Sicherheit Zahl der Badeunfälle in Deutschland steigt

Die Badeseen sind gut besucht – und die Unfallzahlen steigen. Zu viele Menschen können nicht schwimmen, warnen Experten, oft sind auch mangelnde Aufsicht oder Leichtsinn im Spiel.
Die Badeseen sind gut besucht – und die Unfallzahlen steigen. Zu viele Menschen können nicht schwimmen, warnen Experten, oft sind auch mangelnde Aufsicht oder Leichtsinn im Spiel. © Foto: Jan Woitas/dpa
Ulm / Sven Kaufmann 01.08.2018
Dieses Jahr sind bereits mehr als 280 Menschen in Deutschland beim Baden ertrunken. Am schönen Wetter alleine kann das nicht liegen.

Es sollte ein unbeschwerter Sommerferientag werden, doch er endete für zwei Kinder tödlich: In Elchingen ertrank am Sonntag ein 13 Jahre alter Junge im Schützensee, am selben Tag starb ein sechsjähriger Bub bei einem Badesee-Unfall bei Waldenburg. In beiden Fällen versuchten Helfer vergeblich, die Kinder zu reanimieren.

Zurzeit sind fast jede Woche Todesopfer zu beklagen, statistisch ertrinkt täglich mehr als ein Mensch: Laut der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) sind in den ersten sieben Monaten 2018 – Stand 20. Juli – bereits 279 Menschen ertrunken. Das sind 37 mehr als 2017. Allein in Baden-Württemberg starben 31 Menschen, in Bayern waren es 45.

Eine Ursache für den Anstieg ist das gute Wetter: „Hatten wir im letzten Jahr durch den eigentlich nicht vorhandenen Sommer vergleichsweise geringe Zahlen, beweisen die anhaltenden Temperaturen und das schöne Wetter einmal mehr, dass es leider auch in die andere Richtung gehen kann“, beklagt DLRG-Sprecher Achim Wiese.

Viele können nicht richtig schwimmen

Viele Kinder und Jugendliche sind im Wasser unsicher: Seit Jahren weisen Experten darauf hin, dass zu wenige in der Schule schwimmen lernen. Das liege unter anderem daran, dass es immer weniger Schwimmbäder gebe. Die Kommunen klagen, es mangele vielerorts an Geld für den Bäderbetrieb. Sie fordern ein Sofort-Sanierungsprogramm der Bäder, die meist in den 1960er und 1970er Jahren gebaut wurden. Der Bund soll Finanzmittel bereitstellen. Gerd Landsberg vom Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) erklärt, die Eintrittsgelder decken trotz Rekordbesucherzahlen nur ein Drittel der Kosten.

Der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) zufolge können nur 59 Prozent der Kinder eines Grundschul-Jahrgangs sicher schwimmen, bei den Erwachsenen ist es fast jeder Zweite. Die mit fast 1,8 Millionen Mitgliedern und Förderern größte Wasserrettungsorganisation der Welt sieht „mit großer Sorge den unheilvollen Trend zu Bäderschließungen in Deutschland“. 25 Prozent der Grundschulen hätten keinen Zugang zu einem Schwimmbad.

Programm zur Bädersanierung

 Die Politik trage eine Mitverantwortung, wenn bereits heute eine Verschlechterung der Schwimmfähigkeit in der Bevölkerung nachweisbar sei und Schulschwimmen als Teil des Schulsports vielfach nicht mehr stattfinde, meint die DLRG. Der Bau von reinen Spaßbädern mit flachen Becken, in denen keine Ausbildung möglich sei, unterstütze diese Entwicklung.

Bernhard Daldrup, kommunalpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, sagte, seine Partei werde sich bei den Etatberatungen 2019 „für ein langjähriges Programm“ zur Bädersanierung einsetzen.    

Den Lebensrettern zufolge lauert die größte Gefahr allerdings außerhalb von Bädern: Dort kamen bisher „nur“ 19 Menschen um – die meisten Ertrinkungsfälle aber ereignen sich an ungesicherten Badestellen vor allem im Binnenland. Dort starben 250 Menschen – fast 90 Prozent der Gesamtzahl. 116 starben in Seen und Teichen, 104 in Flüssen, 30 weitere in anderen Gewässern.

Wenig Aussicht auf Rettung

Wiese meint: „Das Ertrinkungsrisiko an diesen Badestellen ist sehr hoch, da sie eben nicht bewacht werden. Ein Ertrinkender hat hier wenig Aussicht auf Rettung. Daher fordern wir dringend mehr Bewachung auch im Binnenland.“ Hier seien besonders Länder, Kommunen und Badbetreiber in der Pflicht, für mehr Sicherheit zu sorgen – ein Badeverbotsschild reiche nicht aus.

Und nicht zuletzt sind Eltern und Badegäste allgemein gefordert, die Augen offen zu halten. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) weist angesichts der Unfallzahlen darauf hin, dass die Hauptursache für tödliche Unfälle von Kindern im Wasser mangelnde Aufsicht sei: „Das Wichtigste ist der aufmerksame Blick der Eltern. Sie sollten sich bei der Aufsicht abwechseln, um auch entspannen zu können.“ Denn: Kinder ertrinken nicht mit lautem Schreien, wie man es aus TV-Serien wie „Baywatch“ kennt. Sie gehen lautlos unter, und dann kommt selbst beherztes Eingreifen oft zu spät.

Deswegen empfiehlt das DRK: Entweder das Kind kann gut schwimmen oder es hat allein im Wasser nichts zu suchen. DLRG-Sprecher Wiese mahnt aber auch Erwachsene zur Vorsicht, vor allem in offenen Gewässern: Besonders bei Männern  seien bei Unfällen nicht selten Leichtsinn, Alkohol und Selbstüberschätzung im Spiel.

Worauf man aufpassen sollte

Badeunfälle lassen sich vermeiden, wenn man Regeln befolgt.

Kinder sollten früh an Wasser gewöhnt werden. Es übt eine starke Anziehungskraft auf sie aus. Kinder, die nach dem ersten Schwimmkurs das „Seepferdchen“ erworben haben, sind keine sicheren Schwimmer. Erst wenn sie 200 Meter in 15 Minuten zurücklegen (Jugendschwimmabzeichen in Bronze), gelten sie als Schwimmer.

In unbekannten Gewässern darf man Kinder wegen Untiefen und Strömungen nicht unbeaufsichtigt baden lassen. Ohne die Tiefe etwa eines Sees zu kennen, ist das Hineinspringen sehr gefährlich. Sumpfige, bewachsene Uferzonen meiden. Kinder sollten Badezonen nicht allein verlassen. Abkühlen vor jedem Bad. Bei Gewitter ein Gewässer sofort verlassen.        

„Schwimmbad-Sterben“

25 Prozent der Schwimmbäder sind laut Städte- und Gemeindebund seit der Jahrtausendwende in Deutschland geschlossen worden. Er spricht von mehr als 1600 Bädern und nennt dies ein „regelrechtes Schwimmbad-Sterben“. Die dringende Sanierung der Bäder beziffert er auf 4,6 Milliarden Euro. 

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