Prag Tschechien behält seine volle Größe

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Prag / HANS-JÖRG SCHMIDT 13.07.2016
Ein deutscher Kartograf hat an der Grenze zu Tschechien einen veränderten Flusslauf gefunden. Verschiebt sich damit die Grenze, die in der Flussmitte liegt?

Da irrte wohl der Wanderer und Kartograf Rolf Böhm. Der hatte laut „Bild“-Zeitung im östlichsten Zipfel Sachsens ein 500 Quadratmeter großes „neues Stück Deutschland“ entdeckt. Die Kirnitzsch im Nationalpark Sächsische Schweiz hat sich dort ein neues Bett gesucht. Da die Staatsgrenze zwischen Deutschland und Tschechien in der Flussmitte verläuft, schwante Böhm, dass Deutschland jetzt um ein Stück Land auf Kosten Tschechiens größer geworden sei. „Landgewinn geht auch ohne Panzer“, textete das Blatt dazu.

 Das sächsische Innenministerium, so hieß es weiter, bereite eine Vermessung des Flusslaufs vor. Dann werde die gemeinsame Grenzkommission einberufen, um die Grenzveränderung zu bestätigen oder zu ignorieren. Im Prager Innenministerium, das für die tschechische Seite zuständig ist, nannte man die Geschichte nun schlicht und ergreifend „Humbug“.  „Die Grenze wird deshalb keinesfalls neu gezogen“, sagte Jan Zvina, zuständig für Grenzfragen, dem Webportal Aktuál.

 Der von dem Kartografen bemerkte neue Flusslauf sei außerdem nicht neu, sondern mehr als zehn Jahre bekannt. „Die Staatsgrenze zwischen Tschechien und Deutschland ist in Flussläufen beweglich. Handelt es sich um unscheinbare Veränderungen, folgt die Grenze weiter der Flussmitte. Bei größeren Veränderungen verbleibt sie da, wo sie bisher verlief – also womöglich in der Mitte des ausgetrockneten Flusslaufes“, erläuterte Zvina.

Hinzu kommt, dass es sich bei der Grenze in der Sächsisch-Böhmischen-Schweiz um etwas ganz Besonderes handelt: Es ist das älteste Grenzstück zwischen Deutschland und Tschechien – seit dem 15. Jahrhundert ist es so gut wie unverändert. Würde heute so ein Antrag gestellt, dann müsste darüber ein internationaler Vertrag geschlossen werden, der anschließend noch ein verfassungsänderndes Gesetz in Tschechien zur Folge haben müsste.

Kaum besser kommt der vermeintliche deutsche Landgewinn beim Direktor des Nationalparks Böhmische Schweiz, Pavel Benda, weg: „Dass sich überhaupt jemand mit einem solchen Blödsinn beschäftigt.“ Es sei völlig normal, dass ein Flusslauf sich ändere. „Einen kurzen Spaziergang weiter verschiebt sich der Fluss gerade Richtung deutsche Seite. Doch selbst wenn er die überschreiten sollte, hat Tschechien damit nicht gleich neues Gebiet gewonnen.“

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