Natur Vögel auch im Sommer füttern?

Ulm / Gudrun Sokol 13.07.2018
Gartenvögel nehmen Extra-Futter auch im Sommer gerne an. Eine echte Hilfe gegen den Artenschwund ist es aber nicht.

Die Sommerfütterung von Gartenvögeln ist heftig umstritten. Das Thema ist komplex, denn der Vogelschwund hat vielfältige Ursachen, die Fütterung positive wie auch negative Auswirkungen. Erschwerend hinzu kommt jetzt das große Insektensterben. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) lehnt die Ganzjahresfütterung von Gartenvögeln zwar nicht grundsätzlich ab. Doch: Sie sei keine Lösung gegen den Schwund der Vogelwelt. Praktischer Artenschutz  müsse beim Kampf gegen den Lebensraumverlust ansetzen, sagt Lars Lachmann, zuständiger Fachreferent des Nabu-Bundesverbands im Interview.

Der Nabu gibt keine grundsätzliche Empfehlung zur Ganzjahresfütterung. Trotzdem: Ist sie vor dem Hintergrund des massiven Insektenschwundes nicht umso wichtiger geworden?

Lars Lachmann: Gerade der Insektenschwund ist ein gutes Beispiel, das zeigt, dass die Zufütterung von Vögeln eben nicht die eigentlichen Engpässe beseitigt –  in diesem Fall das Fehlen von Insektennahrung zur Jungenaufzucht beziehungsweise bei reinen Insektenfressern auch als Nahrung für die Altvögel. Was nützt es dem Gartenrotschwanz, der sich und seine Jungen ausschließlich mit Insekten ernährt, wenn wir kiloweise Körnerfutter im Garten anbieten?

Also sollte man als Vogelfreund zusätzlich Futter-Insekten aus Zuchten anbieten?

Natürlich könnte man auch Insekten verfüttern. Aber das wird auf Dauer dann sehr teuer und ist außerdem nicht das, was die meisten Menschen unter „Ganzjahresfütterung“ verstehen. Mit dem Angebot von Körnerfutter kann man aber jenen Vogelarten einen Vorteil verschaffen, bei denen sich die Altvögel im Winter komplett und im Sommer zum Teil von Körnern ernähren, ihre Jungen aber mit Insekten füttern – zum Beispiel Meisen und Spatzen. So können die Altvögel selber das Körnerfutter nutzen und dadurch mehr Zeit mit der Insektensuche für die Jungen verbringen. Wichtig ist hier aber, sich klarzumachen, dass es eben nicht Meisen und Spatzen sind, die derzeit bedroht sind, sondern ganz besonders die reinen Insektenfresser wie etwa der Gartenrotschwanz.

Das Futterangebot wird ja – wie vielerorts zu beobachten ist – gerne angenommen. Was kann man bei der Sommerfütterung alles falsch machen?

Auf jeden Fall werden Vogelfutterstellen auch im Sommer gut angenommen – vor allem jedoch von den Arten, die auch im Winter davon profitieren. Nicht aber von den besonders bedrohten insektenfressenden Zugvögeln. Wollte man diese ebenfalls fördern, müsste man unbedingt auch Insektenfutter anbieten. Das wären üblicherweise getrocknete oder lebende Mehlwürmer – also Käferlarven –, die man außer im Vogelfutterfachhandel auch in Zoogeschäften oder Anglerbedarfsläden bekommt.

Wie sieht es mit der Hygiene an den Futterstellen aus?

Gerade im Sommer besteht an Vogelfutterplätzen eine erhöhte Infektionsgefahr für die Vögel. Insbesondere das so genannte Grünfinkensterben, hervorgerufen durch einen einzelligen Parasiten namens Trichomonas gallinae, verbreitet sich nur bei warmem Wetter – vor allem über Trinkstellen und Futterplätze. Daher ist es im Sommer besonders wichtig, auf die Hygiene am Futterplatz zu achten.

Wann sollte man das Füttern besser lassen?

Sobald ein toter oder kranker Vogel an der Futterstelle beobachtet wird, muss jegliche Fütterung oder das Wasserangebot  sofort für mehrere Wochen eingestellt werden. Sonst schadet man den Vögeln mehr als man ihnen nützt. Wie auch sonst, sollte Futter immer nur in so genannten Silos angeboten werden, nicht in traditionellen Futterhäuschen, damit die Vögel das Futter nicht durch ihren eigenen Kot verschmutzen können.

Wie sieht das optimale Sommerfutter-Angebot aus?

Billiges Vogelfutter aus dem Handel enthält meist sehr viel Getreide, das von den Vögeln immer erst als Letztes gefressen wird oder gleich übrig bleibt. Teureres Futter hat weniger Getreide. Körnerfutter kann jedoch immer nur fehlende Samen und Körner in der Natur ausgleichen, nicht aber andere Nahrungsquellen ersetzen, insbesondere nicht die Insekten, die selbst die meisten körnerfressenden Arten für die Jungenaufzucht benötigen. Zu bedenken ist auch, dass das meiste Körnerfutter selbst wieder aus der intensiven Landwirtschaft stammt, also Flächen, auf denen kaum Vögel leben können. Bieten wir stattdessen den Vögeln mehr naturnahe Flächen mit natürlichem Futterangebot, erhalten wir dort die gesamte Lebensgemeinschaft, vom Regenwurm über die Pflanzen bis zum Schmetterling und zum Vogel.

Bei allen Argumenten gegen die Sommerfütterung: Sind nicht wenigstens der Kontakt zur Natur, die Freude an der Tier-Beobachtung und das Interesse an Vögeln Gründe, die dafür sprechen?

Selbstverständlich. Und deshalb empfiehlt der Nabu auch die Vogelfütterung – wer möchte, kann auch ganzjährig füttern. Nur darf man nicht dem Trugschluss unterliegen, dass man dadurch wirklich dem Schwund unserer Vögel effektiv entgegenwirken kann. Wirklich helfen können nur intakte naturnahe Lebensräume. Dort kann man dann außer Vögeln an Futterhäuschen vielleicht auch noch bunte Blumen, Hummeln oder Schmetterlinge beobachten. Das ist natürlich ein wichtiger Mehrwert.

Am meisten hilft der naturnahe Garten

Die beste Hilfe für Vögel –  ob sommers oder winters – ist der naturnahe Garten. Allein die Früchte von Holunder und Eberesche ernähren laut Deutschem Tierschutzbund mehr als 60 verschiedene Arten von Vögeln, Kleinsäugern und Insekten. Heimische Hecken mit Dornen und Stacheln (Brombeere, Hagebutte) bieten kleineren Vögeln wie Schwanzmeise oder Heckenbraunelle zudem Schutz und Unterschlupf.

Vogeltränke und Vogelbad sind natürlich an heißen Tagen besonders begehrt. Ebenso Sandflächen, in denen Vögel gerne „baden“, um Lästlinge wie Milben loszuwerden. Fassaden-Begrünungen (Efeu, Waldrebe, Wilder Wein) sind ideale Brutplätze. Bäume, Dachgiebel und andere erhöhte Sitzwarten bieten Singvögeln eine Bühne für ihre Revier- und Balzgesänge – Voraussetzung für eine erfolgreiche Fortpflanzung. sok

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