Gesundheit Zeckenrekord im Sommer 2018

Gefährlicher Krankheits-Überträger: der Gemeine Holzbock.
Gefährlicher Krankheits-Überträger: der Gemeine Holzbock. © Foto: © Erik Karits/Shutterstock.com
München/Wien / Claudia Füßler 18.07.2018

Die Gefahr aus dem Gestrüpp“, „Rekordjahr für Zecken“, „So viele Mini-Vampire wie nie“ – es liegt ein Hauch von Panik in der Sommerluft, wenn man die Schlagzeilen der Medien verfolgt. Schuld daran ist unter anderem Gerhard Dobler. Der Wissenschaftler am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, einem Partnerinstitut des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung, und sein Team haben ein Modell veröffentlicht, das für diesen Sommer besonders viele Zecken prophezeit. 443 Zecken pro 100 Quadratmeter. Voriges Jahr waren es 180, wie vorhergesagt.

Möglich wird die präzise Vorhersage der Zeckenpopulation dank eines neuen Modells, dass die Münchner Forscher mit Kollegen an der Veterinärmedizinischen Universität Wien entwickelt haben. Die Münchner sammeln seit zehn Jahren standardisiert jeden Monat Zecken auf einer mehrere hundert Quadratmeter großen Fläche im Landkreis Amberg. Mittlerweile besitzen sie die weltweit längste Sammlung von Zecken auf einem Gelände.

Darüber hat der Klimatologe und Epidemiologe Franz Rubel von der Veterinärmedizinischen Universität Wien klimatische Parameter laufen lassen, die der Deutsche Wetterdienst zur Verfügung stellt. „Wir haben die Buchenmast im Jahr 2016 berücksichtigt“, sagt Rubel. „Wenn die Buchen viele Früchte tragen, vermehren sich die Mäuse (als Wirtstiere) explosionsartig und ermöglichen damit vielen Zeckenlarven das Überleben. Dadurch hatten wir 2017 viele Zeckenlarven“, die zu Nymphen wurden.

Weil der Winter 2017/2018 mild war, haben viele Nymphen überlebt. Sie halten 2018 nach großen Tieren und dem Menschen Ausschau, um eine Blutmahlzeit zu nehmen. Rubel: „Dieser Prozess ist durch das großräumige Klima synchronisiert und determiniert die Zeckenhäufigkeit in ganz Mitteleuropa. Damit konnte bereits im Februar 2018 eine saisonale Zeckenprognose erstellt werden, die sich jetzt als zutreffend erwiesen hat.“

Das Interesse der Münchner und Wiener Forscher gilt dem FSME-Virus, das die Frühsommer-Meningoenzephalitis auslösen kann. Diese Hirnhautentzündung kann schwere neurologische Schäden beim Menschen verursachen und auch tödlich enden. Rubel: „Die Gebiete hoher Zeckendichten korrelieren recht gut mit den FSME-Verbreitungsgebieten.“ Das sind Bayern, Baden-Württemberg, Südhessen und das südöstliche Thüringen.

Mehr Zecken bedeuten ein höheres Risiko, sich mit einem Krankheitserreger zu infizieren, von denen das FSME-Virus und die Lyme-Borrelien die bekanntesten sind. Beide Erreger werden von der Schildzecke Gemeiner Holzbock übertragen, die in unseren Gefilden den Menschen am häufigsten befällt.

Die Münchner DZIF-Forscher haben gezeigt, dass die Durchseuchung mit dem FSME-Virus relativ konstant ist, unabhängig von der Zeckenzahl in einem Jahr. Jede 50. bis 100. Zecke trägt das FSME-Virus. Anders sehen die Zahlenfür die Lyme-Borreliose aus: Experten zufolge ist jede dritte bis vierte Zecke damit infiziert. Schätzungen zufolge erkranken jährlich zwischen 60 000 und 200 000 Menschen in Deutschland an Lyme-Borreliose. Die Zahlen variieren so stark, weil die Krankheit nicht in allen Bundesländern meldepflichtig ist.

Grund zur Panik besteht trotz eines Zecken-Rekordsommers nicht. Dass eine hohe Zeckenpopulation tatsächlich mehr Erkrankungen bringt, sei reine Spekulation, sagt Dania Richter, die an der TU Braunschweig vor allem zu Lyme-Borreliose forscht. „Es gibt keine eindeutige ordentliche Studie, die das belegt.“

Es kommt auch darauf an, wo man sich aufhält. „Wenn eine Zecke, die Lyme-Borrelien in sich trägt, an einer Kuh oder einem Reh saugt, wird der Erreger – sehr vereinfacht gesagt – ausgelöscht. Diese Zecke kann im nächsten Stadium keinen Menschen mehr damit infizieren“, sagt Richter. Auf zweistündigen Exkursionen auf einer Weide haben sie und ihr Team durchschnittlich eine infizierte Zecke entdeckt, die krankmachende Lyme-Borrelien in sich trugen. Auf zweiständigen Exkursionen auf Brachen waren es 56. 

Wie man sich am besten schützt

Vor einer Infektion mit Lyme-Borrelien ist der mechanische Schutz der beste: Wer sich in einem Risikogebiet draußen bewegt, steckt seine Hosenbeine in die Socken und untersucht sich jeden Abend auf Zecken. Findet man eine, sollte sie rasch entfernt werden, die Wahrscheinlichkeit einer Infektion sinkt dadurch. Die Stelle gut beobachten und zum Arzt gehen, sobald sich die Wanderröte bildet. „Wird eine Borreliose frühzeitig erkannt und behandelt, ist sie sehr gut therapierbar“, sagt Sebastian Rauer, Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie und Neurophysiologie der Uniklinik Freiburg.

An einer FSME erkranken in Deutschland pro Jahr nur einige hundert Menschen. Doch die Folgen sind mitunter dramatisch. Ein Drittel der Menschen erlebt einen sehr schweren Verlauf und behält häufig bleibende neurologische Schäden zurück. Einen hohen Schutz vor FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) hat, wer sich impfen lässt.

Die Impfquoten in den Risikogebieten sind jedoch niedrig. Bei Schulanfängern lagen sie in Baden-Württemberg zuletzt bei 20,7 Prozent (vor zehn Jahren 30 Prozent), in Bayern bei 40 Prozent (2009 und 2010 noch 55 Prozent). Rund 97 Prozent der 2017 ge­meldeten FSME-Er­krankten waren nicht oder un­zu­reichend ge­impft, teilt das Robert-Koch-Institut mit. Rauer: „Niemand, der sich impfen lässt, muss Angst vor einem Zeckenbiss haben.“ füß

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel