Unglück Tragödie in Hannover: Kampfhund tötet Besitzer

Hannover / dpa 05.04.2018

Am Tag nach der blutigen Hunde-Attacke in einem Wohnblock in Hannover herrscht Fassungslosigkeit unter den Nachbarn. Kamerateams haben sich vor dem Eingang des siebenstöckigen Mietshauses versammelt, auch in der nahegelegenen Eisdiele am Roderbruchmarkt sind der tragische Tod einer 52-Jährigen und ihres 27 Jahre alten Sohnes Gesprächsthema.

Die Schwester des jungen Mannes hatte am Dienstagabend vom Balkon aus ihren Bruder leblos in der Wohnung liegen sehen und die Polizei alarmiert. Dabei warnte sie vor dem Staffordshire-Terrier-Mischling. Als die Ermittler die Tür zur Wohnung aufbrachen, entdeckten sie auch die Leiche der 52-Jährigen. Der Hund wurde von Feuerwehrleuten mit einer Schlinge eingefangen und zunächst in ein Tierheim gebracht.

Um die Hintergründe der Tragödie aufzuklären, ordnete die Staatsanwaltschaft die Obduktion der Leichen an. Nach Einschätzung von Rechtsmedizinern wurden Mutter und Sohn totgebissen – über die Zahl der Bisse oder Art der Verletzungen gab es bisher keine Auskunft.

Auf dem Balkon der Getöteten stehen am Mittwoch ein kleines rotes Fahrrad, die Reste von Silvesterböllern liegen herum; auch ein Hundehaufen liegt noch da. Nachbarn erzählen, dass der 27-Jährige seit seiner Kindheit schwer krank war: „Er hatte eine Figur wie ein 13-Jähriger und ist nur nachts mit dem Hund rausgegangen.“

Chico habe in der Wohnung immer laut gebellt, frühere Übergriffe seien ihnen aber nicht bekannt, sagen die Nachbarn, die den Hund auf etwa acht Jahre schätzen. Auf dem Rasenstück hinter dem Haus spielen am Mittwoch zwei kleine Jungen Fußball. Früher habe Chico hier auch herumgetobt, berichtet ein Anwohner. Die 52-Jährige sei oft von ihren Töchtern spazieren gefahren worden. Die Gewalttat eines Mannes soll sie in den Rollstuhl gebracht haben.

Leben im Stahlzwinger

Aus Sicht vieler Menschen im Viertel waren Mutter und Sohn mit dem Hund völlig überfordert. Chico soll in einem Stahlzwinger im Zimmer des 27-Jährigen gelebt haben. „Das Problem liegt immer am anderen Ende der Leine“, sagt eine 61-Jährige. Sie selbst sei hier im Viertel auch schon von einem Kampfhund angefallen worden. „Der hat danach einen Maulkorbzwang bekommen.“

Die Stadt Hannover muss nun entscheiden, ob Chico nach der tödlichen Attacke auf sein Herrchen und Frauchen eingeschläfert wird. Im Tierheim lag er am Mittwoch apathisch in seinem Zwinger.

Vor 18 Jahren hatten zwei Kampfhunde in Hamburg den sechsjährigen Volkan zu Tode gebissen – bundesweit wurden danach die Regeln für gefährliche Hunde verschärft. Studien zufolge werden Hunde meistens auffällig, wenn sie mit sehr viel Druck und Gewalt erzogen werden. „Ein Staffordshire Terrier ist nicht gefährlicher als ein Labrador“, betont Dunia Thie­sen-Moussa, die an der Tierärztlichen Hochschule Hannover eine verhaltensmedizinische Sprechstunde anbietet. „Man kann Hunde allerdings darauf trainieren, Artgenossen zu verletzen oder gar zu töten“, räumt die Tierärztin ein.

Prüfung für Halter

Ob eine Rasse als gefährlich beziehungsweise als Kampfhund eingestuft wird, ist in der Bundesrepublik Sache der Länder (siehe Infokasten). In Niedersachsen ist die potenzielle Gefährlichkeit eines Hundes seit 2003 nicht mehr an die Rasse gekoppelt. Wer einen Hund neu anschafft, muss eine theoretische und praktische Sachkunde-Prüfung, den so genannten Hundeführerschein, ablegen. „Damit setzen wir auf die Schulung des Halters und verzichten auf pauschale Rasselisten“, sagt Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast. Die CDU-Politikerin nennt die tödliche Beißattacke ein „schreckliches Unglück“.

Im zentralen Hunderegister sind nach Angaben des Agrarministeriums in Hannover zurzeit 348 504 Hunde gemeldet, nur 460 oder 0,1 Prozent hat die Behörde als gefährlich eingestuft. Am häufigsten wurde eine solche Gefährlichkeit bei Mischlingen festgestellt (130 Fälle), in 52 Fällen bei Schäferhunden und in 30 Fällen beim American Staffordshire Terrier, der gemeinhin als Kampfhund gilt.

Vier Opfer pro Jahr durch Hundebisse

Einheitliche Regeln zur Haltung von Kampfhunden gibt es in Deutschland nicht. Welche Rassen als gefährlich gelten, listen die einzelnen Bundesländer auf. In Baden-Württemberg gelten Staffordshire-Terrier, Bullterrier und Pitbull-Terrier als Kampfhunde. Sie dürfen nicht gezüchtet oder gekreuzt werden. Jährlich sterben in Deutschland im Schnitt drei bis vier Menschen an Hundebissen oder nach Hundestößen. Das Statistische Bundesamt zählte von 1998 bis 2015 insgesamt 64 Todesopfer. Hundebisse werden nicht statistisch erfasst. 2010 zählte die gesetzliche Unfallversicherung 3610 gemeldete Bissverletzungen – davon etwa 75 Prozent durch Hunde und Katzen. rej/dpa