Als "Plan für die ganze Nation" hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die Lockerung der Ausgangssperre angepriesen, die ab dem 11. Mai kommen soll. Doch statt Dankbarkeit erntet seine Regierung massive Kritik: Von "katastrophalem Krisenmanagement" in der Corona-Krise und "Russisch Roulette" spricht die Opposition. Auch Macrons Umfragewerte sind mies. Damit steht er in Europa ziemlich alleine da.

Macron im Vergleich zu Amtskollegin Angela Merkel unbeliebt

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel Spitzennoten bekommt und mancher Bürger sich bereits eine fünfte Amtszeit der Kanzlerin wünscht, ist Macrons Popularität im Sinkflug: Weniger als 40 Prozent der Franzosen stehen hinter seinem Corona-Krisenmanagement. Ebenso wenige glauben, dass der Staatschef, dessen Vereidigung sich am 7. Mai zum dritten Mal jährt, für die zwei verbleibenden Jahre vor der Präsidentenwahl 2022 etwas aus der Krise lernt.

Vom Besonnenen zum Krieger gegen den „unsichtbaren Feind“

Dabei hat Macron die Franzosen in seiner letzten Fernsehansprache Mitte April dazu aufgerufen, sich "neu zu erfinden". Das gelte "zuallererst für mich selbst", fügte der durch "Gelbwesten"-Proteste und Streiks geschwächte Präsident ungewohnt offenherzig hinzu.

Auf das Pathos seiner ersten Fernsehansprachen verzichtet Macron inzwischen. Im März hatte der Präsident noch einen "Krieg" gegen den "unsichtbaren Feind" des Coronavirus ausgerufen. Doch zum Kriegshelden nach Vorbild von Charles de Gaulle hat es Macron in der Krise nicht geschafft.

Warum ist die Situation in Frankreich so schlimm?

Mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Staunen schauen viele Franzosen auf den großen Nachbarn Deutschland und die niedrige Zahl der Todesopfer jenseits des Rheins. Warum muss Frankreich trotz sechswöchigen Lockdowns mehr als 23.000 Tote hinnehmen, eine der höchsten Opferzahlen weltweit? Warum mussten Dutzende Patienten aus dem Grenzgebiet nach Deutschland ausgeflogen werden?

Zwei Zahlen könnten den Unterschied verdeutlichen: Als Deutschland bereits bei 300.000 Corona-Tests pro Woche war, testete Frankreich mit Mühe 10.000 Menschen. Die Zahl der Intensivbetten lag in Frankreich zu Beginn der Krise bei gerade mal 6000, während Deutschland mit 28.000 über mehr als viermal so viele verfügte.

Nicht akut verursacht, sondern Ergebnis eines extremen Sparkurses

All das ist nicht nur Macrons Versäumnis: Unter den Vorgängerregierungen wurden massenhaft abgelaufene Masken und anderes Schutzmaterial vernichtet. Die Krankenhäuser wurden über Jahrzehnte zusammengespart.

Doch statt die Fakten auf den Tisch zu legen, warf die Regierung Nebelkerzen, von dem Masken-Notstand erfuhren die Franzosen aus den Medien. Die Opposition am rechten wie linken Rand nutzt dies für harte Attacken: "Die Franzosen sind keine Kinder, man muss ihnen die Wahrheit sagen", ätzte etwa die Rechtspopulistin Marine Le Pen gegen Macron. Linksparteichef Jean Luc Mélenchon wirft ihm "katastrophales Krisenmanagement" vor.

„Russisch Roulette“ mit Frankreichs Schülern

Die vormals regierenden Sozialisten warnen die Regierung sogar vor "Russisch Roulette" mit der Bevölkerung. Denn Frankreichs Schulen sollen schon ab dem 11. Mai schrittweise öffnen - der wissenschaftliche Beirat dagegen empfahl, wie Italien bis September zu warten, da sonst eine zweite Infektionswelle drohe.

Anders als Deutschland schreibt Frankreich ab dem 11. Mai zudem keine Maskenpflicht in Geschäften vor, nur in öffentlichen Verkehrsmitteln soll es sie geben. Wie der Pariser Nahverkehr mit täglich fünf Millionen Fahrgästen für Sicherheit sorgen soll, weiß allerdings niemand. Auch wann die angekündigte Handy-App "StopCovid" kommt, ist offen. Sie sei "technisch nicht bereit", heißt es aus der Präsidentenpartei La République en Marche (LREM).