US-Präsident Donald Trump spricht von der „wichtigsten Wahl in unserer Geschichte“, während sein demokratischer Herausforderer Joe Biden das Duell mit dem Republikaner als „Kampf um die Seele der Nation“ beschreibt.
Recht haben beide. Amerikas ­Wähler müssen entscheiden, ob sie weitere vier Jahre unter einem rüpelhaften Präsidenten ertragen wollen, der unbestreitbare Fakten in Abrede stellt und den Rechtsstaat mit ­Füßen tritt. Die Alternative besteht in einem Karrierepolitiker, der eine Rückkehr zu politisch Etabliertem verkörpert und auch wegen ­seines hohen Alters keineswegs ein idealer Kandidat ist. Doch Biden strahlt zumindest Anstand und Integrität aus.
In einem herkömmlichen politischen Umfeld würde das Rennen als gelaufen gelten und Biden als sicherer Sieger. Er genießt in den Umfragen ­einen deutlich größeren Vorsprung als seinerzeit Hillary Clinton. Vor ­allem aber müsste eine Zahl den ­Ausschlag zugunsten des früheren ­Vizepräsidenten geben: 230.000 US-Bürger, die an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorben sind.

Die Corona-Pandemie ist für die USA die schlimmste Gesundheitskrise seit mehr als 100 Jahren

Die schlimmste Gesundheitskrise seit mehr als 100 Jahren hat in den USA mittlerweile mehr als 70 Mal so viele Todesopfer gefordert wie die Terroranschläge vom 11. September 2001. Dennoch hat der amtierende Präsident die letzten Tage des Wahlkampfs seiner unermüdlichen Schönfärberei in Sachen Pandemie gewidmet. Die Zahlen seien so hoch, weil Ärzte angeblich mehr Geld von den Versicherungen bekommen, wenn sie als Todesursache das Virus in die Sterbeurkunde eintragen. Mit diesem hanebüchenen Argument mag Trump bei seiner politischen Basis punkten, dürfte aber unentschlossene Wechselwähler abstoßen.
Auch andere Zahlen sprechen für den Demokraten Biden. Etwa die ­Tatsachen, dass die Zahl der unentschlossenen Wähler nur halb so groß ist wie 2016 und dass schon fast 100 Millionen Stimmen vorzeitig abgegeben wurden, deutlich mehr von ­Demokraten als von Republikanern. Nicht vergessen sollte man zudem den demokratischen Durchmarsch bei den Kongresswahlen vor zwei Jahren. Das war eine schallende Ohrfeige für Trump.

Verliert Trump knapp, wird der US-Präsident das Ergebnis in Zweifel ziehen

Dennoch bestehen Zweifel daran, ob Biden am Ende wirklich als Sieger aus dieser Wahl hervorgehen wird. Schließlich nutzt der Präsident seine geradezu unerschöpflichen Machtinstrumente, um eine legitime Stimmauszählung zu verhindern. Es begann mit dem Finanzierungsentzug für die Post und reichte bis hin zu Klagen in mehreren Staaten, um die Briefwahl zu torpedieren.
Sollte Biden in der Endabrechnung die Nase knapp vorn haben, dann wird US-Präsident Trump Zweifel am Ergebnis säen, eine Lawine von Prozessen lostreten und alles Erdenkliche in die Wege leiten, um sich an die Macht zu klammern. Bidens sicherster Weg zum Erfolg ist ein ­Erdrutschsieg, den auch Republikaner anerkennen müssten. Sie hätten dann keine Alternative, als den Präsidenten vor die Tür zu setzen.