Herr Grimm, in Ihrem vorigen Buch nehmen Sie Fertignahrung auseinander, jetzt wollen Sie uns den süßen Zahn ziehen. Sind Ihre Leser nicht langsam mal sauer?

HANS-ULRICH GRIMM: Die Leser sind eigentlich eher glücklich, es geht ihnen besser, sie nehmen ab, die Kinder werden in der Schule besser. Das berichten sie jedenfalls.

Sie beziehen sich auf den US-Professor Robert Lustig, der allerdings ernsthaft behauptet, Zucker sei Gift. Aber Zucker ist doch eine Energiequelle, was ist daran gefährlich?

GRIMM: Der Körper braucht Zucker, und gerade weil er ihn so dringend braucht, wird die Überdosis zum Gift. Darauf ist der Körper nicht eingestellt, denn in der Natur gibt es ja nirgends Zucker pur. Es gibt kein Zuckerbergwerk, die Menschheit kannte so viel Süße die längste Zeit gar nicht.

Zucker wird in Ihrem Buch für Diabetes, Alzheimer, Parkinson, ADHS, Karies, ja sogar für die Ausprägung von Intelligenz und Verhalten verantwortlich gemacht. Gibt es für diese Thesen Beweise?

GRIMM: Ich fand das anfangs auch etwas übertrieben, aber es zeigt eben, an wie vielen Stellen im Körper der Zucker angreifen kann, auch weil er eine wichtige Funktion als Energieträger hat. Gerade fürs Gehirn. Dazu gibt es Berge wissenschaftlicher Literatur.

Aber wir haben doch von Geburt an ein Verlangen nach Süßem. Die Muttermilch ist ja auch süß. . .

GRIMM: So übermäßig süß ist auch die Muttermilch nicht. Es gibt ein Bedürfnis nach Süßem, weil der Körper Zucker braucht, und daher ist es sinnvoll zuzugreifen, wenn süße Früchte an den Bäumen hängen. Die gibt es bei uns ja nur im Sommer. Überschüssigen Fruchtzucker kann der Körper einlagern, in der Leber, für schlechte Zeiten. Die kommen aber nicht, Softdrinks und Süßigkeiten dagegen gibt es jeden Tag, und deswegen leiden schon 20 Prozent der Bevölkerung an "Nicht alkoholischer Fettleber".

Ist Zucker eine Droge?

GRIMM: Das sagen viele Wissenschaftler, weil Zucker im Gehirn die gleichen Mechanismen hervorruft wie Drogen. Auch der "Entzug" zeigt offenbar ähnliche Symptome.

Und wie gelingt der Entzug?

GRIMM: Viel leichter als bei Heroin, Kokain oder Alkohol. Schon nach ein paar Therapiesitzungen sei es möglich, sagen die Fachleute.

In Ihrem Buch schreiben Sie von einer Frau, die es mit Hypnose probiert. Wie ist dieser Versuch ausgegangen?

GRIMM: Ich hatte nur die erste Sitzung miterlebt. Die Therapeutin setzt drei bis vier Sitzungen an, dann sei die Süß-Sucht beseitigt.

Haben Ärzte ein Konzept gegen die Zuckersucht?

GRIMM: Die sehen das Problem nicht, und sie sehen sich auch nicht als zuständig an. Sie habe nur gelernt, Rezepte auszustellen, sagte eine finnische Professorin in ihrem Kommentar zu einer britischen Studie, derzufolge die Zuckerkrankheit Diabetes nach einer Woche zu heilen sei - durch Ernährungsumstellung. Doch für Ernährungsumstellung, sagen die Ärzte, seien sie weder zuständig noch ausgebildet.

Welche Dosis an Zucker ist denn noch unbedenklich?

GRIMM: Beim Fruchtzucker, der Fruktose, sind es 15 Gramm am Tag, das entspricht vier bis fünf Äpfeln. Ein durchschnittlicher Jugendlicher kommt aber mit Cola, Säften und Süßigkeiten leicht über 100 Gramm.

Wer verdient daran, wenn jährlich weltweit 165 Millionen Tonnen Zucker konsumiert werden?

GRIMM: Zuckerbauern, Zuckerfabriken, Coca-Cola, Red Bull, Ferrero - alle, die den Zucker herstellen, handeln und in ihren Produkten einsetzen.

Glauben Sie wirklich, ein Diabetiker müsse nur einfach den Zucker weglassen und sei dann geheilt?

GRIMM: Das ergab die britische Studie vom vorigen Jahr. Den Zucker weglassen, und natürlich die anderen Nahrungsmittel auch, die den Blutzucker in die Höhe treiben. Die Ernährung umstellen. Nach der britischen Studie war der Diabetiker damit nach einer Woche geheilt.

In Ihrem Buch taucht oft der Begriff "giftige Umgebung" auf. Was meinen Sie damit?

GRIMM: Dass in unserer Gesellschaft an jeder Ecke Zuckriges verfügbar ist - "in Griffweite des Verlangens", wie das mal ein Coca-Cola-Chef gesagt hat. Cola-Automaten in der S-Bahn, am Gate im Flughafen, in der Klinik. Dazu kommt der versteckte Zucker, im Frühstücksbrötchen, im Schinken, sogar in der Tüten-Hühnersuppe.

Bisher wird die Schuld auf den Einzelnen abgewälzt: Er ist dick, weil er unbeherrscht zulangt, hat Karies, weil er seine Zähne nicht richtig putzt. Ist der Einzelne aber nicht tatsächlich eher ein Getriebener?

GRIMM: Das ist eben die Frage - Ist der schuld, der den Cola-Automaten hinstellt, oder der, der zugreift? Bei den anderen Drogen gilt mittlerweile der Konsument als Opfer, der Dealer als Täter. Nur den armen Zuckersüchtigen stellt man überall einen Automaten vor die Nase, und beschimpft sie dann auch noch als willensschwach, wenn sie dick und krank werden.

Sie zitieren die "Zeit", die über die "Zuckermafia" schreibt. Wer mischt im Zuckergeschäft alles mit?

GRIMM: Nicht nur die Hersteller, die Bauern, die Softdrink-Hersteller, auch der Staat fördert ja das alles, schon seit Kolumbus. Friedrich der Große hat ja schon Forschungsförderung betrieben, für die Zuckerrübe. Subventionen, Exportförderung: Die Politik unterstützt den Zucker seit langem. Noch heute fördert die Internationale Zuckerorganisation in London den Zuckerkonsum, die Europäische Union ist da Mitglied, die zugleich mit Millionenbeträgen die Forschung fördert zu Diabetes und Übergewicht. Das ist ein sehr schön ausbalanciertes System, von dem viele profitieren, außer vielleicht den Opfern.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung kommt bei Ihnen ja nie gut weg. Sie empfielt sogar Süßstoffe zum Abnehmen. . .

GRIMM: Diese Gesellschaft ist sehr wichtig und einflussreich, leider aber wissenschaftlich nicht immer auf der Höhe der Zeit und oft allzu industriefromm. Das gefährdet bei Wissenschaftlern ganz grundsätzlich die Glaubwürdigkeit.

Sie schreiben, es gebe eine Vielzahl zuckerähnlicher Produkte. Können Sie ein paar Beispiele nennen?
GRIMM: Xylit zum Beispiel, den ursprünglich aus Holz gewonnenen Ersatzzucker. Xylit gehört zu einer Gruppe von Ersatz-Süßungsmitteln, bei denen Studien zuckerähnliche Folgen gezeigt haben - beispielsweise bei den Blutfetten, die als Risiko-Indikator fürs Herz gelten. Das bedeutet: Es geht nicht nur um Zucker, es geht um den ganzen "Süß-Modus", für den der Mensch nicht geschaffen ist.

Ihr Fazit lautet: "Jeder, der sich damit beschäftigt hat, zieht seine Konsequenzen." Welche haben Sie gezogen, was essen Sie überhaupt noch?

GRIMM: Ich esse gar nichts mehr. Scherz beiseite: Ich esse immer noch sehr gern, natürlich nur echtes Essen, ohne Maggi, Knorr und Dr. Oetker, und neuerdings auch mit weniger Zucker. Ins Müsli morgens zum Beispiel kommt jetzt kein Zucker mehr, nur noch Apfel gerieben und Banane gepresst. Das Interessante ist, das sagen viele: Man schmeckt dann wieder mehr Nuancen, der Genuss nimmt also zu. An Weihnachten gibt es natürlich weiterhin Plätzchen, und an Ostern den Schoko-Osterhasi.

Info Hans-Ulrich Grimm, Garantiert gesundheitsgefährdend, Wie uns die Zucker-Mafia krank macht, Droemer Verlag, 18 Euro