Nachtleben Twer: So viele schöne Frauen im Nachtleben

Twer / Stefan Scholl 21.08.2018

Vor dem Eingang flackern im Wechselstrom grün leuchtende Neonpalmen, die Pracht der Tischdecken ist orientalisch, die Sofas sind dick gepolstert, darauf kauern Geburtstagsgesellschaften. Mitten im Raum steht ein unecht aussehender weißer Marmorbrunnen, selbst die Kacheln auf dem Männerklo sind als Plüschkissen gestylt. Der Klub „Aura“ ist bunt, eigentlich zu bunt. Die schummerige Tanzfläche ist noch ziemlich leer, obwohl schon altmodischer House wummert. Aber dann halten sie Einzug. Ein Mädchen, zwei, drei, vier, fünf … acht, im Gänsemarsch, Mädchen mit offenem, fließendem Haar, bloßen schimmernden Schultern, langen Beinen und strengem, zum Teil etwas nervösem Blick. Das ist keine nächtliche Mode-Show, das ist das weibliche Publikum des Nachtlebens in Twer an der oberen Wolga.

In solchen nachmitternächtlichen Momenten zerbricht die Hierarchie zwischen dem reichen Moskau und der so genannten Provinz: Wo sich so viele schöne Frauen ballen, kann keine Provinz sein.

Die 400 000-Seelen-Stadt Twer liegt zwei Stunden mit dem Nahverkehrsschnellzug „Lastotschka“ vom Leningrader Bahnhof in Moskau entfernt. Das Stadtzentrum besteht aus zwei- oder dreistöckigen Kaufmannshäusern des vorletzten Jahrhunderts, aber viele Besucher aus Moskau kommen nicht wegen der Architektur Twers,  sondern wegen seiner Nachtklubs.

Die Türsteher vorm Aura haben mich durchgewinkt, Eintritt und Garderobe sind frei. Das Volk drinnen ist gemischt, auch altersmäßig, an der Bar bestellt ein Kaukasier mit grauem Haarkranz zwei „Fänger im Roggen“: Whiskey, Baylis, Limonensaft mit Apfelsirup für umgerechnet gut vier Euro.

Daneben rühren zwei junge Frauen mit Strohhalmen in Drei-Euro-Weizenbier. Die eine ist schlank und blond, ihr rehbrauner Blick neugierig: „Und woher kommen Sie?“ „Aus Moskau.“ „Ach nee, ich auch.“ Sie heiße Swetlana, sei Betriebsjuristin, zu Besuch bei Ihren Eltern.

Hübsche Mädchen an der Bar sind schwer einzuschätzen in Russland, zumal der Dresscode der Betriebsjuristinnen sich in Russlands nicht von dem professioneller Prostituierter unterscheidet. Aber Swetlanas Begleiterin ist dick und hat kurze Beine, beruhigend, Professionelle nehmen keine unhübschen Freundinnen mit auf ihre Beutezüge.

Ob Sweta tanzt? Sie lacht: „Da muss ich erst meinen Mann fragen.“

Twer ist wunderbar klein. Es sind nur acht Minuten zu Fuß bis zum „Kultura“. Auch hier gibt es Veranda und Restaurant, aber alles ist lässig statt plüschig, unter der hohen Dachkuppel des Tanzsaals improvisiert ein Jüngling einen wilden Hip-Hop, Scharen junger schöner Menschen schauen noch sehr gleichmütig zu, kurz vor eins.

Das „Kultura“ gilt als Twers In-Klub, im Café „Town“ um die Ecke sammelt sich schon vor Mitternacht die junge Schickeria zum Aperitif. Ein anderer Treffpunkt ist der Platz vor dem Dramaturgischen Theater, hier fahren nachts Jungs in Audi-Sportwagen auf, aber auch in liebevoll getunten Lada-Kalinas, aus deren Kofferräumen Stereo-Anlagen wummern.

Es gibt den Klub „Serkalo“ am Platz des Sieges, wo sich ziemlich viele Endteenager tummeln. Oder die „Disco 80-e“, dort dröhnen jede Menge Sowjetschlager, ein Ort beliebt bei Leuten über 40. Und alles in fünf Taximinuten zu erreichen, für umgerechnet zwei Euro. So wie der Striptease-Club „Podium“ am Leninprospekt, der Eintritt kostet umgerechnet sieben Euro, dafür muss man selbst nicht tanzen …

Aber meinen neuen Lieblingsklub entdecke ich zufällig, auf der Gasse hinter dem Aura. Dort drängt sich viel Volk um einen unscheinbaren Eingang. Es geht treppabwärts, ein paar Wasserpfeifen qualmen. Das „Mamonts“, die Wände sind voller Mammut-Gemälde, Felle oder Elfenbein.

Russischer und westlicher Rock

Aus der offenen Glastür dahinter dröhnen abwechselnd russischer Rock oder westliche Klassiker. Der Tanzsaal ist brechend voll, die ersten zwei Mädchen sind auf die Bartheke geklettert, schwingen dort die Hüften. Hier verschmäht man jeden Dresscode, die jungen Damen tragen Stöckelsandalen oder Turnschuhe, viele sind ungeschminkt, die Stimmung ist umso zwangloser.

Das Bier hier heißt auch Mammut und kostet zwei Euro. Trotz des Lärms und der tanzenden Beine weiter links wird an der Bar geschwatzt. „Und was machen Sie hier?“, fragt mein Nebenmann, Alexei, 33, ein baumlanger Twerer Marketingmanager. „Sind Sie wegen der Mädchen hier?“ Die seien doch gerade 20 bis 25 Jahre alt, er verzieht das Gesicht. „Mir sind die viel zu jung.“

Aber jetzt dröhnt Ray Charles aus den Boxen: „Hit the Road, Jack, and don’t come back …“ Charles ist vor 14 Jahren gestorben, im Alter von 73. Aber auch er ist noch immer jung genug für das Twerer Nachtleben.

Tipps und Lokalitäten

Adressen
– Mammonts Bar, Uliza Nowotorschskaja 18-1
– Klub Kultura, Trjochswjatskaja Uliza 49
– Nachtklub Aura, Sowetskaja Uliza 38
– Klub Disco 80-e, Uliza Blagojewa 5/4N
– Nachtklub Zerkalo, Ploschtschad Pobedy 4
– Strip Klub Podiumhall, Prosp. Lenina 32a

Twer ist nicht New York, das Nachtleben hier brodelt nur Freitags- und Samstags-Nachts. Reden Sie, am besten Englisch, auch wenn man sie nicht versteht, die Russen mögen Ausländer. Ansonsten sind die Sitten europäisch, benehmen Sie sich wie zuhause. Wichtig aber: Der Herr zahlt auch für die Dame.

Vorsicht vor „Dynamos“, die sich und ein paar hinzukommende Freundinnen gern Cocktails ausgeben lassen, um sich dann mit Ihnen für den nächsten Tag zum Shopping im Einkaufszentrum Olymp zu verabreden. sts

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