Brexit Briten sehen ungeregeltem EU-Austritt entgegen

Wohin steuert Großbritannien? Die Zweifel, dass Premierministerin Theresa May einen geordneten Brexit schafft, werden größer.
Wohin steuert Großbritannien? Die Zweifel, dass Premierministerin Theresa May einen geordneten Brexit schafft, werden größer. © Foto: Charles Mcquillan/PA Wire/dpa
London / Hendrik Bebber 11.09.2018
In 200 Tagen verlassen die Briten die EU – mit oder ohne Vertrag. Für den zweiten Fall erwarten viele schlimme Folgen.

„Land der Hoffnung und des Ruhmes“, ertönte es lautstark und lustig wie in jedem Jahr beim Schlusskonzert des größten klassischen Musikfestivals der Welt in der Londoner Albert Hall und den Parks in Belfast,  Glasgow und Cardiff. Doch der Brexit hat auch diesen traditionellen Karneval  des Patriotismus verändert. Bei der „Last Night of the Proms“ schwenkten viele Gäste statt des  „Union Jack“  das europäische Sternenbanner. Sie unterstützen damit die Musikerverbände, die befürchten, dass der Brexit Ausländer behindert, die stark zur Weltgeltung britischer Orchester beitragen.

In 200 Tagen schlägt für die Briten die Stunde der Wahrheit. Die Massenblätter, die sich für den Brexit am 29. März stark machen, empörten sich über diesen „Landesverrat“, und Leser regten an, zum Abschluss der „Proms“ EU-Flaggen zu verbrennen.

Am gleichen Tag schlug auch der Chef-Brandstifter wieder zu. Boris Johnson, der wegen der Brüsseler Verhandlungsstrategie der Premierministerin Theresa May sein Amt als Außenminister niederlegte, wählte dafür nun eine ungeheuerliche  Metapher in seiner Zeitungskolumne: Er warf May  vor, Großbritannien in eine Sprengstoffweste gezwängt und den  Zünder dem EU-Chefunterhändler Michel Barnier in die Hand gedrückt zu haben.

Der Vergleich der Premierministerin mit einer Staatsterroristin was selbst Johnsons Parteifreunden zuwider, die seine vielen verbalen Entgleisungen in der Vergangenheit mit  „liebenswerter Exzentrik“ entschuldigten. „Das war eine der schändlichsten Momente in der modernen britischen Politik“, empörte sich der konservative Abgeordnete Sir Alan Duncan.

Frau reichte Scheidung ein

Johnsons Gegner mutmaßten höhnisch, dem Mann mit dem wirren Blondschopf sei wohl der Gaul durchgegangen, weil  gleichzeitig dessen Frau nach 25-jähriger Ehe wegen einer Affäre ihres Mannes die Scheidung einreichte.

Nun wird sich zeigen, ob etwa 80 Brexit-Hardliner in der konservativen Fraktion ihre Scheidung von Theresa May einleiten. Wie Johnson verdammen sie den Brexit-Kompromiss, auf den die Premierministerin im Landsitz Chequers Kabinett und Fraktion vergattert hatte. Mays Idee, anstelle von Binnenmarkt und Zollunion das künftige Verhältnis zur EU durch ein gemeinsames Regelwerk neu zu definieren, wird auch in Brüssel als nicht praktikabel angesehen.

Das Hochseil, auf dem Theresa May ihren Balanceakt zwischen den Brexit-Lagern ihrer Fraktion vollzieht,  ist bis zum Zerreißen gespannt. Es sickerte durch, dass bereits eine Liste von Johnsons persönlichen und professionellen Fehlleistungen erstellt wurde, die ihn als Nachfolger für May diskreditieren soll. Der Kongress der Konservativen steht auch unter Druck der muslimischen Mitglieder, eindeutig  gegen  islamophobe Tendenzen in der Partei Stellung zu beziehen. Auch diese Kontroverse wurde von den abfälligen Bemerkungen Johnsons über religiöse Trachten muslimischer Frauen angeheizt.

Jeremy Corbyn scharf kritisiert

Die Labour-Party kann nicht von dem Zerwürfnis ihrer Rivalen profitieren. Ihr Parteichef Jeremy Corbyn musste monatelang mit dem Vorwurf kämpfen, nicht genügend gegen antisemitische Hetze  in seiner Partei eingeschritten zu sein. Trotz seiner vielen Entschuldigungen wird ihm weiter vorgehalten, persönlich durch seine Beteiligung an Veranstaltungen palästinensischer Terrororganisationen Antisemiten und Feinde Israels in seiner Partei gefördert zu haben.

Die Gewerkschaften und immer mehr Ortsverbände fordern von Corbyn, sich für ein zweites Referendum zum Brexit stark zu machen, was er bislang ablehnt. Meinungsumfragen könnten ihn überzeugen. Demnach würden jetzt 59 Prozent der Briten für den Verbleib in der EU stimmen.

Mehr noch als die Warnungen der Wirtschaft hat wohl die Notstandsplanung der britischen Polizei einen Meinungswechsel unter den 51,9 Prozent der Briten bewirkt, die für den Austritt gestimmt hatten. Das Dokument rechnet für den Fall eines „harten Brexit“ mit „noch nie da gewesenen und überwältigenden Verkehrsproblemen“ durch den Lastwagenstau an den Fährhäfen.

Der erwartete Mangel an Nahrungsmitteln, Gebrauchsgütern und Medikamenten berge die „reale Möglichkeit“ schwerer Unruhen, zu deren Unterdrückung die überforderte Polizei auch militärische Hilfe benötige.

Eine schwache Premierministerin, die um ihr Überleben kämpft, der Zwist in den Fraktionen des Parlaments, eine chaotische Verhandlungsstrategie, scharfe Gegensätze in den Regionen des Königreichs und eine tiefe Kluft zwischen den Generationen versetzen das Land in den Zustand eines Kaninchens, das wie gelähmt auf das herannahende Verhängnis starrt.

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