des Klimawandels seinen Wasserkonsum drosseln müssen.

Die Plantagen von Luis Bolaños sind auf gutem Wege: Die Orangenbäume erhalten ihr Wasser über eine sparsame Tröpfchenbewässerung. Doch das System kann noch verbessert werden. Seit zweieinhalb Jahren messen fest installierte Sonden die Feuchtigkeit der Böden, um den Wasserbedarf mit größerer Präzision zu bestimmen.

Noch greifen Menschen ein, um je nach den eingehenden Daten den Wasserhahn weit oder weniger weit aufzudrehen. Das System könnte schon selbsttätig handeln und auch den Zeitpunkt der Wasserabgabe genau bestimmen, worin weiteres Sparpotenzial liegt. Doch so weit ist es noch nicht. „Wir trauen dem noch nicht zu 100 Prozent“, sagt Betriebsleiter Hidalgo. „Das braucht noch ein bisschen Erfahrung.“ Bolaños’ Orangenplantagen sind große ökologische Experimentierfelder. Versuche, die Hoffnung machen.