Moskau Ziegenbock auf Brautschau

THOMAS KÖRBEL, DPA 09.07.2016
Aus der Ziegenbock-Tiger-WG bei Wladiwostok wird wohl nichts mehr. Beide Tiere sind verkuppelt worden. Dass die Ehen halten, ist nicht sicher.

So recht weiß Russlands tierischer Medienstar Timur nicht, wie ihm geschieht. Der Ziegenbock soll sich auf einer „Brautschau“ in Moskau ein Weibchen aussuchen, das ihm über die Trennung von seinem Tiger-Freund Amur hinweghilft. Timur schnüffelt verhalten. Die meisten Ziegen-Bräute interessieren ihn offenbar weniger als Kohl und Möhren nebenan.

Doch dann erregt ein achtmonatiges, braunes Ziegen-Mädel seine Aufmerksamkeit: Manja von einem Hof im Moskauer Umland. Die Ziegenkuppler jubeln. „Jugend, Naivität und Bescheidenheit haben das Ihre getan – der furchtlose Timur ist dem Charme der gehörnten Schönheit verfallen. Er hat sich Hals über Kopf verliebt und sein Herz an Manja vergeben.“ Sie gilt jetzt als heiße Kandidatin für die Ehe mit Russlands berühmtestem Zootier.

Der „furchtlose Timur“ ist seit Monaten der Held der russischen Staats- und Klatschmedien. Eigentlich hatte er in einem Safaripark bei Wladiwostok im Fernen Osten Russlands auf dem Speiseplan des sibirischen Tigers Amur gestanden. Doch der hatte Timur – nicht zum Fressen – gern und verschonte ihn.

Mehrere Wochen hat das ungleiche Duo in seiner spektakulären Zoo-WG verbracht. Bis der Tiger der Seifenoper mit einem kräftigen Hieb ein Ende bereitete und der Ziege mehrere Knochen brach. Zur Behandlung brachte Zoodirektor Dmitri Mesenzew Timur ins 7000 Kilometer entfernte Moskau, wo sich die Ziege nach intensiver Behandlung zuletzt auf einem Tierhof erholen konnte – unter den Blicken der schaulustigen Hauptstädter.

Timur auf dem Roten Platz, Timur beim Foto-Shooting mit Stalin- und Lenin-Darstellern für Touristen, Timur in einer Show des Senders NTV. Wo er in Moskau auch hinkommt, klackern die Fotoapparate und surren die Kameras. Sogar einen Stern in Hollywood-Manier wie auf einem Walk of Fame wird Timur zu Ehren in einem Moskauer Park in den Fußboden eingelassen.

Die Ziege stört sich an dem Rummel kaum. Während die Kameras auf Timur zielen, knabbert dieser genüsslich an frischem Salat.

Für den Zoo bei Wladiwostok sind Timur und Amur wichtig. Mit dem wachsendem Medieninteresse warf die Leitung die Marketingmaschinerie an, verkaufte Souvenirs mit Timur und Amur und brachte so den Rubel zum Rollen.

Doch nicht alle glauben die wundersame Geschichte von Tiger und Ziege. Amur sei schlicht und ergreifend satt gewesen und habe die Ziege daher nicht gefressen, behauptete eine ehemalige Mitarbeiterin des Zoos Medien zufolge. Daraus habe der Zoo die PR-Kampagne gemacht.

Direktor Mesenzew beteuert, der Tiger sei tagelang nicht gefüttert worden, bevor ihm die Ziege vorgesetzt worden sei. Überdies habe die Mitarbeiterin erst drei Wochen nach dem Kontakt der Tiere im Zoo angefangen und nach einer Woche wegen eines Streits mit Kollegen gekündigt.

An diesem Wochenende soll Timur zurück nach Hause fliegen. „Erst feiern wir (seinen dritten) Geburtstag und dann geht es gleich in den Safaripark“, sagt Mesenzew. In ein Gehege mit Amur solle Timur aber nicht mehr kommen.

Amur dürfte seinen Ziegen-Kumpel eh kaum vermisst haben. Seit Anfang Juni teilt er sein Gehege mit der Tigerdame Ussuri. Der Zoo hat ein Video der schmusenden Raubkatzen von ihrer „Hochzeit“ verbreitet. In einem späteren Clip fauchen sie sich jedoch heftig an. Vielleicht sollte es sich Timur noch mal überlegen, ob er sein künftiges Gehege wirklich mit der Ziegen-Frau Manja teilen will.