Pretoria Überraschendes Urteil: Nur sechs Jahre Gefängnis für Oscar Pistorius

WOLFGANG DRECHSLER 07.07.2016
Das Urteil gegen den Ex-Sportstar Oscar Pistorius ist nur unwesentlich verschärft worden. Er soll für sechs Jahre in Haft – diesmal wegen Totschlags.

Zur letzten Anhörung vor drei Wochen hatte Oscar Pistorius alle Register gezogen.  Auf Anweisung seines Anwaltes hatte der beidseitig beinamputierte Sprinter, der am Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp im Badezimmer seines Hauses in Pretoria erschoss, seine Prothesen abgeschnallt und war auf seinen Stümpfen schluchzend hin- und hergehumpelt.

Am Ende erfüllte  der dramatische Auftritt des einstigen südafrikanischen Nationalhelden  seinen Zweck – und beeindruckte zumindest die abermals Vorsitzende Richterin Thokozile Masipa. Sie verurteilte ihn jetzt in der Berufungsverhandlung zu sechs Jahren Haft – und zwar wegen „Mordes“, was dem deutschen Totschlag entspricht. Von den sechs Jahren wird er die Hälfte bis zwei Drittel wirklich verbüßen müssen.

Masipa hatte Pistorius Ende 2014 nur wegen fahrlässiger Tötung verurteilt und milde fünf Jahre Haft gegen ihn verhängt. Davon hätte er mit etwas Glück nur ein Jahr im Gefängnis verbüßen müssen.

Auch wenn Pistorius’ Show auf Stümpfen die Richterin möglicherweise milder gestimmt hat: Sie war eine Selbstdemütigung sondergleichen. Und gleichzeitig der Versuch, aller Welt zu zeigen, wie verwundbar er gerade in der Tatnacht gewesen sei, als er – nach eigenem Bekunden – einen Einbrecher in seiner verschlossenen Toilette wähnte und angeblich mit seiner Freundin verwechselte.

Die Staatsanwaltschaft sah das anders. Sie beharrte auf der Version, dass Pistorius seine Freundin im Streit erschossen habe und deshalb ein Mörder sei.

Das Höchste Berufungsgericht Südafrikas in Bloemfontein hatte im Dezember 2014 eine deutliche Verschärfung der Strafe angemahnt. Begründung: Pistorius habe eine klar kriminelle Absicht gehabt, als er viermal durch die von innen verriegelte Toilettentür schoss.

Die Mindeststrafe für eine solch vorsätzliche Tötung liegt in Südafrika eigentlich bei 15 Jahren; bei mildernden Umständen  kann sie allerdings reduziert werden. Dass dies nun in derart drastischem Ausmaß geschah, mutet unter vielen Experten sensationell an – und dürfte vor allem die Eltern und Angehörigen des Opfers enttäuschen, die  eine weit härtere Strafe erwartet hatten.

Verblüffend ist das abermals sehr milde Urteil auch deshalb, weil Richterin Masipa nach einstimmiger Meinung des Berufungsgerichts im Hauptverfahren einen grundlegenden juristischen Fehler begangen hatte: Als Pistorius die Schüsse  abgab, habe er nämlich gewusst, dass sich eine Person in der verriegelten Toilette befand – und von der stark zerstörerischen Munition wahrscheinlich getötet würde. Das Berufungsgericht wörtlich: „Eine Person, die eine Bombe in eine Menschenmenge wirft, weiß nicht um die Identität der Opfer, aber hat dennoch die eindeutige Absicht, diese zu töten.“

Pistorius wurde nach dem Urteilsspruch ins Kgosi-Mampuru-II-Gefängnis in Pretoria zurückgebracht. Das hatte er im Oktober nach einem Jahr Haft verlassen, um den Rest seiner Strafe im Hausarrest auf dem Anwesen eines Onkel zu verbüßen.

Pistorius hat als „schnellster Mann ohne Beine“ Sportgeschichte geschrieben. Wegen eines genetischen Defekts waren ihm als Säugling beide Unterschenkel amputiert worden. Nach mehreren Goldmedaillen bei den Paralympics trat er 2012 als erster doppelt amputierter Sprinter bei den Olympischen Spielen in London  gegen die Topläufer der Welt an. Mit den Schüssen am Valentinstag 2013 endete die Karriere.

Wie es weitergeht

Reaktion Oscar Pistorius will gegen seine Haftstrafe nicht in Berufung gehen. Das erklärten seine Verteidiger gestern gleich, nachdem die  Richterin Thokozile Masipa den 29-Jährigen zu sechs Jahren Haft verurteilt hatte. „Wir respektieren die Entscheidung (der Richterin) Masipa (. . .) und Oscar wird die Strafe absitzen“, sagte sein Anwalt Andrew Facett vor Journalisten. Mit ihrem Urteil ist die Richterin deutlich unter den von der Staatsanwaltschaft geforderten 15 Jahren Haft geblieben.

Staatsanwaltschaft Ob die Staatsanwaltschaft nun zum letzten Mal in Berufung gehen wird, war zunächst nicht bekannt. Ihr bleiben zwei Wochen Zeit. Sollte sie das tun – was als wahrscheinlich gilt –, muss erneut die Richterin Thokozile Masipa über diesen Antrag entscheiden, wie der südafrikanische Strafrechtler Llewellyn Curlewis erklärte. Sollte sie zustimmen, müsse das oberste Berufungsgericht über ein neues Strafmaß befinden. afp