Ich stimme für Bolsonaro“, steht auf dem Banner, mit dem sich Flavio auf der Avenida Lúcio Costa positioniert hat. Immer nachmittags stellt sich der rüstige Rentner hier im Stadtteil Barra da Tijuca auf, um für seinen Kandidaten Stimmung zu machen. Dann beginnt der Berufsverkehr und besonders viele Autofahrer müssen an Flavio vorbei. Es ist ein Heimspiel, hier wohnt die weiße Oberschicht Rio de Janeiros. Sie lebt in einer Welt für sich, in der die Menschen mit den großen Problemen Brasiliens, dem wirtschaftlichen Abschwung, der Gewalt und Kriminalität, den ethnischen Konflikten zwischen Schwarz und Weiß nichts zu tun haben wollen.

Jair Bolsonaro (63), je nach ideologischer Überzeugung ein rechtsextremer Faschist oder ein gottesfürchtiger Heilsbringer, hat hier viele Anhänger. Er will die „gute Bevölkerung“ bewaffnen, um sie gegen die „böse Bevölkerung“ zu schützen. Er ist bekannt für seine homophoben Sprüche („Lieber ein toter Sohn als ein schwuler Sohn“) und für frauenverachtende Ausraster. Vor allem aber steht er für die heimliche Sehnsucht eines Teils der 145 Millionen wahlberechtigten Brasilianer nach der Rückkehr zur Militärdiktatur (1964 bis 1985), in der nach ihrer Lesart noch Zucht und Ordnung herrschten. Auch mit diesem Tabubruch spielt Bolsonaro immer wieder, in dem er jene Zeit glorifiziert.

Laut Umfragen führt er mit 31 Prozent vor dem Linkskandidaten Fernado Haddad (21 Prozent). Dieser ist der Ersatzkandidat für Lula da Silva (72), den immer noch populären, jedoch wegen Korruption inhaftierten Ex-Präsidenten der Arbeiterpartei PT, der lange, vielleicht zu lange, an seiner Kandidatur festhielt. Er selbst bezeichnet seine Verurteilung als politisch motiviert, es gibt allerdings viele Indizien, die gegen Lula da Silva sprechen. Längst ist es zu einer Glaubensfrage geworden, ob er tatsächlich schuldig ist: Das linke Brasilien glaubt an ein Komplott, das rechte Brasilien ist von seiner Schuld überzeugt.

„Bolsonaro wird das Land neu ordnen“, sagt Wahlkämpfer Flavio. „Brasilien ist in ein großes Chaos abgerutscht, und Schuld daran sind Lula da Silva und Dilma Rousseff.“  Deren Partei, die PT, ist wie alle anderen Parteien tief in den Korruptionsskandal rund um die Baukonzerne Petrobas und Odebrecht verstrickt, der die Wirtschaft hinuntergerissen hat.

Homophobie ist auch in der lateinamerikanischen Linken weit verbreitet: Der Kubaner Fidel Castro, ihre Ikone, ließ einst Homosexuelle in Umerziehungslager stecken. Venezuelas Sozialisten versuchten, den Präsidentschaftskandidaten der Rechten, Henrique Capriles, noch 2013 als Homosexuellen zu diskreditieren. Mit seinen gezielten Tabubrüchen gegenüber Schwulen, Frauen und Afro-Brasilianern trifft Bolsonaro offenbar den Zeitgeist. Denn abseits der schillernden Gay-Pride-Paraden in Rio de Janeiro herrscht draußen in den Favelas ein extrem schwulenfeindliches Klima.

Die Homophobie-Debatte ist nicht die einzige skurril anmutende Wahlkampf­episode: Tatsächlich gibt es in dem größten südamerikanischen Land immer mehr Anhänger der These, der deutsche Nationalsozialismus sei in Wahrheit eine linke Ideologie gewesen. Ein von der deutschen Botschaft verbreitetes Video, in dem Außenminister Heiko Maas zum entschlossenen Kampf gegen den Rechtsextremismus aufruft, werten Anhänger Bolsonaros als Affront. Sie argumentieren, im Parteinamen der NSDAP komme das Wort „sozialistisch“ vor.

Nach dem Attentat noch beliebter

Den Vorwurf, Bolsonaro sei ein Verfechter der Militärdiktatur, kontern dessen Anhänger damit, dass die PT ja selbst enge Beziehungen zur kubanischen und venezolanischen Diktatur pflege. Ein Thema über das die brasilianische Linke angesichts des Flüchtlingsstroms aus Venezuela in den Norden des Landes nur ungern spricht. Tatsächlich war vor ­allem der Kuba-Faible der PT auf einem Festival, auf dem mehrere tausend Anhänger Lulas vor ein paar Wochen dessen Freilassung forderten, omnipräsent. Immer noch wird Lula da Silva, der Schattenmann dieses Wahlkampfes, verehrt. Und mit ihm der frühere kubanische Revolutionär Che Guevara, der neben der glorreichen Revolution eben auch für außergerichtliche Hinrichtungen und Folter stand.

„Lula muss freigelassen werden“, sagt PT-Anhängerin Andrea. Diese Rehabilitierung scheint das wichtigste Wahlkampfziel der PT zu sein. Auch das ist eine Vorlage für Bolsonaro, der sich auf die Rückendeckung der mächtigen erzkonservativen evangelikalen Kirchen verlassen kann. Bolsonaro verspricht im Zeitalter von Twitter und Facebook einfache Lösungen für komplexe Probleme wie Kriminalität und Gewalt. Für den Rest holt er sich Experten. Mit der Präsenz der lateinamerikanischen Linksdiktaturen in Venezuela und Nicaragua verliert das von der PT aufgebaute Szenario einer faschistischen Diktatur unter Bolsonaro mehr und mehr ihre Wirkung. Dass Bolsonaro im Wahlkampf Opfer eines Messerattentates eines offenbar geistig verwirrten Mannes wurde, hat seine Popularität noch einmal erhöht.

Im Zentrum Rio de Janeiros ist davon nichts zu spüren. Tausende Frauen steigen am Samstag aus der Metro-Station Cinelandia, um gemeinsam dem verhassten Rechtsextremen Bolsonaro die Stirn zu bieten. „Ele Nao“ (er nicht)  hallt es zuerst aus hunderten Kehlen in den unterirdischen Gängen der U-Bahn, weiter oben bilden die Demonstranten einen riesigen bunten Flickenteppich verschiedenster Organisationen: „Bolsonaro darf das Land nicht regieren“, sagt Fernanda (18), die auf ihrem T-Shirt Anti-Bolsonaro-Aufkleber trägt. „Er hasst Frauen, Schwarze und Schwule. Er wird unsere Gesellschaft spalten.“ Sie singen, tanzen und gelegentlich ist der süßliche Geruch von Marihuana zu riechen. Es ist eine friedliche, kreative Demonstration, die aber auch offenbart: Es fehlt diesem politischen Lager eine übergreifende Botschaft. Sich nur gegen einen Kandidaten zu verbünden, könnte zu wenig sein.

Für die Kandidaten der Mitte, die es auch im brasilianischen Wahlkampf gibt, ist im Kampf der Emotionen und der gegenseitigen Vorwürfe kaum Platz. Umweltpolitikerin Marina Silva bekommt mit ihrem weitsichtigen Vorschlag, ganz auf nachhaltige Energien zu setzen, weder in den nationalen noch internationalen Medien den Raum, den sie braucht, um ernst genommen zu werden. Die indigene Kandidatin scheint im Kampf der weißen Männer um die Präsidentschaft inzwischen chancenlos.

An den großen Problemen geht das ­alles vorbei: Brasilien leidet weiter unter seinem wirtschaftlichen Absturz. Die noch von Lula da Silva akquirierten und Dilma Rousseff geplanten Großprojekte Fußball-WM 2014 und Olympische Spiele 2016 haben das Land nicht vorangebracht, sondern in einen riesigen Korruptionssumpf versinken lassen. Vor ein paar Jahren galt Brasilien als die kommende Supermacht, doch der Ölpreisverfall und die strategischen Fehlentscheidungen Lulas für WM und Olympia haben den von ihm selbst mit intelligenten Sozialprogrammen eingeleiteten Aufschwung wieder zunichte gemacht.

Rückkehr der Banden nach der WM

Nun kämpft Lula aus seiner Gefängniszelle heraus um seinen Mythos. In den Favelas aber sterben die Menschen im täglichen Kugelhagel der zurückkehrenden Banden, die für die WM und für Olympia vertrieben wurden. Ein erster Warnschuss waren die Massenproteste gegen Rousseff am Rande des Confed-Cups 2013. Damals reagierten Rousseff und ihre PT mit einem Großaufgebot von Polizei und Armee, um die anschließende  WM zu schützen, statt auf die Sorgen der Menschen zu reagieren. Als ein Jahr später während der Wahlen auch die Hinweise auf einen gigantischen Korruptionsskandal um die Konzerne Petrobras und ­Odebrecht ans Licht kamen, distanzierte sich Dilma  Rousseff nicht von der Korruption, sondern wollte gegen die Presse vorgehen.

Die Weltmeisterschaft endete sportlich wie finanziell für Brasilien in einem Desaster und für Rousseff wenig später mit einer hoch umstrittenen Amtsent­hebung. Und sie war die Keimzelle für das, was Brasilien heute erlebt: die Renaissance einer ­extremen brasilianischen Rechten. Sie wird – egal ob Jair Bolsonaro gewinnt oder nicht – nach den Wahlgängen am 7. Oktober und 28. Oktober, an dem die Stichwahl stattfinden soll, so stark sein wie seit der Militärdiktatur nicht mehr.

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