Syrien Kurden wollen gefangene IS-Kämpfer abschieben

Damaskus / Martin Gehlen 12.02.2019

Aus dem hintersten Winkel Syriens kommen ungewöhnliche Bilder. Scharenweise ließen sich demoralisierte IS-Kämpfer von Soldaten der „Syrisch-Demokratischen Kräfte“ gefangen nehmen und in Bussen abtransportieren. Hunderte tief verschleierte Frauen und Kinder flüchteten zu Fuß durch die Wüste, um sich hinter den Linien der arabisch-kurdischen Angreifer in Sicherheit zu bringen. Seit dem Wochenende läuft nun der entscheidende Sturmangriff auf die letzte syrische IS-Bastion Baghouz.

Angesichts dieses Massenexodus bekamen dieser Tage viele Regierungen – darunter Deutschland, Frankreich, Belgien, Tunesien und Marokko – Post aus Washington. Sie sollen ihre Fanatiker zurücknehmen und vor nationale Gerichte stellen, forderten die Amerikaner. Denn die Kurden möchten ihre brisanten Gefangenen möglichst rasch wieder loswerden. Und so wächst in den Augen des Pentagon die Gefahr, die nordsyrischen Verbündeten könnten die IS-Verbrecher schon sehr bald wieder laufen lassen. Noch im Februar will Donald Trump den endgültigen Sieg über den IS in Syrien ausrufen. Bis Ende April sollen dann die meisten der amerikanischen Spezialeinheiten abrücken. Etwa 1000 mutmaßliche Kämpfer sowie 2000 Frauen und Kinder aus mehr als 50 Nationen haben die Kurden inzwischen in Gewahrsam, darunter 40 Deutsche.

Wieder stärker im Irak

Die meisten Herkunftsländer sträuben sich jedoch, ihre Dschihadisten zurückzunehmen. Gegen viele IS-Gefangene lägen daheim Haftbefehle vor, weiß Omar Abdelkarim, Außenbeauftragter der Syrischen Kurden. Trotzdem übernehme kein Land die moralische und juristische Verantwortung. Terroristen, deren Untaten gut belegt seien, müssten über Jahre in Haftanstalten isoliert werden, damit sie ihre Mitinsassen nicht radikalisierten.

Denn das einstige „Islamische Kalifat“ ist keineswegs besiegt. Während die Krieger auf syrischer Seite vor dem militärischen Zusammenbruch stehen, gewinnen sie im Irak an Stärke. Die Zahl der Bomben- und Mordanschläge steigt. In Mosul und der Ninive-Ebene tauchten kürzlich erneut schwarze IS-Flaggen auf. Studien schätzen die Zahl der verblieben Dschihadisten auf mindestens 20 000 bis 30 000. Auch der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi ist bisher nicht gefasst. Nach Informationen des Londoner „Guardian“, der sich auf Geheimdienstkreise beruft, soll es allerdings am 10. Januar zu einer offenen Meuterei gegen den IS-Chef gekommen sein. Bei der Schießerei zwischen abtrünnigen ausländischen Kämpfern und der Leibwache des IS-Chefs starben zwei Menschen.

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