Die Brüsseler Verkehrskommissarin Viloeta Bulc ist alarmiert. "Die neuen Zahlen sind eine Enttäuschung. Wir müssen dem ein Ende setzen!" Gemeint ist eine Trendumkehr: Jahrelang bewegte sich die Opferstatistik nur in die eine, die richtige Richtung: nach unten. Doch im vergangenen Jahr kletterte die Zahl der Toten auf Europas Straßen wieder. 26000 Menschen verloren ihr Leben. Das entspricht statistisch 51,5 Todesfällen pro eine Million Einwohner - ein Prozent mehr als im Vorjahr.

Weltweit liegt die EU damit immer noch weit vorn. Im globalen Schnitt kommen auf eine Million Bürger pro Jahr 174 Verkehrstote, in den USA sind es immerhin noch 106. Aber Europa verliert das offizielle Ziel aus den Augen, die Zahl der Verkehrstoten im Verhältnis zum Jahr 2010 (63 Tote auf eine Million) bis 2020 zu halbieren.

Das Problem liegt nach Darstellung der Kommission vor allem in Ländern wie Deutschland (Verschlechterung um drei Prozent), die ein vergleichsweise hohes Sicherheitsniveau erreicht haben und sich mit weiteren Verbesserungen schwer tun.

Einen großen Sprung nach vorn machten hingegen Hochrisiko-Länder wie Polen, Litauen oder Lettland. Das Beispiel Irland zeigt freilich, dass sich auch ein hoher Standard verbessern lässt: Gemessen an der Zahl der Toten war der Straßenverkehr auf der Insel 2014 noch genauso gefährlich wie in der Bundesrepublik. Anders als hierzulande sank das Risiko in Irland 2015 um weitere 15 Prozent.

Die drei schlimmsten Killer sind nach wie vor: überhöhtes Tempo, Alkohol und Nichtbenutzung des Sicherheitsgurtes. Sie zählen zu den 90 Prozent Unfallursachen, die auf menschliches Versagen zurückgehen, im Unterschied etwa zu Straßenschäden oder technischen Defekten am Auto. Bei 10 bis 30 Prozent der Unfälle ist Ablenkung im Spiel - der Fahrer schaut aufs Handy oder hantiert mit dem Navi. "Den Faktor menschliches Verhalten werden wir uns genau ansehen müssen", sagte Bulc.

Zum ersten Mal erfasst die EU-Statistik gesondert die Schwerverletzten. Das Zahlenmaterial dazu ist noch unvollständig, doch hochgerechnet ergibt sich ein Schätzwert von 135000 Personen. Überproportional gefährdet sind Fußgänger, Rad- und Motorrad-Fahrer und alte Menschen.

Die Verbesserung der Sicherheit auf den Straßen ist im wesentlichen Sache der Mitgliedstaaten. Die EU arbeitet nur zu, zum Beispiel durch die einheitliche Notrufnummer 112 oder einen Rechtsrahmen zur Ahndung von Verkehrsdelikten, die im Ausland begangen wurden.

Bulc verlangt nun vor allem energischere Kontrollen und die Durchsetzung geltender Verkehrsregeln. "Ich fordere die Mitgliedstaaten zu vermehrten Anstrengungen auf. Das kostet sicher Geld. Es ist aber günstig im Vergleich zu den 100 Milliarden sozialer Kosten durch Tod und Verletzung im Straßenverkehr."