Ulm / Hans Georg Frank Stalking ist ein besonders perfides Vergehen. Das Nachstellen in allen Lebenslagen macht dem Opfer das Leben zur Hölle. Ein Treffen mit einer Stalking-Geschädigten.

Den Schock hat Nicole Müller (Name geändert) auch nach fast drei Jahren nicht verkraftet. Der Reifenwechsel in der Werkstatt lieferte den Beweis, dass Sebastian Schmidt (Name geändert), mit dem sie eine kurze Beziehung hatte, ein perfides System der Überwachung und Verängstigung aufgebaut hatte. An ihrem Auto hatte der Karosseriebauer und Kfz-Meister einen GPS-Sender befestigt, mit dem jede Fahrt nachvollzogen werden konnte.

Die Entdeckung des heimlichen Ortungssystems beschleunigte die Ermittlungen der Polizei enorm. Plötzlich war eine Hausdurchsuchung möglich bei dem Mann, den die Industriekauffrau schon lange des Stalkings verdächtigte. In seiner Wohnung wurde nicht nur die Verpackung des GPS-Trackers beschlagnahmt. Im Auto  lag ein weiteres Gerät, das einsatzbereit war. Die Beamten stießen auch auf Spuren von SIM-Karten, die für intensive Kontakte unter falschem Namen mit Nicole Müller und ihrem persönlichen wie beruflichen Umfeld genutzt worden waren.

Nun ließ sich beweisen, wie Schmidt die zunächst ahnungslose Frau stalkte. „Er hat zwanghaft versucht, mein Leben zu zerstören.“ Er wusste stets, wo sie war. Er schickte als „Frank Woller“ Bilder mit Hinweisen auf ihren aktuellen Standort. Aus 50 Metern fotografierte er ihre Wohnung und fragte per WhatsApp: „Hast du meinen Atem gespürt?“

Stalking-Opfer wendet sich an den Weißen Ring

Als sich ihr Verdacht erhärtete, wandte sich Müller an den Weißen Ring. Die Opferschutzorganisation empfahl ein Stalking-Tage­buch. Fortan notierte sie jeden Kontakt, hielt jede scheinbar zufällige Begegnung, jede WhatsApp-Nachricht akribisch fest. Sie notierte den Zeitpunkt, wann Schmidt mit seinem auffälligen schwarzen Audi TT am Haus vorbeifuhr – 23 Mal innerhalb von knapp zwei Stunden.

Die zuvor lebenslustige Schwäbin traute sich nicht mehr allein aus dem Haus. „Ich hatte Panik in meiner eigenen Wohnung“, sagt die 36-Jährige heute. Sie erkrankte schwer, konnte nicht mehr arbeiten. Sie litt unter Depressionen, war froh, wenn ein Tag überstanden war. „Das ganze Leben ist nur noch Scheiße“, glaubte sie in der sozialen Isolation. Doch nach zweieinhalb Wochen wollte sie unbedingt zurück in das Unternehmen, weil sie dort besseren Schutz hatte als allein daheim.

Das Studium an der Hochschule in Aalen konnte sie nicht fortsetzen. Den Bachelor hatte sie erst mit anderthalbjähriger Verspätung und damit auch die höhere Gehaltsstufe.

Frau vertraut sich Vorgesetzten und Kollegen an

Vorgesetzte und Kollegen hat Müller frühzeitig ins Vertrauen gezogen: „Wie ein Häufchen Elend saß ich vor meinem Chef.“ Sie bekam vorsichtshalber einen Parkplatz direkt am Eingang. Als die erste eMail auftauchte mit der Behauptung, sie habe ein Verhältnis mit einem Vorgesetzten, waren alle vorbereitet.

Der Stalker fälschte das Profil einer „Swingbabe“ auf einem Erotikportal, die sich für zwanglosen Sex anbot. Mindestens drei Männer fielen darauf herein, klingelten nachts an der Haustür bei der verängstigten Nicole Müller. Die gefoppten Freier zeigten sich kooperativ und überließen der Polizei die Daten, mit denen sie in das Dorf mit 750 Einwohnern gelotst worden waren.

Aber sie wollte nicht aufgeben, sie habe an die Gerechtigkeit geglaubt: „Allein schaffst du das nicht, dein ganzes Umfeld muss mit dir kämpfen.“ Im Prozess vor dem Amtsgericht Schorndorf musste sie alle Details in stundenlanger Befragung wiederholen. „Die Zeugin brach während der Schilderungen immer wieder in Tränen aus“, heißt es im Urteil. Schmidt wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Die Täterschaft sei „eindeutig belegt“, die Beweislast „geradezu erdrückend“.

Der Stalker gesteht vor Gericht

Dennoch legte er Berufung ein, wollte einen Freispruch. Vor dem Landgericht Stuttgart deutete der Richter an, dass eine höhere Strafe drohen könnte. Lieber legte Schmidt ein Geständnis ab: „Ich gebe es jetzt zu.“

Jens Rabe, der Anwalt des Opfers, weiß um die Ängste der Frauen: „Wenn nachts fremde Männer klingeln und wollen Sex, ist das in höchstem Maße belastend.“ Seine Mandantin habe „keinen sicheren Raum“ mehr gehabt. Der Rechtsanwalt aus Waiblingen hat Erfahrung mit rund 50 Stalking-Fällen. Jener von Nicole Müller sei zwar weit überdurchschnittlich, „aber es gibt noch viel schlimmere Fälle, etwa wenn der Täter Zugang zu Waffen hat“.

Beeinträchtigung des Lebens

Drei Jahre Haft sind die maximale Strafe für Nachstellung nach Paragraf 238 des Strafgesetzbuchs. Den Tatbestand gibt es seit 2007. Zunächst mussten Opfer nachweisen, dass ihr Leben durch den Stalker verändert wurde, etwa durch Umzug oder Jobwechsel. Seit 2017 ist strafbar, wenn Opfer im Alltag „beeinträchtigt“ werden.

1363 Fälle wurden 2018 in Baden-Württemberg angezeigt, im Jahr zuvor waren es 1265. Der Weiße Ring geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Demnach werden in Deutschland 600 000 Menschen gestalkt, 80 Prozent von ihnen sind Frauen.   hgf