Ulm TV-Komödie "Schlikkerfrauen" verarbeitet die Schlecker-Pleite

Ulm / MARLENE MÜLLER 30.09.2014
In der Komödie "Die Schlikkerfrauen" wollen sich vier Verkäuferinnen nicht mit der Firmenpleite abfinden und nehmen den Chef als Geisel. Der Hintergrund ist ernst, der Film besser, als der Titel vermuten lässt.

Verkäuferin Chris schiebt gerade die dritte Überstunde des Tages, als sie im Radio hört, dass ihre Filiale aufgegeben wird. Und nicht nur ihre. Alle Geschäfte der Drogeriemarktkette "Schlikker" werden geschlossen. Während Chris fassungslos ihren Kolleginnen davon erzählt, steht der Chef des insolventen Unternehmens cocktailschlürfend in seiner Villa.

Knapp 25.000 Mitarbeiterinnen sind entlassen worden, als Schlecker im Jahr 2012 pleite ging. Viele von ihnen hatten jahrzehntelang in der Drogeriekette gearbeitet. Manche sind bis heute arbeitslos. Darf man über so ein Thema eine Komödie drehen?

Ja, man darf. Denn der Film nimmt seine Charaktere ernst. Sie haben ihre Ecken und Kanten, sind aber liebenswürdig und haben den Zuschauer schnell auf ihrer Seite. Katharina Thalbach (60) brilliert in der Rolle der Filialleiterin Greta, für die der Laden alles ist. Annette Frier (40) überzeugt in einer für sie typischen Rolle als rabiate Power-Frau. Sonja Gerhardt (25) bringt Optimismus und Freundlichkeit ins Trauerspiel. Shadi Hedayati (29) liebt ihre Arbeit und mehr.

Lächerlich gemacht wird hingegen die Schlikker-Familie. Sky du Mont (67) verkörpert den abgehobenen Konzernchef. Er ist unerschütterlich stolz auf das Imperium, das er sich einst erschaffen hat. Dass er etwas falsch gemacht haben soll, das kann der Chef nicht nachvollziehen. "Die Dinge haben sich verselbständigt. So ist das im großen Geschäft." Die Sorgen des kleinen Mannes und die der kleinen Verkäuferin kann er nicht ernst nehmen: "Ihr seid doch alle selber schuld."

Der Film versammelt die Dekadenz des Kapitalismus in der Figur Theo Schlikker, über dessen reales Pendant Anton Schlecker freilich nicht viel bekannt ist. Man weiß, wie der Unternehmer schwäbische Sparsamkeit verstand: Filialen seines Imperiums mussten sogar ohne Telefonanschluss auskommen.

Auch die letzten Jahre des Konzerns lassen eine gewisse Weltfremdheit vermuten. Anton Schlecker trat so gut wie nie in Erscheinung. Auch nicht am Hauptsitz in Ehingen bei Ulm. Noch Monate nach der Pleite saß er dort allein in den vereinsamten Geschäftsräumen.

"Lachen bedeutet nicht, dass man das Thema nicht ernst nimmt", sagt Sky du Mont. "Die Pleite selbst war ein Drama für die Angestellten. Wir aber zeigen eine optimistische, kämpferische Variante des Widerstands". So besetzen die vier Frauen zunächst den Laden. Und als Schlikker dort auftaucht, nehmen sie ihn kurzerhand als Geisel.

Viel Tiefgang hat der Film jedoch nicht. Es hätte ihm gut getan, sich darauf zu konzentrieren, wie die vier Frauen mit der Pleite umgehen. Stattdessen öffnet er weite Handlungsstränge: Die eine Verkäuferin ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die andere eine junge Muslimin, die sich von ihren strengen Eltern befreien will, die dritte möchte gern Popstar werden. . . - Das ist ein bisschen viel für 90 Minuten und führt vom eigentlichen Drama weg.

Dabei wird die Problematik durchaus angesprochen. Es geht zum Beispiel um unbezahlte Überstunden und um die Überwachung von Angestellten. Vor allem veranschaulicht der Film die Respektlosigkeit, mit der Mitarbeiter von der Konzernspitze behandelt werden.

Mit diesem Stoff hat sich neben SAT1 auch das ZDF beschäftigt. Es wird am 13. und 15. Oktober ein zweiteiliges Drama ausstrahlen.

Info "Die Schlikkerfrauen", am heutigen Dienstag, 20.15, Sat1, anschließend eine Doku zum Thema. 

Interview mit Katharina Thalbach

Wissen Sie noch was Sie gedacht haben, als Sie zum ersten Mal von der Schlecker-Pleite hörten?
Na, ich dachte: "Die Armen!" Ich habe es natürlich auch aus den Medien erfahren und dachte mir, jetzt trifft es wieder eine Masse von Leuten, die es eigentlich nicht verdient haben und die es sowieso immer so schwer haben.

Die Pleite des Imperiums mit der folgenden Massenentlassung ist als Komödie verfilmt worden. Darf man über so ein ernstes Thema lachen?
Das ist eine sehr deutsche Frage! Das würden die Engländer sich nie fragen. Und es ist ja nicht nur eine Komödie - der Schmerz der Betroffenen ist auch zu spüren. Davon abgesehen haben einige von den Schlecker-Frauen den Film schon gesehen und die empfinden das als Ehrung, nicht als Denunziation.

Einige Ex-Schlecker-Mitarbeiterinnen waren bei der Produktion als Beraterinnen dabei. Was haben die Ihnen erzählt?
Die haben wahnsinnig viel erzählt. Zum Beispiel dass in den Filialen Kameras nicht etwa angebracht waren, um vor Ladendieben und Überfällen zu schützen, sondern in den Umkleideräumen - man wollte wissen, was da geredet wird, über den Arbeitgeber oder untereinander. Ein schönes Detail finde ich, dass die Frauen sich gegenseitig immer Damen nennen. Das gefällt mir gut, diese vornehme Form, über die Kolleginnen zu reden.

Kaufen Sie selber beim Discounter ein?
Ja klar, wo soll ich denn sonst einkaufen?

Und was denken Sie dabei, nachdem Sie durch den Film ja nun einiges über solche Unternehmen und Ihren Umgang mit den Mitarbeitern gelernt haben?
Natürlich versinke ich nicht jedes Mal in Mitleid, das wäre ja arg unpraktisch beim Einkaufen. Ich habe aber einen anderen Blick bekommen und gucke: Wie ist die Sortierung? Wo steht was? Sind die Sachen praktisch angeordnet? Kommt ein Kinderwagen durch die Gänge? Ich bin jetzt ein bisschen eingebunden in diese Drogeriefamilie.

Im Film tun sich vier Verkäuferinnen zusammen, besetzen ihre Filiale und nehmen den Firmengründer als Geisel. Klingt das nicht fast wie ein Stoff von Bert Brecht?
Weiß ich nicht, vielleicht. Aber ich glaube sicher, dass Bertolt Brecht in diesen neuen Zeiten des Kapitalismus und der Globalisierung bei vielen, vielen Themen zugeschlagen hätte.

Die Frauen im Film entscheiden sich für Widerstand. Hat der Einzelne überhaupt noch die Möglichkeit zum Widerstand?
Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, sonst fände ich es schade zu leben. Sich abzufinden mit Ungerechtigkeiten, das wäre ein ganz schlimmer Zustand. Ich hoffe, dass wir mit dem Film auf diese Art von Schicksal aufmerksam machen, denn es hört ja nicht auf. Jetzt passiert es gerade wieder mit Karstadt. Der Widerstand muss verteidigt werden. Es ist eine kleine Pforte der Utopie, die wir mit unserem Film aufstoßen. ski

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