Missbrauchs-Prozess Missbrauch in Staufen: Eine unbegreifliche Tat

Staufen / Wulf Rüskamp 14.07.2018
Gemeinsam mit ihrem Freund soll Berrin T. ihren Sohn an Pädophile vermittelt haben. Wie kann eine Mutter so etwas tun?

Glaubt man Christian L.,  dann war alles ganz einfach. Kaum hatte er Berrin T. in der „Tafel“ in Staufen kennengelernt, habe er sie einfach gefragt, ob er seine sexuelle Begierde an ihrem Kind auslassen könne. Fast jede Mutter hätte auf einen solchen Wunsch mit Fassungslosigkeit, Wut, Ekel, wahrscheinlich mit einem Anruf bei der Polizei reagiert. Nicht so Berrin T.. Sie lässt Christian L. in ihre Wohnung einziehen, macht ihm Essen, wäscht seine Wäsche, „bemuttert“ ihn, wie der heute 39-Jährige sagt. Es sind Schilderungen wie diese, die den Prozess vor dem Landgericht Freiburg so entsetzlich machen.

Berrin T. (48) soll ihr eigenes Kind missbraucht, soll es mit Christian L. über zwei Jahre im Darknet gegen Geld an pädophile Männer zur Vergewaltigung und zum Missbrauch vermittelt haben. So schildert es die Staatsanwaltschaft. In ihren Schlussplädoyers hat sie gestern 14,5 Jahre Haft für Berrin T. und 13,5 Jahre für Christian L. gefordert.

Ihr erstes gemeinsames Opfer soll eine Zweijährige gewesen sein. Berrin T. soll sie zu Christian L. in die Wohnung gebracht haben. Und sie ist, das zeigen Filmaufnahmen, auch selbst aktiv geworden. Als der Missbrauch nach dem vierten Übergriff  bekannt zu werden droht, soll sie den Zugriff auf ihren Sohn erlaubt und sich selbst daran beteiligt haben. Bestritten wird all das weder von Berrin T. noch von Christian L..

Gutachter spricht von geringer Intelligenz

Wie kann eine zweifache Mutter so etwas tun? Vielleicht hilft der nüchterne Blick des psychiatrischen Gutachters: Berrin T. habe selbst keine pädosexuellen Neigungen, sagt Hartmut Pleines. Ein Grund dafür, dass sie sich trotzdem auf den Missbrauch eingelassen habe, sei ihre geringe Intelligenz. Mit einem IQ von 67 bewege sie sich im Grenzbereich zur Minderbegabung. Ihren Alltag könne sie selbstständig meistern, sie sei lernfähig und habe sich vor dem Familiengericht durchsetzen können. Dafür aber fehle es ihr an Emotionalität, sie sei egozentrisch und antriebsschwach.

Die Pädosexualität Christian L.’s habe auf sie eine große Strahlkraft ausgeübt. Um die Beziehung zu erhalten, sei sie bereit gewesen, sich zu kompromittieren. „Die Bereitschaft, ihren Sohn zu opfern, liegt in ihrem wenig entwickelten Gewissens- und Normengerüst begründet“, sagt Pleines. Einen Einblick in die Denkweise der Mutter gibt ein Chat, den die beiden geführt hatten, ehe es zum sexuellen Übergriff auf ein dreijähriges Mädchen im Februar 2015 kam: Christian L. fordernd und in Fantasien schwelgend, Berrin T. zurückhaltend, aber nie verweigernd. Sie schreibt: „Jeden anderen würde ich deswegen zum Teufel jagen.“

Nach außen hin führt Berrin T. bis zu ihrer Verhaftung im September 2017 ein Leben wie viele andere. Sie wird 1970 in Berlin geboren, ihre erste Ehe, aus der die heute 24-jährige Tochter hervorgeht, scheitert. Danach zieht sie mit dem neuen Lebensgefährten in den Breisgau. 2008 wird der Sohn geboren, wenig später stirbt der drogenabhängige Vater. Die alleinerziehende, arbeitslose Mutter lebt ein zwar randständiges Leben, ist aber durchaus besorgt um ihren Sohn. Ihre Tochter ist heute selbstständig und beruflich erfolgreich.

Selbst als der dominante Christian L. in ihr Leben eingedringt, weiß sie sich nach außen zu wehren. Bekannte der Mutter und ein Vermieter melden dem Jugendamt gelegentlich, die Wohnung sei verwahrlost. Doch die Hausbesuche ergeben nichts. Den Beamten gegenüber gibt sich Berrin T. abweisend, bestreitet, dass der Mann bei ihr wohne und erklärt, sie werde nicht zulassen, dass er ihrem Kind etwas antue. „Mit ihr war nicht zu reden“, sagt der Polizist, der im Rahmen der Führungsaufsicht Christian L. betreut hatte. Im Leben außerhalb des Gericht­ssaals war Berrin T. eine selbstbewusst auftretende Person.

Kaum emotionale Reaktionen

Im Gerichtssaal gibt sie sich oft apathisch, ungepflegt – eine, so scheint es, frühzeitig gealterte Frau. Nie ergreift sie das Wort, schüttelt nur ab und zu leicht den Kopf zu Aussagen von Zeugen, lässt so gut wie nie emotionale Reaktionen erkennen. Irgendwann gewinnt man den Eindruck, als sei die Frau auch sich  selbst ein Rätsel, als begreife sie das Maß an moralischer Verkommenheit nicht, die ihr in der Anklageschrift vorgeworfen wird, die seelische und körperliche Grausamkeit, die sie ihrem Kind in all den dokumentierten Taten zugefügt hat.

Ihr Sohn wird in der Freiburger Unikinderklinik untersucht, kommt nach dessen Diagnose in eine sonderpädagogische Einrichtung. Aber negative Informationen, die ihre Erziehungskompetenz und ihre Fürsorge in Frage stellen, gibt es bis März 2015 nicht. Das Wichtigste in ihrem Leben, so steht es in den Protokollen, sei ihr Kind.

Zwischen Berrin T. und Christian L. ist von Liebe erst spät die Rede, behauptet er. Wenn es um Sex ging, dann ausschließlich um seine Bedürfnisse; für ihre konnte er gar keinen Blick haben. Er verlangte, dass sie mitmacht, also hat sie mitgemacht – so beschreibt er es.

Seinen Schilderungen zufolge hat es im Laufe der zweijährigen Beziehung immer weniger Widerspruch von Berrin T.’s Seite gegeben. Irgendwann war sie ganz auf seine Seite gewechselt. Das Kind hat Christian L. wohl nur als Objekt seiner sexuellen Neigungen gesehen – zwischendurch hat er dann Papa gespielt. Und Berrin T. hat mitgespielt. Nun nicht mehr als Opfer seiner Manipulationen, sondern als gleichberechtigte Täterin. Als eine solche Täterin sieht sie die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage.

Als Berrin T. vor einem Jahr überzeugend – „authentisch“, so die Amtsrichterin – um die Rückkehr ihres Kindes kämpfte, geschah dies, wie sie jetzt zugab, ohne jeden Gedanken, den Missbrauch zu beenden. Und auch mit der Liebe zum eigenen Kind habe dieser Kampf nichts zu tun gehabt, sagt Hartmut Pleines, der Gerichtsgutachter. Der Sohn habe halt ihr gehört. Einmal in Haft, habe sie nie mehr nach ihm gefragt.

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