Teneriffa am                  Roten Meer

swp 27.01.2018

Abdu Menaji Qutar redet sich in Begeisterung. Stolz blättert er Seite für Seite um. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegt die Zukunft, die sich er und seine Kollegen ausgedacht haben: Der Computer verwandelt die triste Realität am Roten Meer im Süden Saudi-Arabiens in eine glitzernde neue Touristenwelt.

In dem virtuellen Masterplan tummeln sich Wasserflugzeuge und Schnellboote vor den Farasan-Inseln. Schicke Promenaden mit Cafés ersetzen die real existierenden abgestoßenen Ladenzeilen mit ihren fettigen Imbissen. Makellose Strände vor türkisblauem Wasser und Öko­lodges laden ein zu Luxusferien für Vermögende. Lachend paddeln Touristen durch üppige Mangrovenwälder.

„Wir wollen die Farasan-Inseln in ein Urlaubsparadies verwandeln“, sagt der 46-jährige Chefplaner im Regionalbüro Jizan der Saudischen Tourismus-Kommission. So etwas wie ein Teneriffa am Roten Meer schwebt dem gelernten Elektro-Ingenieur vor. Für ihn ist die spanische Mittelmeerinsel mit ihrer Mischung aus Remmidemmi und ruhiger Natur das ideale Vorbild. Am Ende verteilt er als Gastgeschenke kleine ottomanische Festungen unter einer Plastikglocke, made in China, auf die durch Schütteln weiße Flocken herabschneien, während draußen vor der Tür eine tropische Gluthitze von 50 Grad herrscht.

Seit Kronprinz Mohammed bin Salman im April letzten Jahres mit seiner „Vision 2030“ ankündigte, die ölsüchtige Volkswirtschaft Saudi-Arabiens umzukrempeln, auf viele neue Füße zu stellen und andere Einnahmequellen zu erschließen, entstehen überall in den königlichen Amtsstuben üppige Power-Point-Szenarien. So auch im Tourismus-Sektor, in den allein in den nächsten drei Jahren sechs Milliarden Euro fließen sollen.

Auf der Touristikmesse ITB in Berlin im März vergangenen Jahres tauchte Saudi-Arabien zum ersten Mal mit einem eigenen Stand auf. Bunte Kataloge in deutscher Sprache priesen die Schönheiten des Landes an, etwa die kilometerlangen Strände von Al Oqair am Persischen Golf oder die Nabatäerstadt Madein Saleh, eine der vier Weltkulturerbestätten des Königreichs.

Scharia-freie Resorts

Andere Touristenschwerpunkte sollen folgen und Saudi-Arabien, wie die anderen Golfstaaten, zu einem normalen Reiseland machen: im Süden neben der Inselgruppe Farasan am Roten Meer das berühmte Festival Souk Okaz in Taif. Im Westen die weißen Sandstrände von Ras al-Abyad in der Provinz Medina. Und im Norden, gegenüber Ägyptens Taucherküste, 200 Kilometer lange Korallenstrände zwischen Alwajh und Umlajj, auch die „Malediven Arabiens“ genannt. Dort sollen bis 2022 Scharia-freie Ferienresorts „nach internationalen Standards“ entstehen, heißt es in Riyadh, die Alkohol ausschenken und gemeinsame Strände für Frauen und Männer haben.

Ähnlich muten die Konzepte für den Farasan-Archipel nahe der Grenze zum Jemen an. Bislang fanden ganze rund 50 000 Urlauber pro Jahr hierher. Nach den Prognosen der Planer sollen es bald  375 000 sein. Der Bau eines Flughafens ist für dieses Jahr beschlossen, zusätzlich werden vier neue Baderessorts mit 1700 Betten sowie eine Ökolodge mit 80 Betten aus dem Boden gestampft. 250 Millionen Euro will die Staatsführung für diese erste Etappe locker machen, eine Investition, die vor allem ausländische Geschäftsleute, einheimische Touristen und Besucher aus den Golfstaaten anlocken soll. Für zahlungskräftige westliche Urlauber hat Abdu Menaji Qutar eine kleinere Nebeninsel mit privatem Strand reserviert, zu der die Gäste nach der Landung auf Farasan mit dem Schnellboot gebracht werden sollen.

Bei seiner Visapolitik drückt Saudi-Arabien ebenfalls aufs Tempo. In den kommenden Monaten soll es zum ersten Mal seit der Staatsgründung ganz normale Touristenvisa geben, mit einer völlig „stressfreien“ Prozedur, wie die Werbebroschüre ausdrücklich und an oberster Stelle verspricht. Dann können sich bald hunderttausende Besucher auf eigene Faust im Land umsehen – für das jahrzehntelang abgeschottete Königreich und dessen Bevölkerung eine epochale Zäsur.

Bisher lebte Saudi-Arabien ausschließlich vom Mekka-Tourismus mit den Pilgerreisen Hadsch und Umra, einem Zehn-Milliarden-Geschäft, das quasi automatisch läuft. Elf Millionen Pilger reisen jedes Jahr zu den heiligen Stätten des Islam. Ihre Visa sind auf Mekka und Medina beschränkt. Für westliche Besucher gibt es praktisch keine Touristenvisa. Saudi-Arabien anschauen können sich deshalb in der Regel nur besser betuchte Ausländer, die auf der Arabischen Halbinsel leben und arbeiten.

Kein Wunder, dass sich in das Naturparadies Farasan bisher kaum ein Urlauber verirrte. Die Insel ist von der Stadt Jizan aus mit einer Autoschnellfähre zu erreichen, die die 50 Kilometer in einer Stunde zurücklegt. Das einzige Strandhotel vor Ort hat seine besten Tage hinter sich, selbst ein ordentlicher Espresso will dem Barmann in der Lobby in drei Anläufen nicht gelingen. Wer tauchen will, muss seine Ausrüstung selbst vom Festland herbeischleppen. Entlang des Strandes reihen sich ein paar Plastik-Einheitsspielplätze, auf denen sich saudische Familien schwatzend die Zeit vertreiben. Die einzige Abwechslung bietet ein Trampolin, das ein geschäftstüchtiger junger Mann betreibt. Für jedes hüpfende Kind müssen die Eltern an ihn zahlen – was sie tun, weil es für den Nachwuchs sonst keine Abwechslung gibt.

Der Hauptort der Insel hat vier große Moscheen, aber kein ordentliches Café oder Restaurant. „Abends kann man hier nicht viel machen“, sagt ein Familienvater aus Riyadh, der sich nach Einbruch der Dunkelheit mit seinen drei Kindern noch etwas die Füße vertritt. Nirgendwo ist um diese Zeit mehr eine Frau auf der Straße zu sehen. Nur Männer lungern an den ranzigen Fressbuden herum, Jugendliche jagen mit Mopeds knatternd um die Häuserblocks.

Einst verdienten die Leute hier ihr Geld mit Fischen und Perlentauchen, heute arbeiten praktisch alle im saudischen öffentlichen Dienst, der bekannt ist für gute Bezahlung und kümmerliche Arbeitsmoral. Auch mit dem Umweltbewusstsein ist es nicht weit her. Viele Korallenriffe sind abgestorben und ausgebleicht, obwohl kaum jemand  bisher seinen Fuß auf den verzweigten Archipel setzte. Auf den entlegenen Inselstränden, die die lokalen Schnellboot-Kapitäne mit ihren wenigen Kunden anfahren, um dort selbst gefangenen Fisch zu grillen, türmt sich der Plastikmüll. Nach dem Essen wird alles samt Plastiktischdecke den Möwen vorgeworfen.

Zeit des Wandels

„Mehr Spaß und mehr freie Marktwirtschaft“, lautet das Zukunftsmotto von Mohammed bin Salman. Noch kein saudischer Machthaber vor ihm verordnete dem Königreich eine solche wirtschaftliche und soziale Reformkur wie der Thronfolger. Der 32-Jährige versteht sich als Anwalt der jungen Generation, zu der die Hälfte der zwanzig Millionen Saudis zählt.

Energisch wies er das religiöse Establishment in die Schranken und entmachtete die Religionspolizei. Unter dem Twitter-Beifall seiner Landsleute setzte er durch, dass Frauen von Juni 2018 an endlich ans Lenkrad dürfen. Obendrein etablierte er eine „Nationale Behörde für Unterhaltung“, gab grünes Licht für Open-Air-Konzerte und erlaubte erstmals seit 35 Jahren wieder den Bau von Kinos. 300 Spielstätten mit 2000 Sälen sollen bis 2030 entstehen.

Saudi-Arabien werde gebremst durch „das überkommene Erbe und populäre Traditionen“, urteilt der Kronprinz in seinem „Manifest für Wandel“, das über Demokratisierung und Menschenrechte allerdings kein Wort verliert. Auch bis zur rechtlichen Gleichstellung der saudischen Frauen ist es trotz Ende des Fahrverbots noch ein langer Weg. Ohne schriftliche Zustimmung ihres männlichen Vormundes, egal ob Ehemann, Vater, Bruder oder halbwüchsiger Sohn, dürfen sie weder studieren noch heiraten, können nicht zum Arzt gehen, ein Konto eröffnen, ihren Pass erneuern oder ins Ausland reisen. Auf dem „Gender Gap Index“ des Genfer Weltwirtschaftsforums, der die Rechte von Frauen und Männern vergleicht, rangiert Saudi-Arabien nach wie vor unter den Schlusslichtern des Globus. geh

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel