Hintergrund EU-Konservative: Zwei Anwärter auf Spitzenamt

Berlin / Ellen Hasenkamp 07.09.2018

Quadratwurzeln, Multiplikationskoeffizienten oder doppelte einfache Mehrheit: Diese furchterregenden Begriffe ließen einst die blauen Augen eines jungen finnischen EU-Diplomaten leuchten: Alexander Stubb hockte um die Jahrtausendwende in einem Brüsseler Büro inmitten hoher Papierstapel und verstaubter Ficus-Bäumchen – und rechnete. Es ging darum, die EU auf die größte Erweiterung ihrer Geschichte vorzubereiten und den Kampf um die Stimmgewichte für die alten und neuen Mitglieder auszufechten. Ein Kampf, der erst auf dem Marathon-Gipfel in Nizza zäh entschieden wurde, da wurde schon das Essen knapp.

Damals war Stubb als Helfer im Hintergrund dabei. Jetzt, 18 Jahre später, gilt er als einer der Anwärter auf einen der höchsten Posten Europas. Der 50-jährige Politikwissenschaftler und Doktor der Philosophie steigt womöglich ebenfalls ein ins Rennen um die Spitzenkandidatur der europäischen Konservativen bei der EU-Wahl 2019. Und da ist mit dem „Ironman der Europapolitik“ durchaus zu rechnen. Stubb war Ministerpräsident, Außenminister und Finanzminister seines Landes, spricht neben Finnisch noch vier Sprachen fließend und absolvierte vor zwei Jahren den Triathlon auf Hawaii in gut elf Stunden. „Eine Stunde Training gibt Dir zwei Stunden zusätzliche Energie pro Tag“, lautet seine Devise.

Körperliche und geistige Fitness wird auch Stubbs möglichem französischen Konkurrenten Michel Barnier niemand absprechen. Der Dauerläufer und Skifahrer ist zudem eine Art Idealfigur des französischen Politikers. Ausbildung, Karriere, Frisur: alles perfekt. Mit Ende 20 wurde er – damals jüngstes – Mitglied der französischen Nationalversammlung. Danach folgten Stationen als EU-Kommissar und als französischer Außenminister. Als Chefunterhändler für den Brexit versucht Barnier derzeit, eine der schwierigsten Aufgaben der EU zu lösen – mit aller Härte des leidenschaftlichen Europäers und allem Charme des französischen Diplomaten. Genau diese Aufgabe aber könnte seine Chancen auf den EU-Top-Job ausbremsen: Der Brexit wird im November, wenn der EVP-Spitzenkandidat offiziell gekürt wird, kaum zu Ende verhandelt sein. Zudem fehlt Barnier die Rückendeckung durch seinen eigenen Präsidenten Emmanuel Macron.

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