Zum Auspacken ist Matthias Baumann noch nicht gekommen. Obwohl er schon über eine Woche aus Nepal zurück ist. Seine ganze Bergsteiger-Ausrüstung liegt unberührt im hintersten Raum seiner Wohnung in Tübingen-Pfrondorf. Der 42-jährige Unfallchirurg musste die Sachen liegen lassen, weil er sich gleich nach der Rückkehr in seine Arbeit an den Kreiskliniken Esslingen stürzte. Und weil er in der Freizeit alle Hände voll zu tun hat, um sein Hilfsprojekt voranzubringen. Ein Hilfsprojekt für die Angehörigen der 16 Sherpas, die an Karfreitag von der Eislawine am Mount Everest getötet worden waren.

Baumann, selbst Extrem-Bergsteiger, bekam die Katastrophe am höchsten Berg der Welt hautnah mit. Die Stelle am Khumbu-Eisbruch, wo die Trümmer eines abgegangenen Hängegletschers die Sherpas erschlugen, hatte er 24 Stunden vorher passiert: "Mich hätte es auch treffen können."

Baumann war vom Expeditionsunternehmen der Benegas Brothers als Arzt engagiert worden, wollte den Everest aber auch selbst besteigen. Den Anstieg vom Basislager über den Eisbruch hatte er absolviert, um sich an die Höhe anzupassen.

Während des Unglücks selbst lag Baumann in seinem Zelt im Basislager. Es war an Karfreitag um 6.30 Uhr, als Getöse ihn aus seinem Schlaf riss. Das Geräusch kannte er, weil am Everest immer wieder ein Serac (Turm aus Gletschereis) abbricht. "Aber dieses Mal war es lauter als sonst." Baumann stürzte aus dem Zelt und sah Schneestaub über dem Khumbu-Eisbruch aufsteigen. Danach kehrte Stille ein, eine unheimliche Stille.

Dass so viele Sherpas ums Leben kamen, war die Folge eines Zwischenfalls. Eine der Leitern über dem Eisbruch war defekt. Während ein Sherpa sie reparierte, bildete sich ein Stau. Viele standen auf einer Stelle, und genau dort schlugen die Eisbrocken ein.

Sherpas, die sich über der Unglücksstelle befanden, alarmierten das Basiscamp. Viele Bergsteiger eilten zu Hilfe. Baumann blieb im Basiscamp und erwartete mit Arzt-Kollegen im Medizin-Zelt die eintreffenden Verletzten. Nach zwei Stunden kam der erste an. Die Ärzte behandelten ausgekugelte Schultern, nähten Platzwunden, legten Schienen an und machten die Schwerverletzten für den Abtransport mit dem Hubschrauber fertig. "Wir haben gut zusammengearbeitet", sagt Baumann über den Einsatz mit Kollegen aus Australien, Kanada, England, USA und Nepal.

Aus Respekt vor den Toten entschieden die Sherpas, keinen Aufstieg zum Everest mehr zu machen- eine Entscheidung, die Baumann absolut nachvollziehen konnte. Einen Gipfel machte er aber noch: den 6145 Meter hohen Lobuche. Beim Abstieg aus dem Everest-Gebiet kam Baumann dann die Idee, den Angehörigen der Toten zu helfen. "Da sind 16 Familienväter gestorben. Das hat mich am meisten bewegt."

Die Witwen finden meist keinen Mann mehr, die Versicherungsprämien der Expeditionsunternehmen fallen eher spärlich aus. In Begleitung seines Freundes Phurba machte er sich auf den Weg zu den Dörfern der Familien. 14 der 16 Familien traf er an und übergab ihnen kleinere Beträge in Euro und Dollar. Zuletzt war er im abgelegenen Dorf Taranje dem letzten Ort vor dem Nanga La-Pass, Heimat des Opfers Sherpa Dorji (39). In dessen einfachen Häuschen erlebte er eine Puja mit, eine religiöse Feier zu Ehren des Verstorbenen, zelebriert von fünf Mönchen.

Matthias Bauman: Arzt, Extrem-Bergsteiger, Ironman