Die dreijährige Vera ist auf einem Kinderroller unterwegs zum Wahllokal, zusammen mit ihrer Mutter Julia. Die Sonne strahlt, der Himmel ist knallblau, Vera lacht, auch Julia Schilowa, 34, Buchhalterin, macht ein unternehmungslustiges Gesicht. „Ich werde für unseren Präsidenten stimmen. Unter ihm hat sich das Land verändert. Und wir haben wieder eine Armee.“

In der Ukraine fanden am Sonntag Präsidentschaftswahlen statt. Zumindest der erste Wahlgang. Julia erklärt, warum Poroschenko ihr Favorit ist. Er habe wieder Wirtschaftswachstum geschaffen und die Visafreiheit für die EU, die für die Ukraine sehr wichtig sei. Aber vor allem habe er die Armee neu aufgebaut. Die Soldaten hätten vor Poroschenko Offizieren Schmiergeld zahlen müssen, um ihren Sold zu bekommen. „Die Schützenpanzer, mit denen sie in den Krieg im Donbas gezogen sind, reparierten sie mit Ersatzteilen, die sie aus eigener Tasche gekauft haben.“

Flucht aus Donezk

Julia weiß, was Krieg ist: Sie lebte früher in Donezk, inzwischen Hauptstadt der prorussischen Donezker Rebellenrepublik. Und bei der Präsidentschaftswahl im Mai 2014 konnten sie und ihr Mann Dmitri nicht abstimmen, weil die Rebellen Jagd auf alle machten, die versuchten, in Donezk Wahllokale einzurichten. Später überlebte Julia in Donezk monatelangen Artilleriebeschuss, flüchtete schließlich mit ihrem Mann nach Kiew.

Unschlüssig über Stimmabgabe

Die Familie geht im Wahllokal 800.129, im Gebäude des Slawischen Gymnasiums im Kiewer Süden zur Urne. Dort herrscht friedliche Geschäftigkeit. Irina, eine junge Risikomanagerin, erzählt, sie wisse noch nicht, für wen sie votieren werde. Sie will weder Timoschenko noch Poroschenko wählen. Wladimir Selenski, Komiker und TV-Produzent, sei durchaus eine Variante.

Der junge Zahnarzt Andrei erklärt, er sei für den Demokraten Anatoli Grizenko. Aber in der Stichwahl werde er Selenski wählen. „Das Volk hat genug gelitten.“ Selenski sei kein Politiker, nicht in Korruption verstrickt. „Er hat einen frischen Blick auf die Lage.“ Und vielleicht könne er ja endlich Frieden mit Russland schließen.

Julia ist gegen Selenski. Der Komödiant habe keine Ahnung von Politik. „Sicher, es wird eine Mannschaft geben, die ihn führt. Aber dann ist er schon kein Präsident mehr, sondern eine Marionette.“ Sie gehört zu den Ukrainern, die bezweifeln, dass Selenski ein tauglicher Oberkommandierender werden würde. Und, dass die Russen wirklich an Frieden interessiert sind.

Ihr Mann Dmitri steht vor dem Wahllokal und redet auf Andrei, den Zahnarzt, ein: Die Plattenbauten ringsumher seien bei Artilleriebeschuss viel widerstandsfähiger als Ziegelhäuser. „Und ihr in Kiew habt nicht begriffen, dass der Krieg auch zu euch kommen könnte.“