Ehrenamt Interview mit Henning Scherf über Nicaragua

Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf engagiert sich seit Jahrzehnten für Nicaragua.
Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf engagiert sich seit Jahrzehnten für Nicaragua. © Foto: Carmen Jaspersen/dpa
Bremen / André Bochow 17.07.2018
1979 stürzten linke Revolutionäre, die sich nach einem nicaraguanischen Freiheitskämpfer Sandinisten nannten und in der FSLN organisiert waren, den eng mit den USA verbundenen Diktator Somoza. Diese Revolution elektrisierte auch den Sozialdemokraten Henning Scherf. Unser Hauptstadtkorrespondent André Bochow sprach mit dem fast 80-Jährigen.

Herr Scherf, wie hat ihre Verbindung zu Nicaragua begonnen?

Der Anlass war, dass unsere jüngste Tochter nach Nicaragua wollte. Als Schülerin. Ein Jahr nach der Revolution, nach dem Sieg der Sandinisten über den Diktator Somoza. Sie hat das auch gegen unsere anfänglichen Widerstände durchgesetzt. Meine Frau und ich haben sie dann in Nicaragua besucht und sie hat uns das Land gezeigt. Durch meine Tochter haben wir viele prominente Vertreter der Revolution kennengelernt. Auch den Priester und Dichter Ernesto Cardenal…

…der jetzt mit seinen 93 Jahren zu den schärfsten Kritikern seines einstigen Weggefährten Daniel Ortega gehört.

So ist es. Jedenfalls hat meine Frau Luise damals gesagt: „Was unsere Tochter kann, das kann ich auch.“ Sie hat sich als Lehrerin beurlauben lassen und ist für eineinhalb Jahre als Klavierlehrerin ehrenamtlich an die Nationale Musikschule Nicaraguas gegangen. Sie hat dann den berühmten Schauspieler Dietmar Schönherr kennengelernt, der sich in Nikaragua engagierte, und so begann eine gemeinsame Projektarbeit.

Welche Projekte waren das?

Bei meiner Frau war das vor allem ein Musikprojekt für Kinder aus Armenvierteln in Managua. Mittlerweile treten die verschiedenen Ensembles sogar in der deutschen Botschaft auf. Und gemeinsam haben sie den Verein „Pan y Arte – Brot und Kunst für Nicaragua“ gegründet. Dort war erst Dietmar Vorsitzender, dann ich. Und nun bin ich Ehrenvorsitzender.

Der Verein unterstützt arme Kinder und er hat ein Dorf gegründet.

Das begann nach den Zerstörungen, die der Hurrican Mitch 1998 hinterlassen hat. Da haben wir ein Programm begonnen, das dem Bau von Häusern für ungefähr 1500 Menschen dient, der Schaffung von Arbeitsplätzen und der Kulturförderung. Es gibt dort eine Kinderbibliothek, die wir finanzieren.

Mit der Revolution in Nicaragua waren in Ost und West große Hoffnungen verbunden. Die Revolution mit menschlichem Antlitz hat viele Menschen angezogen. Sie selbst waren 1983/84 zum Kaffeepflücken in Nikaragua.

Das stimmt.

Auf wen sind Sie in den ersten Jahren nach der Revolution getroffen? Waren das Romantiker, die ihr revolutionäres Potenzial nicht in Europa ausleben konnten?

Es war eine sehr bunte Mischung. Sie kamen aus aller Welt: Aus den USA, aus Kanada und ganz Europa. Also aus Ost und West. Viele Kirchenleute, international engagierte Lehrlinge und Studenten – alle wollten sie einen Befreiungsprozess unterstützen, der Chancen für Alle entwickelte, nicht nur für Privilegierte.

Es hat dann in Nicaragua weder eine gute wirtschaftliche Entwicklung gegeben, die die Armut beseitigte, noch sind die politischen Träume verwirklicht worden. Warum nicht?

Noch ist alles im Fluss. Da muss man mit Bewertungen vorsichtig sein. Aber was man sagen kann: Wie auch anderswo ist die so hoffnungsvoll gestartete Revolution in einem Sumpf aus Korruption und Klientelpolitik versunken. Das bedeutet natürlich auch eine tiefe, tiefe Verletzung, eine Kränkung all derjenigen, die mit dieser Revolution solidarisch waren.

Die Arbeit, die Ihre Frau, Sie und ihre Freunde in Nicaragua leisten, dient letztlich der Stärkung der Zivilgesellschaft.

Ja.

Haben Sie die Hoffnung, dass die Zivilgesellschaft stark genug ist, um nach dem Ende der jetzigen Krise für einen friedlichen Aufbau des Landes sorgen zu können?

Die Hoffnung hatten wir schon damals, als der Diktator Somoza, den die USA massiv unterstützten, von einem breiten Bündnis gestürzt wurde. Aber das Bündnis hat nicht lange gehalten. Wenn der Krieg der Contras nicht gewesen wäre, hätte die Geschichte vielleicht einen anderen Verlauf genommen. Jetzt sind viele Menschen ausgewandert. Darunter viele Intellektuelle. Das ist ein schwer zu verkraftender Aderlass.

Das klingt deprimierend.

Ja, aber ein Blick in das Nachbarland Costa Rica zeigt, es geht auch anders. Die haben dort 1948 ihre Armee abgeschafft und seitdem hat Costa Rica eine stabile Demokratie. Keine Militärputsche mehr – dafür wirtschaftlicher Aufbau. Allerdings gibt es auch Nachbarländer, in denen fruchtbare Verhältnisse herrschen. Honduras. Und auch El Salvador.

Sie engagieren sich schon so lange für Nicaragua – überwiegt jetzt die Enttäuschung?

Im Moment sicher. Aber Geschichte wiederholt sich manchmal. Vor 1990 waren viele Linke in Nicaragua, um zu helfen. Auch aus der DDR kam eine ganze Menge Hilfe. Aber als die FSLN die Wahl 1990 verlor, zogen sich die meisten zurück. Wir sind geblieben. Wir haben immer gesagt und sagen das auch weiterhin: wir machen unsere Arbeit dort nicht für eine Partei, sondern für die Menschen, für viele Kinder und Jugendliche. Und die rechnen mit uns.

Und jetzt?

Jetzt machen wir auch weiter. Mittlerweile sind wir im Verein „Pan y Arte“ weitgehend von jungen Leuten abgelöst worden. Und die werfen die Flinte nicht ins Korn. In dem Land steckt so viel Potenzial. In der Landwirtschaft. In der Kultur und im Tourismus. Nicaragua könnte ein Paradies sein. Wir dürfen es nicht aufgeben.

Wer den Verein Pan y Arte in seiner Arbeit unterstützen möchte, kann hier spenden:

Empfänger: Pan y Arte e.V.

IBAN: DE90 3702 0500 0008 3700 00
BIC: BFSWDE33XXX
Bank für Sozialwirtschaft Köln

Henning Scherf: Zur Person

Geboren am 31. Oktober 1938 in Bremen. Ab 1958 studierte er in Freiburg Rechtswissenschaften und Soziologie. Ab 1971 Rechtsanwalt in Bremen. Seit 1963 ist Scherf SPD-Mitglied. Von 1972 bis 1978 war er Landesvorsitzender und von 1984 bis 1999 Mitglied des SPD-Bundesvorstandes.

1978 wurde er erstmals in die Bremer Bürgerschaft gewählt und bekleidete von da an verschiedene Senatorenposten. Von 1995 bis 2005 war er Bremens Bürgermeister. Scherf ist mit Luise Scherf verheiratet. Das Paar hat drei Kinder und neun Enkel. Er lebt mit seiner Frau in einer Senioren-Wohngemeinschaft, die er 1987 mit zehn Freunden gegründet hat.

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