Am Freitag, 12.11.2021 werden in Deutschland 2.863 Menschen auf den Intensivstationen der Krankenhäuser behandelt. Im Vergleich zum Vortag (11.11.2021) kamen 35 Patientinnen und Patienten hinzu. Von den Menschen auf den bundesweiten Intensivstationen werden 1.472 (folglich 51 Prozent) aktuell invasiv beatmet. Diese Zahlen sind dem aktuellen Tagesreport des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (kurz: Divi) zu entnehmen.
Angesichts weiter steigender Corona-Fallzahlen spitzt sich die Lage auf den bundesweiten Intensivstationen weiter zu, ist allerdings ohnehin schon sehr angespannt.
  • Viele Krankenhäuser haben schon sein Wochen keine freien Intensivbetten mehr.
  • In solchen Situationen, wenn Kapazitäten - sowohl in Form von Betten und Beatmungsgeräten als auch an medizinischem Personal - erschöpft sind, kann es zur Notwendigkeit einer Triage kommen.
  • Was bedeutet das?

Triage im Krankenhaus: Was bedeutet das?

Zu viele Menschen auf den Intensivstationen, erschöpfte Kapazitäten - tritt das ein, ist das medizinische Personal mit der Entscheidung konfrontiert, wer eine lebensrettende Behandlung bekommt und wer nicht. Denn „Triage“ ist Französisch und bedeutet „Auswahl“, „Sortieren“ oder „Sichtung“. Dahinter steckt ein nicht gesetzlich festgehaltenes Verfahren, mithilfe dessen in der Medizin entschieden wird, wer eine notwendige Hilfeleistung bekommt und wer nicht, wenn die Kapazitäten knapp sind. Ärztinnen und Ärzte können so auf einer Grundlage entscheiden, wer zuerst behandelt wird. Nicht überraschend ist, dass der Begriff aus der Militärmedizin stammt - in Kriegen, wenn Ressourcen knapp sind und die Zahl der Verletzten hoch ist, müssen laut Kriegsdenken diejenigen zuerst behandelt werden, die die größte Chance haben, schnell wieder gesund für den Krieg zu sein. Denjenigen, die die Hilfe folglich dringender gebraucht hätten, wurde die Nothilfe während Kriegen der Vergangenheit (und auch noch heute) verwehrt.

Priorisierung in der Medizin - das bedeutet die Triage

Heute ist das in der Medizin anders: Die schlimmsten Krankheitsfälle werden priorisiert behandelt. Aber: Gerade in der Corona-Pandemie wird dieses Medizinprinzip ausgehebelt, wenn die Kapazitäten - beispielsweise an Beatmungsgeräten - knapp sind. Denn dann steht medizinisches Personal vor einer schwierigen Entscheidung: Wer hat die größte Chance zu überleben und sollte damit die Behandlung durch ein Beatmungsgerät erhalten? In den klinisch-ethischen Empfehlungen „Entscheidungen über die Zuteilung intensivmedizinischer Ressourcen im Kontext der COVID-19-Pandemie Version 2“ der Divi vom 17.04.2020 sind Kriterien des Triage-Systems festgehalten. Diese gelten aber nicht ausschließlich für Corona-Patientinnen und -Patienten, sondern für alle Menschen, die eine intensivmedizinische Behandlung benötigen. Keine Kriterien sind hierbei das Alter, soziale Merkmale oder bestimmte Grunderkrankungen oder Behinderungen. Was betrachtet wird laut der Empfehlungen des Divi:
  • Einschätzung der Erfolgsaussichten der möglichen Intensivtherapie
  • Priorisierung im Hinblick auf ein realistisch erreichbares, patientenzentriertes Therapieziel
  • im Vergleich zur Erfolgsaussicht der Intensivtherapie für andere Patientinnen und Patienten
  • unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Kapazitäten
  • Möchte eine Patientin oder ein Patient keine Intensivtherapie, wird diese auch nicht durchgeführt

Triage-System als Kompass bei der Entscheidungsfindung

Das Triage-System gibt Ärztinnen und Ärzten eine Art Kompass, nach dem sie ihre Entscheidung für den einen und gegen den anderen Patienten richten können. In diesem werden Kriterien und Leitlinien festgelegt, nach denen die moralisch schwierige Entscheidung getroffen werden kann. Das ist eine psychische Entlastung für Ärztinnen und Ärzte. Zudem können diese Leitlinien vor strafrechtlichen Konsequenzen schützen.

Hohe Corona-Zahlen in Deutschland: Droht eine Triage?

Könnte es aufgrund der aktuell sehr hohen Zahl an Menschen auf den Intensivstationen zur Triage in Deutschland kommen? In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur sagte der Nürnberger Intensivmediziner Stefan John, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin: „Wir sind sicherlich nicht in einer Triage-Situation, dass wir uns entscheiden müssten, wen wir noch behandeln und wen nicht. Aber wir sind tatsächlich in einer massiven Überlastungssituation, so dass viele Patienten verlegt werden müssen, dass viele vielleicht nicht ganz so schnell behandelt werden können wie es normalerweise der Fall ist.“ Für die Notärzte sei es oft sehr, sehr schwer überhaupt einen Platz auf einer Intensivstation zu finden, so Stefan John. „Sie müssen viel rumtelefonieren, vielleicht auch längere Strecken fahren, weil sie in ein anderes Haus umgeleitet werden. Und bei einem Herzinfarkt zum Beispiel kann jede Zeitverzögerung Leben kosten.“