Im Jargon britischer Jugendbanden heißen sie „Gesichtsschmelzer“. Eine grausige Bezeichnung für aggressive Chemikalien, mit denen vor allem junge Männer ihre Opfer in der britischen Hauptstadt attackieren. Die Zahl der Angriffe steigt seit zwei Jahren stark.

International für Schlagzeilen sorgten zwei Täter, die in einer Nacht Mitte Juli binnen 90 Minuten fünf Mopedfahrer in verschiedenen Stadtteilen angriffen. Sie hatten es offenbar auf die Fahrzeuge ihrer Opfer abgesehen.

Die Säure frisst sich in Sekunden durch Haut, Fleisch und sogar Knochen. „Mein Gesicht brannte wie Feuer“, berichtet ein attackierter Kurierfahrer. Die Säure ätzte sich durch seinen Motorradhelm, er erlitt schwere Verletzungen. Auch der Fall einer jungen Frau, die an ihrem 21. Geburtstag Opfer einer Säure-Attacke wurde, sorgte für  Aufsehen. Ein Mann warf einen Becher Säure durch das offene Autofenster. „Meine Pläne sind zerstört, die Schmerzen sind unerträglich. Ich warte geduldig darauf, dass ich wieder ein neues Gesicht bekomme“, schreibt sie im Internet.

Die Opfer von Säure-Attacken leiden oft ein Leben lang. „Sie sind körperlich und seelisch traumatisiert“, weiß Jaf Shah von Acid Survivors Trust, einer Hilfsorganisation für Überlebende. Oft sind mehrere Operationen nötig. Die Zahl von Patienten, die nach Säure-Angriffen operiert werden müssen, habe in London „das Ausmaß einer Epidemie“ erreicht, sagt Peter Dziewulski von einer Klinik für Plastische Chirurgie. Die Opfer hätten entstellende Narben, seien teils  erblindet und lebten oft völlig isoliert.

Noch rätseln Behörden und Wissenschaftler über den unheimlichen Trend. Mitglieder rivalisierender Jugendbanden hätten auf Säure umgesattelt, nachdem die Beschlagnahmung von Messern und Schusswaffen zugenommen habe, glaubt Kriminologe Simon Harding von der Middlesex University in London: „Säure wird als Waffe erster Wahl eingesetzt, nicht als letztes Mittel, und das ist völlig neu.“

In den meisten Fällen seien Opfer und Täter Bandenmitglieder, junge Männer im Teenager-Alter. Aber die jüngsten Angriffe auf Mopedfahrer, ein Angriff auf zwei Muslime, und der Einsatz von Säure bei Raubdelikten passten nicht in dieses Schema. „Wenn diese Art von Kriminalität zunimmt, wäre das sehr furchterregend“, warnt Harding. Die beunruhigende Botschaft: Jeder kann Opfer der grausigen Angriffe werden.

Aggressive Chemikalien sind leicht zu beschaffen, billig, und vor allem legal. „Ein Liter Schwefelsäure kostet nur ein paar Pfund“, sagt Shah. Man brauche keine Lizenz, müsse sich nicht ausweisen. Barzahlungen machten es der Polizei schwer, Käufer und mögliche Täter zu ermitteln. „Wer mit einem Messer erwischt wird, wird angeklagt“, sagt Sha, „aber wer Säure mit sich führt, dem passiert im Moment gar nichts“. Er und andere Experten fordern von der Regierung unter anderem die Einführung einer Lizenz für den Kauf von ätzenden Substanzen und ein Mindestalter.

Die Regierung hat das Problem erkannt. Innenministerin Amber Rudd kündigt eine härtere Gangart an. Wer Säure als Waffe einsetze, werde „die volle Härte der Justiz zu spüren bekommen“, warnte Rudd nach einer Debatte im Parlament. Gerichte könnten sogar lebenslange Haft verhängen. Die Regierung plant die Klassifizierung von Säure als „gefährliche Waffe“, sowie die Einführung von Kontrollen beim Verkauf aggressiver Chemikalien.

Die Londoner Polizei setzt vorerst auf schnelle Hilfe für die Opfer. Mehr als 1000 Streifen werden mit speziellen Erste Hilfe-Kästen ausgerüstet, dazu gehören Schutzkleidung und fünf Liter Wasser.

Sprunghafter Anstieg


Die Zahl der Fälle, in denen Menschen mit ätzenden Substanzen in London absichtlich verletzt wurden, ist sprunghaft gestiegen. Waren es 2015 noch 129 Angriffe, wurden 2016 bereits 224 gezählt. Ob sich der Trend fortsetzt, ist noch nicht abzusehen. 2017 wurden Scotland Yard zufolge bislang 66 Attacken registriert. dpa