Tripolis/Dinard / Von Jan Kuhlmann und Christian Böhmer, dpa

Trotz internationaler Aufrufe zu einem Ende der Gewalt steuert Libyen weiter auf einen neuen Bürgerkrieg zu. Anhänger der international anerkannten Regierung in Tripolis verkündeten am Sonntag eine Gegenoffensive gegen die Truppen des mächtigen Generals Chalifa Haftar.

Die Operation „Vulkan des Zorns“ habe das Ziel, alle libyschen Städte von illegalen Kräften zu „säubern“, erklärte ein Militärsprecher. Haftars Luftwaffe wiederum flog nach eigenen Angaben Angriffe auf Vororte der Hauptstadt.

Die internationale Gemeinschaft erhöhte am Wochenende den Druck auf Haftar und forderte einen Stopp seines Vormarsches auf Tripolis. Die Gruppe von 7 großen Industriestaaten (G7) zeigte sich am Samstag bei einem Außenministertreffen im bretonischen Küstenort Dinard sehr besorgt über die Lage in Libyen.

Die G7-Runde sei sich einig gewesen, „dass wir alle unsere Möglichkeiten nutzen müssen, um Druck auszuüben, insbesondere auf die Verantwortlichen in Libyen, insbesondere General Haftar, dass jede weitere militärische Eskalation unterbleibt“, sagte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) am Rande des Treffens.

Die international anerkannte Sarradsch-Regierung konkurriert seit langem mit einer zweiten Regierung in Ostlibyen, die mit dem 75 Jahre alten Haftar verbunden ist. Dessen Truppen marschieren seit Donnerstag auf Tripolis zu. Haftar will die Hauptstadt einnehmen und das ölreiche Krisenland unter seiner Führung bringen.

Regierungschef Al-Sarradsch kündigte am Samstagabend Widerstand an. Haftars Kriegserklärung werde auf Entschlossenheit und Stärke treffen, sagte er in einer TV-Ansprache. Al-Sarradsch warf seinem Kontrahenten vor, das Land in einen „neuen Kreislauf der Gewalt“ stoßen zu wollen. Haftar handele allein aus persönliche Motiven.

Libysche Medien und Augenzeugen meldeten am Sonntag Gefechte um den internationalen Flughafen südlich von Tripolis. Beide Seiten behaupteten, den seit 2014 stilliegenden Airport zu kontrollieren. Die UN-Mission in Libyen rief für Sonntag zu einer zweistündigen Waffenruhe auf, um Verletze und Zivilisten aus dem Kampfgebiet bringen zu können. Das US-Afrikakommando teilte mit, ein Kontingent von Soldaten sei wegen der Sicherheitslage vorübergehend aus Libyen abgezogen worden.

Die UN wollen trotz der Eskalation an der für Mitte April geplanten Versöhnungskonferenz in der Stadt Ghadames festhalten. „Wir arbeiten weiter an einer politischen Lösung für Libyen“, sagte der UN-Vermittler für das Krisenland, Ghassan Salame, in Tripolis.

Die Offensive des Generals bedeutet eine neue Eskalation in einem Land, das seit dem mit westlicher Hilfe erreichten Sturz des Langzeitherrschers Muammar al-Gaddafi 2011 von Krisen erschüttert wird. Seit Jahren kämpfen in dem nordafrikanischen Staat etliche Milizen um Macht und Pfründe. Mehrere UN-Vermittler scheiterten damit, eine Lösung zu finden.

Haftar hat sich in den vergangenen Jahren zur einflussreichsten Figur Libyens entwickelt. Er genießt den Ruf eines Militärs, für den die Politik erst an zweiter Stelle kommt. Einst unterstützte er Gaddafi und gehörte zu dessen Kräften, als dieser 1969 an die Macht kam. Später aber kam es zum Bruch. Als Haftar 1987 im benachbarten Tschad in Gefangenschaft geriet, ließ Gaddafi ihn dort sitzen. Frei kam er mit Hilfe der USA, wo er anschließend über zwei Jahrzehnte im Exil lebte. Aus der Zeit stammt auch der Vorwurf, ein CIA-Agent zu sein.

Nach seiner Rückkehr nach Libyen 2011 versuchte er schon einmal, sich an die Macht zu putschen, scheiterte aber kläglich. Zuletzt konnte er aber seinen Einfluss mit einigem Geschick vom Osten des Landes bis weit in den Westen ausdehnen, häufig ohne großen Widerstand. Dafür setzte er auf ein Bündnis mit lokalen Milizen in einem Land, das in viele Ethnien und Stämme aufgeteilt ist. Sympathien findet Haftar bei Libyern, die des jahrelangen Chaos überdrüssig sind und auf einen starken Mann hoffen, der das Land regiert und stabilisiert.

Haftar inszeniert sich dabei als Vorkämpfer gegen radial-islamische Kräfte und kann nicht zuletzt deswegen auf Unterstützung aus dem Ausland zählen, vorneweg aus Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Sie sehen den General als ihren Mann, um die islamistischen Muslimbrüder zu bekämpfen, die sie zur Terrororganisation erklärt haben. Gute Kontakte pflegt Haftar zudem zu Saudi-Arabien und Russland, auch Frankreich unterstützt ihn. Zu seinen Truppen gehören Söldner aus dem Tschad und dem Sudan.

Doch Kritiker warnen, weil sie in dem 75-Jährigen einen wendigen Militär sehen, der das Land einer autoritären Herrschaft unterwerfen will. Zwar bekannte sich Haftar mit Worten zu Wahlen. Er unternahm aber nichts, um sie umzusetzen. Stattdessen sagte er dem Magazin „Jeune Afrique“ im vergangenen Jahr, Libyen sei noch nicht reif für die Demokratie: „Vielleicht können sie spätere Generationen erreichen.“

Libyen-Beobachter halten Haftar jedoch längst nicht für so stark, wie er sich gibt. Der General habe seine militärischen Kräfte überdehnt. Sein Bündnis mit lokalen Milizen ist lose und könne auseinanderfallen. „Haftar hat sein Blatt überreizt“, twitterte der Libyen-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Wolfram Lacher.