Gesellschaft Trend zum Nudismus in Frankreich

Peter Heusch 13.10.2016

So hoch Liebe, Erotik und Sex bei den Franzosen seit jeher im Kurs stehen, so wenig konnten sie bislang der Freikörperkultur abgewinnen. Nudisten, von unseren Nachbarn gern abschätzig „cul nus“ (Nacktärsche) genannt, wurden meist als Spinner aus Europas Norden abgetan, die in südlichen Gefilden ihre Hüllen fallen lassen, weil es ihnen dort zu heiß wird.

Zu Lasten des Geschäftssinns freilich ging diese Haltung nie. In keinem anderen Land gibt es so viele FKK-Strände wie in Frankreich. Oder so viele – wohlgemerkt hochwillkommene – FKK-Touristen: rund zwei Millionen pro Jahr. Die Zahl ist 2016 sogar um 6 Prozent gestiegen, während die Angst vor islamistischen Attentaten dem Tourismus insgesamt ein Minus von 8 Prozent bescherte.

FKK-Strände gut besucht

Auch diesen Sommer waren die FKK-Strände gut besucht. Sehr gut sogar – weil sich seit zwei bis drei Jahren immer mehr Einheimische unter die ausländischen Nackten mischen. Mit Neugierde, betont Frankreichs Nudistenverband FFN, habe das nichts zu tun. Der FFN verzeichnete 2015 doppelt so viele Neuzugänge wie 2014 und spricht von einem echten Umdenken.

Werden also die „Nacktärsche“ auf einmal in Frankreich salonfähig? Die auf Tourismus spezialisierte Agentur Protourisme neigt dazu, dem FFN Recht zu geben. Laut einer Studie von  2015 bezeichnen sich mittlerweile 2,6 Millionen Franzosen als FKK-Anhänger. Da aber nur fünf Prozent regelmäßig den Nudismus „praktizieren“, muss man wohl eher von FKK-Sympathisanten sprechen.

Neu ist das trotzdem allemal. Protourisme-Chef Didier Arino glaubt, dass der veränderte Blick auf den Nudismus auch eine Reaktion auf die hitzigen innenpolitischen Debatten um Burka- und Burkini-Verbot sind. Insbesondere jüngere Frauen seien empört über die Versuche, ihnen vorzuschreiben, was sie tragen dürfen oder nicht. Der Entschluss, zumindest am Strand alle Hüllen fallen zu lassen, wäre demnach für manche Neu-Nudistin ein Akt des Widerstands gegen das kulturelle oder religiöse Diktat.

So oder so – es lässt sich nicht länger leugnen, dass der Nudismus links des Rheins auf dem Vormarsch ist. 66 Jahre nach seiner Gründung wurde dem FFN nun erstmals angeboten, mit einem Stand an der Internationalen Pariser Tourismus-Messe teilzunehmen. Und der Pariser Stadtrat plant die Einrichtung einer „FKK-Erholungszone“. Sie soll schon 2017 im Stadtwald von Vincennes eröffnet werden. Peter Heusch