Kommentar Stefan Kegel zu Angela Merkels Besuch in Chemnitz Merkel in Chemnitz: Mut und Verantwortung

NBR Berlin. Copyright: Thomas Koehler/ photothek.net Berliner Redaktion, Kommentarfotos
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Berlin / Stefan Kegel 17.11.2018

Ist es zu spät? In besonders heiklen politischen Situationen ist das eine Frage, die sich oft nur im Nachhinein beantworten lässt. Wenn Angela Merkel jetzt also Chemnitz besucht hat – zweieinhalb Monate nach den Krawallen von Rechtsextremen und aufgebrachten Bürgern, dann stellt sich tatsächlich die Frage: Warum erst jetzt?

Hätte sich die Kanzlerin unmittelbar nach den Ereignissen auf den Weg gemacht, wären die Folgen –  bei dem Hass auf sie in Teilen der sächsischen Bevölkerung – unabsehbar gewesen. Erst gestern erklärte Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang, wie gut vernetzt rechte Gruppen sind. Binnen Stunden könnten sie zehntausende Menschen auf die Straße bringen. Mit Merkel als Hassfigur vor Ort hätte es die größte rechtsextreme Demonstration in der bundesdeutschen Geschichte werden können.

Es gibt Erfahrungen mit solchen Hexenkesseln. Heiko Maas und Sigmar Gabriel haben das 2016 in Zwickau und Salzgitter erlebt. Maas musste dabei in sein Auto flüchten, Gabriel zeigte Demonstranten den Stinkefinger. Beide Auftritte waren nicht gerade leuchtende Beispiele des Dialogs. Mut zu zeigen, ist wichtig in der Politik. Aber genauso wichtig ist Verantwortung. Merkel hätte woanders billigen Applaus einheimsen können, wenn sie gleich nach Chemnitz gefahren wäre. Aber möglicherweise um den Preis, dass wehende Reichsflaggen und schwarz gewandete Glatzköpfe das Bild Deutschlands auf Jahre hinaus negativ geprägt hätten.

Nun war sie dort – und versuchte, mit Politik, Vereinen, Bürgern zu reden. Es war ein Bekenntnis dazu, was Deutschland zusammenhält. War es spät? Vielleicht. Aber zum Reden ist es nie zu spät.

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