Eine Bilanz Zwischen Überfluss und Mangel: 25 Jahre Tafeln

Vom kleinen Verein zur großen sozialen Bewegung: Vor 25 Jahren startete in Berlin die erste Tafel, um Bedürftige mit Lebensmitteln zu versorgen. Foto: Annette Riedl
Vom kleinen Verein zur großen sozialen Bewegung: Vor 25 Jahren startete in Berlin die erste Tafel, um Bedürftige mit Lebensmitteln zu versorgen. Foto: Annette Riedl © Foto: Annette Riedl
Berlin / DPA 18.06.2018

Vom kleinen Verein zur großen sozialen Bewegung: Vor 25 Jahren startete in Berlin die erste sogenannte Tafel, um Bedürftige mit überzähligen Lebensmitteln zu versorgen, zum Beispiel aus Supermärkten und Bäckereien.

Heute gibt es bundesweit 940 Tafeln, die im Jahr 1,5 Millionen Menschen versorgen, wie der Dachverband Tafel Deutschland zum Jubiläum am Montag in Berlin mitteilte. Es sei Aufgabe von Gesellschaft und Politik, Lebensmittelverschwendung und Armut abzuschaffen, sagte der Vorsitzende Jochen Brühl. „Solange dies nicht geschehen ist, wird es Tafeln weiterhin geben.“ Ausgewählte Entwicklungen aus 25 Jahre Tafel-Geschichte:

HEISSE DEBATTE: Die Essener Tafel löste im Winter eine Diskussion zur Armut in Deutschland aus. Der Vorstand hatte im Dezember beschlossen, die Lebensmittelausgabe an Ausländer zu beschränken. Sie begründete dies mit einem zu groß gewordenen Anteil an Ausländern unter den Kunden von 75 Prozent. Kritische Reaktionen erhielt in diesem Zusammenhang auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Er meinte, auch ohne die Tafeln müsse in Deutschland niemand hungern und mit Hartz IV habe „jeder das, was er zum Leben braucht“. Heute gelten in Essen neue Aufnahmeregeln. Auch bei Engpässen soll die Nationalität bei der Tafel keine Rolle mehr spielen. In solchen Fällen sollen alleinstehende Senioren ab 50 Jahren, Behinderte, Alleinerziehende und Familien mit Kindern Vorzug bekommen.

KUNDEN: Die Tafeln sind von Beginn an ein Spiegel der Gesellschaft - und inzwischen auch ein Gradmesser dafür, wie die soziale Schere in Deutschland auseinandergeht. Heute lebt nach der jüngsten Umfrage unter den Mitgliedsvereinen fast die Hälfte der Bedürftigen (46 Prozent), die zur Tafel kommen, von Hartz IV. Ein knappes Viertel (23 Prozent) sind Menschen mit kleiner Rente. Eine gleich große Gruppe (23 Prozent) sind nun Menschen aus dem Ausland, die einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben. Über die Lebensmittelspenden werden heute fast ein Drittel (30 Prozent) Kinder mitversorgt.

HELFER: Im Jahr 2017 gab es rund 60 000. Rund 90 Prozent arbeiten ehrenamtlich für die Tafeln, im Schnitt 34 Stunden im Monat. Hochgerechnet entspricht das nach den Berechnungen des Dachverbands einem Gegenwert von 216 Millionen Euro im Jahr. 60 Prozent der Helfer sind Frauen. Ein Fünftel der Ehrenamtlichen gehört selbst zum Kreis der Bedürftigen. Mehr als zwei Drittel aller Helfer sind Senioren über 65 Jahre. In Ostdeutschland gibt es rund 33 Aktive pro Tafel, im Westen sind es 82. Die meisten Ehrenamtlichen pro Tafel packen in Hessen mit an (126), die wenigsten in Brandenburg (15) und Mecklenburg-Vorpommern (15).

ANDRANG: Aktuell verteilen die Tafeln 264 000 Tonnen Lebensmittel im Jahr. Das meiste davon sind Obst und Gemüse (41 Proznet), gefolgt von Backwaren (20 Prozent) und Milchprodukten (13 Prozent). Fast jede Tafel hat ein eigenes Ausgabe-System. Rund die Hälfte (53 Prozent) bietet heute Warteräume an. Bei 47 Prozent der Tafeln aber müssen die Kunden weiter draußen warten - Schlange stehen gehört dann oft dazu. Viele Einrichtungen haben Regeln aufgestellt. So müssen Menschen, die Waren abholen möchten, zuvor ihre Bedürftigkeit nachweisen. Viele Tafeln fordern auch eine symbolische Münze ein, damit Menschen den Wert des Angebots schätzen.

KRITIKER: Einen Grund zum Jubeln gibt es aus Sicht des Soziologen Stefan Selke nicht. Die Existenz der Tafeln als Almosensystem sei in einem reichen Land ein politischer Skandal, sagte er im Februar. „Sie sind der Pannendienst einer sozial erschöpften Gesellschaft, die immer mehr ihrer Mitglieder als Überflüssige abspeist.“ Der Wuppertaler Wissenschaftler Holger Schoneville hat untersucht, wie sich Tafel-Nutzer fühlen. Das Erleben sei durchaus widersprüchlich. Tafeln stellten für die Betroffenen eine lebensnotwendige Hilfe bereit, analysierte er. Zugleich seien sie aber auch Teil sozialer Ausgrenzungsprozessen, die die Würde der Nutzer berühre. Es gibt aber auch interne Kritik: Die Anzahl der Tafeln sei so gewachsen, dass sich einige beim Einsammeln der Lebensmittelspenden kannibalisierten.

ZUKUNFT: Die Berliner Tafel als Vorreiter sieht ihre Aufgabe nicht mehr allein in der Lebensmittel-Verteilung. Mit einem Abfallprojekt spart sie Entsorgungskosten. Es gibt auch Kochkurse für Kinder und Teenager. Denn eine Sorge ist, dass weniger Menschen frische Lebensmittel in schmackhafte Speisen verwandeln können. Der Dachverband will auch stärker ländliche Regionen für die Versorgung ins Visier nehmen. Bisher sind Tafeln eher ein Phänomen der Mittel- und Großstädte.

Tafel Deutschland

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