Bledar Kola wuselt in der Küche seines Spitzenrestaurants herum. Der Chefkoch zupft an Kräutern, legt sie mit seinen Fingerspitzen auf Blätterteig-Türmchen und garniert Gemüsejus mit Ziegenfleischstreifen. Was Kola hier zaubert, sind kulinarische Kunstwerke. Mit seiner Küche aus regionalen Produkten und einer urigen Holzstube könnte sein Restaurant „Mullixhiu“ auch in einem Szene-Viertel in London, Berlin oder Paris stehen. Doch es versteckt sich in Tirana, Albaniens Hauptstadt. „Ich möchte allen zeigen, dass Spitzenküche in einem der ärmsten Länder Europas geht“, sagt er. „Dass wir Albaner nicht alle Verbrecher sind.“

Kola schmerzt, dass Albanien in Deutschland nicht für hippe Restaurants wie das Mullixhiu bekannt ist, sondern eher für Drogen, Korruption und Blutrache. Albanien bekämpft diese unheilvolle Dreifaltigkeit, doch hat es noch einen langen Weg zu gehen. Das Ziel des Balkanstaats: Es will endlich in die EU. Schon seit fünf Jahren ist es Beitrittskandidat – und eine Aufnahme wird wohl noch dauern. Denn noch immer streiten sich die alten Sozialisten und die jungen Europafreunde bis aufs Blut über die Zukunft des Landes.

Wohl kaum ein Politiker steht so sehr für Aufbruch wie Tiranas Bürgermeister Erion Veliaj. Der 39-Jährige mobilisierte Anfang der 2000er mit seiner Bewegung MJAFT die Jugend zu Protesten. Ihn umweht die Aura eines Start-up-Managers. Seine Gäste empfängt der Mann in Turnschuhen und aufgeknöpftem Hemd. Das Büro gleicht mehr einem Spiel- als einem Arbeitsplatz. Porzellanpuppen reihen sich an Mitbringsel aus europäischen Ländern wie einem Berliner Bären aus Keramik. An einer Wand steht ein Leihfahrrad, wie sie in Tirana auch auf den Straßen verkehren. Als Start-up, als Spielwiese für Ideen und innovative Konzepte, begreift er auch seine 600 000-Einwohner-Stadt.

Modernität trifft Sozialismus

Erion Veliaj erklimmt die Stufen zur Dachterrasse des Rathauses, die eigentlich ein Kräutergarten ist. So wie die saftig grüne Rasenfläche dort oben, soll bald auch die ganze Stadt aussehen: mehr Parks, kaum Müll, wenig umweltschädliche Autos. Zu seinem Konzept gehört zum Beispiel eine App, bei der Stadtbewohner melden können, welche Orte verdreckt sind. Das Ordnungsamt bekommt eine Nachricht und ein Aufräumtrupp zieht los – als Beweis, dass der Platz sauber ist, bekommt der App-Nutzer ein Foto aufs Handy. Das dauert nur wenige Stunden, berichtet Veliaj stolz. Die Botschaft, die er vermitteln will: Tirana lebt Modernität. Und: Hier ist man weiter als in so manch einer deutschen Stadt.

Doch zu seiner Stadt gehören auch der Kulturpalast und das Nationalmuseum auf dem Skanderbeg-Platz, die von der Vergangenheit des Landes zeugen. Mit ihren Betonwänden zeigen sie die Vorliebe des einstigen Diktators Enver Hodscha für monumentalen Baustil. Sie sind das Erbe der Sozialisten, die bis 1989 herrschten. Das Regime glich dem des heutigen Nordkorea. Wenige Kilometer entfernt, ragt eine Pyramide in den Himmel, die sich Hodscha als Mausoleum errichten ließ. Ein Symbol für die sozialistische Dominanz sollte es sein. Heute ist es nicht mehr als eine Müllhalde, die mit Graffiti beschmiert ist, und aus deren abgeriegelten Türen Plastiktüten und Pappbecher quellen. Doch ist der Verfall der sozialistischen Bauten gleichbedeutend mit einem Verfall der sozialistischen Denkweise, der Politik? Ist das Land so modern, wie es Veliaj gern verkauft?

In den vergangenen Monaten protestierten in Tirana tausende Studierende gegen das Bildungssystem. Sie befürchten, dass sie nach der Ausbildung  keinen Job bekommen, 2017 lag die Arbeitslosenquote Albaniens bei 13,8 Prozent. Sie sind sauer über Professoren mit gefälschten Doktortiteln und über schimmelige Studentenwohnheime, wo Kälte durch die zerstörten Fenster kriecht und der Putz von den Wänden bröckelt. Wegen der fehlenden Perspektiven und miserablen Zustände wollen vier von fünf jungen Albanern das Land schnellstmöglich verlassen. Ein großer Teil kommt nach Deutschland – es ist das größte Einwanderungsland für die Bewohner des Balkanstaates.

„Viele haben die Hoffnung verloren“, sagt ein albanischer Journalist. Die Regierung und Justiz seien käuflich. Im aktuellen Korruptionsindex von Transparency International belegt das Land Rang 99 von 180. Auch das sei das Erbe des Sozialismus’. In Albanien würden wenige Oligarchen-Familien sagen, wie es läuft – deren Einfluss stammt noch aus der Hodscha-Diktatur. Sie würden Politiker für ihre Zwecke beeinflussen. Die Aufarbeitung der quälenden Diktatur habe noch nicht stattgefunden, sie beginne jetzt erst. Wenn überhaupt.

Kampf gegen organisierte Kriminalität

Der Innenminister Albaniens, Fatmir Xhafaj, kann über solche Argumente nur den Kopf schütteln. „Nein, nein“, sagt er und lehnt sich in seinem Ledersessel zurück. Die sozialdemokratische Regierung habe den Kampf gegen die organisierte Kriminalität aufgenommen: Das Land habe heute die niedrigste Zahl an Morden seit 15 Jahren. Mit einer Justizreform bekomme Albanien korrupte Richter und Staatsanwälte aus dem System. Nach und nach würden 800 Personen durchleuchtet. Aus dem Staatsdienst wurden bereits 22 Juristen entfernt. Auch die Bekämpfung des Drogenhandels sei auf einem guten Weg. Kein Monat vergehe ohne einen Schlag gegen die Drogen-Mafia.

Doch regierungsunabhängige Beobachter sind skeptisch. Die Clans hätten immer noch gute Beziehungen zu hochrangigen Politikern, bestätigen Vertreter von Nichtregierungsorganisationen. Außerdem sei das Land immer noch der größte Cannabis-Produzent Europas. Xhafaj wiegelt ab. „Ich möchte, dass mein Enkel in einem sicheren Land aufwächst“, bekräftigt er und zieht die Stirn in Falten. Dann lehnt er sich vor, bis sein Ledersessel knarzt. „Das können sie mir glauben.“

All diese Maßnahmen sind notwendig, damit Albaniens EU-Beitritt klappt. Europa ist der Sehnsuchtsort, die EU und damit der Zugriff auf freie Märkte die einzige Perspektive, die Albaniens Politiker sehen. Klappt der Beitritt nicht, hat die Regierung ein Problem. Dann würden immer mehr junge Menschen den Balkanstaat verlassen, vermuten hochrangige Politiker.

Bereits 2009 hatte das Land die Mitgliedschaft beantragt, seit 2014 ist es Beitrittskandidat. Die EU versprach, im Juni die Gespräche aufzunehmen. Doch in den kommenden Monaten stehen Parlamentswahlen an und die Kommission formiert sich neu. Damit sind die Gespräche in der Prioritätenliste nach hinten gerückt. Während Kanzlerin Angela Merkel (CDU) den Beitritt pusht, blockiert der französische Präsident Emmanuel Macron die Gespräche. Er befürchtet, dass sich Europa durch die Erweiterung schwache Volkswirtschaften ins Boot holt. Womit er Recht hat: Das Drei-Millionen-Einwohner-Land zählt zu den ärmsten des Kontinents, 2017 betrug das Bruttoinlandsprodukt umgerechnet 4583 US-Dollar pro Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland war es beinahe zehnmal so hoch.

„Es gibt keinen Plan B“

Wenn Edi Rama den Namen Macron hört, verfinstert sich seine Miene schlagartig. Gerade hat der sozialdemokratische Premier Albaniens, der ebenfalls Künstler ist, noch von seiner Ausstellung in Ros­tock erzählt und seinen mit Bunt- und Filzstiften vollbepackten Schreibtisch präsentiert. Doch nun schüttelt er den Kopf, als ob er eine lästige Fliege von seiner Nase verscheuchen wolle. Merkel sei eine ausgezeichnete Politikerin, aber Macron? Der wüsste doch gar nicht, was Sozialismus eigentlich ist und wie schwierig es sei, Strukturen zu ändern. Merkel schon, die sei in der DDR aufgewachsen.

Seit sechs Jahren versucht Rama, sein Land auf die Beitrittsgespräche vorzubereiten. Doch Europa mache es ihm schwer. Wie einen Ball würde die EU das Land behandeln, dabei habe kein Staat sich so sehr angestrengt wie Albanien. Aufgeben will er aber nicht. „Europa ist für uns eine Religion“, sagt Rama. Und: „Es gibt keinen Plan B.“ Was er damit meint: Während andere Staaten taktieren können, indem sie die Nähe zu Russland, China oder der Türkei suchen, steht Albanien ganz allein da. Ohne Partner – und ohne Druckmittel. „Wir wollen diese Heirat mit der EU, wir lieben sie“, sagt der Premier.

Der albanische Chefkoch Bledar Kola liebt Europa auch. Jahrelang war er in London und arbeitete sich vom Tellerwäscher zum Koch hoch. Im Gegensatz zu hunderttausenden Auswanderern kam er nach Albanien zurück. Warum? Warum ein Land mit aufbauen, in dem so viel Frustration über politische Eliten herrscht, in dem die Korruption noch nicht getilgt ist und sich die Existenzangst auf den Straßen entlädt? „Weil ich mit meiner Küche die Geschmäcker und Traditionen dieses Landes bewahren will“, sagt er. „Man kann etwas nicht abschreiben, nur weil es schwierig ist, es umzusetzen.“ Kola meint damit sein Restaurant. Doch seine Worte passen genauso gut zu den Beitrittsverhandlungen mit der EU.