Leitartikel Tanja Wolter zum veränderten Selbstbewusstsein von Arbeitnehmern Arbeit: Mehr Freizeit statt Geld ist beliebt

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Ulm / Tanja Wolter 24.01.2019

Die Deutsche Bahn hat 2016 den Anfang gemacht, die Metallindustrie zog nach, und auch die Post folgte dem Trend: Sie alle bieten inzwischen bestimmten Mitarbeitern die Möglichkeit an, einen Teil der tariflich vereinbarten Lohnerhöhung in freie Tage umzuwandeln. Mehr Freizeit statt mehr Geld – durchgesetzt wurde dieses Novum von den Gewerkschaften. Das erstaunt zunächst, haben sich diese doch früher vor allem auf die finanzielle Besserstellung ihrer Mitglieder konzentriert und in Lohnrunden erbittert um jede Stelle hinter dem Komma gefeilscht. Doch der Erfolg der Regelungen zeigt: Sie hatten den richtigen Riecher für die Interessen der Beschäftigten – und damit auch werbewirksam für potenzielle Neu-Mitglieder.

Das eigentlich Neue an den Vereinbarungen ist, dass der Arbeitnehmer eine Wahl hat. Er kann weitgehend selbst entscheiden, ob er – um bei der Bahn zu bleiben – sechs Tage Urlaub oben drauf legt oder 2,6 Prozent mehr Geld bekommt, wie es die jüngsten Tarifabschlüsse vorsehen. Nicht nur bei der Bahn wird die Freizeit-Alternative überraschend gut angenommen: Laut IG Metall beantragten allein in der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie gut 50 000 Beschäftigte freie Tage statt Geld, hauptsächlich Schichtarbeiter. Selbst die Post verzeichnet eine rege Nachfrage, obwohl Zusteller längst nicht so gut verdienen wie Metaller.

Allein mit Wohlstand lässt sich der starke Zuspruch also nicht erklären. Er sagt vielmehr einiges über die veränderten Wünsche von Arbeitnehmern aus – und über ihr gewachsenes Selbstbewusstsein, sich einfach mal dem Leistungsdruck zu entziehen, anstatt sich mit Geld zu einem möglichst noch höheren Arbeitspensum bestechen zu lassen. Unternehmen mit großem Personalbedarf bleibt momentan kaum etwas anderes übrig, als sich solchen „weichen“ Anliegen zu öffnen, wenn sie Mitarbeiter an sich binden oder für Bewerber attraktiv sein wollen. Zeit ist dabei nur ein Faktor: Umfragen belegen, dass vielen Beschäftigten neben der Work-Life-Balance auch Respekt, ein gutes Betriebsklima und eine offene Unternehmenskultur wichtiger sind als die Bezahlung. Das alles gilt insbesondere für jüngere Generationen. Erfolg und Karriere wollen zwar auch Berufseinsteiger machen, aber nur soweit sich dies mit ihren Werten und ihrem Privatleben vereinbaren lässt. Wer sie gewinnen will, muss sich also mächtig ins Zeug legen.

Für die Nutznießer ist das alles schön, wer sollte es ihnen auch verübeln. Für Millionen Beschäftigte im Niedriglohnsektor gelten Optionen wie „mehr Freizeit statt Geld“ dagegen nicht. Für sie zählt jeder Euro. Aber auch sonst ist nicht ausgemacht, dass sich der neue Ansatz in der Breite durchsetzt. Denn die Zeiten der Wunscherfüllung könnten bald vorbei sein. In einer Rezession wird sich das Blatt schnell wenden – Richtung Kurzarbeit, Nullrunden und Entlassungen. Eine Wahl gibt es dann nicht, dafür vielleicht mehr Zeit, als einem lieb ist. Gerade für junge Menschen, die solche Phasen noch nicht kennen, kann es ein böses Erwachen geben.

leitartikel@swp.de

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