Abdul Dschabar Kahraman redete  in seinem Abgeordnetenbüro in der südafghanischen Stadt Laschkar Gah gerade mit Anhängern, als eine Bombe ihn zerriss. Der 59-Jährige war jemand, der Frieden wollte und Verhandlungen mit den radikalislamischen Taliban unterstütze. Seit der Wahl 2010 hatte er die Provinz Helmand im Parlament vertreten. Sein Amt als General der südafghanischen Truppen hatte er niedergelegt. Mit militärischer Gewalt allein könne man den Konflikt nicht lösen, war sein Credo. Kahraman war der zehnte Parlamentskandidat, den die Taliban im Wahlkampf getötet haben.
Seit 17 Jahren ist Krieg im südasiatischen Land. Der Kampf gegen die Taliban, die seinerzeit die Al-Kaida-Terroristen beherbergte, ist trotz des riesigen militärischen Einsatzes der internationalen Truppen, auch der Bundeswehr, noch immer nicht gewonnen. Er hat zehntausende Menschen das Leben gekostet. 2018 starben bis Ende September bereits knapp 2800 Zivilisten.
Obwohl in einigen Provinzen Ruhe eingekehrt ist, machen sich die Taliban wieder im Land breit. Während die internationale Koalition davon spricht, dass ein Siebtel des Territoriums von den Radikalislamisten besetzt ist, gehen andere Schätzungen davon aus, dass sie sich in zwei Dritteln des Landes ohne Einschränkung bewegen können. Mit Anschlägen verbreiten sie Angst im Land. Auch die Terrormiliz IS sowie andere islamistische Gruppen haben sich in einigen Regionen festgesetzt.
In diesem Land soll nun am Samstag eine Parlamentswahl stattfinden. Wegen der Sicherheitslage ist sie um mehr als drei Jahre verschoben worden; auch diesmal bleibt ein Drittel der Wahllokale geschlossen. Rund 2500 Kandidaten bewerben sich um einen Platz im Unterhaus Wolesi Dschirga, jeder sechste davon ist eine Frau.
„Politisch ist Afghanistan demokratischer als jemals in seiner Geschichte“, warb der frühere afghanische Sicherheitsberater Mohammed Hanif Atmar im Frühjahr in Berlin. Doch noch ist das Parlament schwach, viele Abgeordnete machen sich nicht einmal die Mühe, zu den Sitzungen nach Kabul zu fahren, Korruption ist allgegenwärtig. Um Wahlfälschungen zu verhindern, bemühen sich die Behörden um Transparenz. So mussten sich die rund neun Millionen Wähler registrieren.
Den internationalen Einsatz sieht der CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt trotz all der Probleme nicht als vergeblich an. „Insgesamt gibt es sichtbare, erhebliche Fortschritte in Afghanistan, die ohne internationale Präsenz nicht möglich gewesen wären“, sagt er. „Afghanistan ist heute, anders als vor 17 Jahren keine Brutstätte für internationalen Terrorismus mehr.“ Dennoch müsse die seit fast vier Jahren laufende Ausbildungs-Mission „Resolute Support“ der Nato weitergehen, bis Sicherheitskräfte „eigenständig in der Lage sind, die Sicherheit in Afghanistan zu gewährleisten“.
So positiv sieht das der Vorsitzende der deutsch-südasiatischen Parlamentariergruppe nicht. „Nichts von dem, was versprochen wurde, ist eingetreten“, schimpft Tobias Pflüger von der Linken. „Die Sicherheitslage ist nach wie vor prekär, es wird weiter Krieg geführt, von einer stabilen Demokratie ist das Land so entfernt wie eh und je.“ Als er mit anderen Abgeordneten jüngst in Afghanistan war, sei er ständig von Soldaten begleitet worden. „An freie Bewegung war gar nicht zu denken. Das zeigt, wie gefährlich es ist, und dass Abschiebungen unverantwortlich sind.“
Das sehen auch die Mitarbeiter der Kinderhilfsorganisation „Save the Children“ so. „Die Leute sagen uns, dass die Sicherheitslage nach 2001 noch nie so schlecht war wie jetzt“, sagt der Länderdirektor für Afghanistan, Onno van Manen. In einer aufwendigen Studie mit dem Titel „Rückkehr ins Ungewisse“ schildert Save the Children die Situation von zurückgekehrten Minderjährigen. Co-Autorin Meike Riebau spricht von „erschütternden Berichten“. Mindestens ein Fünftel der zurückgekehrten Kinder sei von bewaffneten Gruppen angeworben worden. Andere würden ausgegrenzt, zwei von dreien zeigen psychosoziale Belastungssymptome. „Das liegt unter anderem daran, dass viele der Kinder noch nie zuvor in Afghanistan waren. Das ist für sie ein fremdes Land.
Die Wahl wird von Beobachtern dennoch als Schritt für eine Stabilisierung des Landes bewertet. Zudem sind Vorgespräche für Friedensverhandlungen mit den Taliban im Gang, die Präsident Aschraf Ghani Anfang des Jahres angeboten hat. Das überzeugt die Taliban nicht. Ihr Sprecher Sabihulla Mudschahid kündigte weitere Gewaltakte an. Die Wahl sei eine „hinterhältige amerikanische Verschwörung“.

Eine langwierige Mission


Die Bundeswehr beteiligt sich seit Ende 2001 am Einsatz der internationalen Gemeinschaft gegen die Taliban und zum Wiederaufbau Afghanistans. Ziel der Mission war zunächst, die Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 unschädlich zu machen. Die Führung des Terrornetzwerks Al Kaida hatte damals unter dem Schutz der Taliban in Afghanistan Zuflucht gefunden. Diese hatten in dem bürgerkriegsgeschwächten Land fünf Jahre zuvor die Macht übernommen und einen fundamentalistischen islamischen Staat aufgebaut.

Für einige Jahre war Deutschland mit bis zu 5350 Soldatinnen und Soldaten an dem Einsatz beteiligt. Ende 2014 zogen die internationalen Kampftruppen der Nato-geführten Mission ISAF ab. Seitdem leisten 16 000 Soldaten Unterstützung bei der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte in der Mission „Resolute Support“. Bis zu 1300 von ihnen sind Bundeswehr-Soldaten.

Zusammengenommen hat das deutsche Engagement für Militär, Aufbau- und Wirtschaftshilfe nach Angaben der Bundesregierung bislang 15,7 Milliarden Euro gekostet. Nach Angaben der Bundeswehr sind im Afghanistan-Einsatz seit 2001 insgesamt 57 Bundeswehrsoldaten gestorben, 35 davon durch Fremdeinwirkung, 22 durch „sonstige Umstände“ – also Unfälle oder Selbstmord. kg