Sicherheit Wuppertaler Hochhaus bleibt zu, Feuerwehren fordern Konsequenzen

Berlin / dpa 29.06.2017
Konsequenz der Katastrophe von London: Die Bewohner eines geräumten Hochhauses in Wuppertal dürfen vorerst nicht zurück. Feuerwehren klagen, dass Gefahren von Dämmstoffen viel zu lange ignoriert wurden.

Ein Hochhaus in Wuppertal evakuiert, zahlreiche andere werden auf Brandgefahr untersucht: Seit der Katastrophe von London wird die Debatte um gefährliche Dämmstoffe in Deutschland schärfer. „Wir können nur hoffen, dass der Warnschuss aus London endlich ernstgenommen wird“, sagte der Leitende Branddirektor der Frankfurter Feuerwehr, Reinhard Ries.

70 Mieter eines Hochhauses in Wuppertal dürfen bis auf weiteres nicht in ihre Wohnungen zurückkehren, weil die Fassadenverkleidung als feuergefährdet gilt. Sie waren vorgestern ausquartiert worden. Habseligkeiten können sie unter Aufsicht noch aus herausholen.

Die Stadt Wuppertal untersucht alle 70 Hochhäuser auf ihrem Gebiet. Auch andere Städte in Nordrhein-Westfalen untersuchen ihre Hochhäuser. Berlin hingegen sieht keinen Anlass für eine flächendeckende Prüfung. In Großbritannien sind bisher 95 von 600 Hochhäusern kontrolliert worden. Alle fielen durch.

Branddirektor Ries forderte einen besseren Brandschutz für Häuser unterhalb der Hochhausgrenze, also zwischen 7 und 22 Metern Höhe. Bis zu dieser Gebäudehöhe reichen die Einsatzgeräte der Feuerwehr. Ab 22 Metern sind nicht-brennbare Fassaden vorgeschrieben.

Ries zufolge behauptet ein Großteil der Fachwelt einschließlich Industrie und Politik, die Wärmedämmverbundsysteme seien sicher. Das sei aber nicht der Fall, sagte er. Die Frankfurter Feuerwehr gilt als Vorreiter für Brandschutz an höheren Gebäuden – auch, weil dort deutschlandweit die meisten Hochhäuser stehen.

Eine Fassadenkonstruktion hat im Jahr 2012 in Frankfurt und 2016 in Duisburg zu ähnlichen Vorfällen wie in London geführt, sagte Ries. Nur mit deutlich geringerem Schaden. Der Sprecher des Landesfeuerwehrverbandes Schleswig-Holstein, Holger Bauer, sagte: „Die Wahrscheinlichkeit tendiert gegen Null, dass so etwas wie in London in Deutschland passiert.“

Die Forderung der Feuerwehr lautet Ries zufolge: „Das Erdgeschoss muss so verkleidet sein, dass es nicht brennbar ausgestaltet ist und dass es nach jedem Geschoss einen Brandriegel gibt.“ Kurz vor dem Unglück in London hätten die Berufsfeuerwehren und der Deutsche Feuerwehrverband ein Papier miterstellt, das vor Polystyrolschaum als Dämmstoff warnt.

Brennbare Fassadenteile seien an Hochhäusern seit langem verboten, teilte die Hamburger Feuerwehr mit. Für niedrigere Häuser jedoch dürfe Polystyrol verwendet werden. Die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren habe das schon vor Jahren kritisiert und ein Verbot gefordert. Bisher vergeblich.

Wichtig und vorgeschrieben seien zwei baulich getrennte Rettungswege, ein Treppenhaus mit Überdrucklüftung, damit es nicht verrauchen könne und ab 30 Metern Gebäudehöhe ein Feuerwehraufzug, ebenfalls mit Überdrucklüftung, sagte Hamburgs Feuerwehrsprecher Jan Ole Unger. Der könne von der Feuerwehr separat mit einem Schlüssel geschaltet werden, damit die Retter schnell zum Brandherd in die oberen Stockwerken kommen. „Das sind alles Errungenschaften, die mit Blut bezahlt wurden.“

Zurückhaltende Landesregierungen

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte, er habe erste Schritte zur Überprüfung insbesondere von Gebäudedämmungen eingeleitet. „Mir geht es hier insbesondere um die Überprüfung, ob die aus energetischen Gründen geforderte Außendämmung bei Häusern unter 22 Meter Höhe eine zusätzliche Brandgefahr auslöst und ob es bei unseren einschlägigen Vorschriften und deren Umsetzung Handlungsbedarf gibt“.

Genauso wenig eilig haben es andere Länderregierungen. Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) teilte mit, das Land wolle „prüfen, welche Schlussfolgerungen für die Außendämmung von Gebäuden im Hinblick auf die Brandgefahr zu ziehen sind“. Und der Sprecher des Bremer Bauressorts, Jens Tittmann, sagte, eine länderübergreifende Arbeitsgruppe solle sich mit dem Thema beschäftigen, bevor jedes Bundesland Konsequenzen prüfe. dpa