• Der Thwaites-Gletscher in der Antarktis sorgt schon heute für vier Prozent des Anstiegs des Meeresspiegels
  • Forschern bereitet er aber nicht nur vor dem Hintergrund des Klimawandels Sorge
  • Auch wenn kein abrupter Kollaps bevorstehe, könnten perspektivisch auch deutsche Küstenstädte betroffen sein, heißt es in Medienberichten
Forscher eines britisch-amerikanischen Projekts haben vor einem „dramatischen Wandel“ am gigantischen Thwaites-Gletscher in der Antarktis infolge der Erderwärmung gewarnt. So berichtete die Nachrichtenagentur DPA Ende des vergangenen Jahres. Bereits innerhalb von weniger als zehn Jahren könne ein auf dem Meer schwimmender Teil an der Vorderseite des Gletschers „zersplittern wie die Windschutzscheibe eines Autos“, warnte der leitende US-Glaziologe Ted Scambos von dem Projekt International Thwaites Glacier Collaboration (ITGC) demnach im Gespräch mit der BBC. Sowohl veröffentlichte als auch noch unveröffentlichte Studien deuteten dies an, fuhr der Forscher fort. Grund dafür sei warmes Wasser, das unter den Gletscher gelange.
Der Thwaites-Gletscher steht unter Dauerbeobachtung der Wissenschaftler. Sie messen die Geschwindigkeit, in der das Eisfeld schmilzt. Die Menge an Eis, die den Gletscher verlässt, hat sich nach Angaben der Forscher in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt.
Der Thwaites-Gletscher, der auch als „Doomsday Glacier“ (Gletscher des jüngsten Gerichts) bezeichnet wird, liegt in dem als Marie-Byrd-Land bezeichneten westlichen Teil der Antarktis. Das Eisfeld erstreckt sich über eine Fläche von der Größe des US-Bundesstaats Florida. Sollte das gesamte Eis im Einzugsgebiet des Gletschers eines Tages schmelzen, würde das den Meeresspiegel um bis zu 65 Zentimeter steigen lassen, wie die BBC berichtete. Mit diesem Szenario, auf das sich die Bezeichnung mit dem jüngsten Gericht bezieht, wird aber erst in mehreren Jahrhunderten gerechnet.

Crailsheim/Potsdam

Thwaites-Gletscher sorgt heute für vier Prozent des globalen Meeresspiegelanstiegs

Bereits im Sommer 2021 hatte es Berichte des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) gegeben, denen zufolge „die Eismassenverluste des Thwaites-Gletschers in der Westantarktis verursachen heutzutage schon rund vier Prozent des globalen Meeresspiegelanstieges“ ausmachten, wie es in einer Mitteilung des AWI geheißen hatte. Dieser Anteil könnte weiter steigen, denn kaum ein anderer Eisstrom in der Antarktis verändere „sich derzeit so drastisch wie der riesige Thwaites-Gletscher“.
Experten führten der AWI-Meldung nach diese Veränderungen „bislang auf den Klimawandel sowie auf die Tatsache zurück, dass der Gletscher vielerorts auf dem Meeresboden aufliegt und somit für warme Wassermassen erreichbar ist“. Allerdings, so hieß es weiter, komme nun ein dritter, bislang vernachlässigter Einflussfaktor hinzu. Unter dem Gletscher steige Untersuchungen von britischen und deutschen Wissenschaftlern zufolge „auffallend viel Wärme aus dem Erdinneren auf und beeinflusst das Gleitverhalten der Eismassen vermutlich seit Jahrmillionen“. Die hohen geothermalen Wärmeströme seien darauf zurückzuführen, dass der Gletscher in einem tektonischen Graben liegt, dessen Erdkruste deutlich dünner ist als zum Beispiel jene der benachbarten Ostantarktis.

Risse im Thwaites-Gletscher eine Bedrohung für Deutschlands Küste?

Die Berliner Zeitung berichtete, dass sich mittlerweile kilometerlange Risse durch das Eis des Thwaites-Gletschers ziehen würden. Die Risse könnten zu einem Kollaps des Gletschers und damit zu einem rapiden Anstieg des Meeresspiegels führen – auch deutsche Küstenstädte wären dann bedroht, heißt es in dem BZ-Bericht. Zumindest theoretisch. Denn dass ein „abrupter Kollaps“ unmittelbar bevorsteht, glaubt der AWI-Geophysiker und -Polarforscher Karsten Gohl einem Bericht des ZDF nach nicht. Ein völliges Verschwinden sei eher eine Sache von ein paar hundert Jahren, heißt es in der ZDF-Meldung zum Thwaites-Gletscher. "Allerdings hat man die Prozesse noch nicht so gut verstanden, dass man eine genauere Vorhersage treffen kann", räumt er ein.