Tradition trifft auf Moderne

MANUELA HARANT 25.04.2014
Löwe, Pferd oder Füchsle: Fast jeder Bundesligaverein hat ein tierisches Maskottchen. Neben der Funktion als Glücksbringer dienen sie vor allem dem Kindermarketing der Klubs.

Wenn „Hennes VIII.“ seinem Pfleger im Kölner Fußballstadion ausbüxt, dann läuft das abends in den ARD-Tagesthemen. Denn nach dem müden Kick beim 0:0 gegen den VfR Aalen waren die Medienvertreter froh, dass sie wenigstens über das rasende Zicklein berichten konnten. Ein Schelm, der dem Klub bei dem „Vorfall“ Absicht unterstellt . . .

Unabhängig davon: Der berühmteste Geißbock Deutschlands ist nicht nur das Maskottchen des künftigen Bundesligisten, er ist das Allerheiligste des 1. FC Köln und trägt einen großen Teil zum Kultstatus des Klubs bei. Die Merchandising-Einnahmen durch den Ziegenbock vom Rhein werden beim FC auf rund zehn Prozent geschätzt.

Kein Wunder also, dass von Borussia Dortmunds Biene „Emma“ bis zu Bayern Münchens Bär „Bernie“ nahezu jeder Erst- und Zweitligist ein tierisches Maskottchen besitzt. Doch viele von ihnen haben kein leichtes Leben: Der lebendige Adler „Attila“ von Eintracht Frankfurt ist nicht halb so präsent wie Hennes, und auch Plüsch-Elch „Hoffi“ aus Hoffenheim kennt in Baden-Württemberg kaum ein Mensch. Manche, wie die Bremer Möwe „Werdi“ , wurden nach kurzer Zeit wegen Erfolglosigkeit eliminiert.

Das ist bei Krokodil Fritzle vom VfB Stuttgart anders: Der Schwabe ist zwar ebenfalls kein lebendes Tier, sondern ein so genanntes „Walking-Act-Maskottchen“, also ein kostümierter Mensch. Doch kaum ein Verein in Deutschland betreibt die Maskottchen-Vermarktung so professionell und erfolgreich wie der VfB Stuttgart, der dafür eigens dreieinhalb Vollzeitstellen geschafften hat.

Was also macht ein gutes Maskottchen aus? Zunächst einmal braucht es Zeit: „Fritzle ist 1992 entstanden und gehört damit zu den ältesten Maskottchen der Bundesliga“, weiß Kinder- und Jugendmarketingleiter Daniel Gröber. Noch länger – und daher auch kultiger – ist fast nur der lebende Hennes im Geschäft, von dem inzwischen die achte Generation auf dem Platz steht.

In Stuttgart hatten der damalige Manager Dieter Hoeneß und sein Trainer Christoph Daum nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft die Fans aufgerufen, einen tierischen Unterstützer zu entwerfen. Gegen Pferd, Känguruh, Tiger und Co. setzte sich schließlich das Krokodil durch. Ein Jahr später wurde das fellige Vieh per TED-Umfrage schließlich „Fritzle“ getauft. Wo wir schon beim zweiten Erfolgsgeheimnis wären: „Fritzle ist aus der Mitte der Fans entstanden. Deshalb hat er eine sehr hohe Akzeptanz“, sagt Marketing-Mann Gröber. Selbst im nackten Abstiegskampf wurde der Spaßmacher bislang weder beworfen noch beschimpft und genießt selbst bei den VfB-Ultras hohes Ansehen.

Dabei ist das eigentliche Ziel die Bindung der Vier- bis Siebenjährigen an den VfB Stuttgart. „Wir legen sehr viel Wert auf dieses Thema, weil wir es als gute Möglichkeit sehen, Kinder früh an den Verein und den Fußball heranzuführen“, sagt Gröber, der Kinder kennt, die zwar nicht mehr ans Christkind glauben, wohl aber, dass Fritzle ein echtes Tier ist.

Und auch das kommt nicht von ungefähr: Um das Krokodil authentisch wirken zu lassen, achtet der VfB peinlichst genau darauf, dass der Mensch im Kostüm anonym bleibt. „Es wird nie ein Bild geben, bei dem Fritzle seinen Kopf abnimmt“, sagt Gröber, der das Krokodil zur Imagebildung mit Attributen versehen hat, die Fritzle nach außen transportieren soll: „Die wichtigsten Charaktereigenschaften sind frech, sportlich und vereinstreu. Gerade in schlechten Zeiten ist die Figur wichtig für uns, weil sie zeigt, dass man dann zum Verein stehen sollte.“ In dieser Hinsicht wird Fritzle gerade auf eine harte Probe gestellt: Während Kölns „Hennes“ an Ostern mit dem FC die Meisterschaft in der 2. Bundesliga feiern durfte, muss das VfB-Kroko noch um den Klassenerhalt zittern.

Vielleicht sollte sich Fritzle den Geißbock mal zum Vorbild nehmen und Reißaus nehmen, wenn es ihm zu viel wird. Das würde dann zumindest schlagzeilenmäßig vom sportlichen Geschehen ablenken.

Und welches ist Ihr Lieblingsmaskottchen? Zur Abstimmung geht's hier.

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