Konsum  Konsum: Stadt der Weihnacht

Für sie ist das ganze Jahr über Vorweihnachtszeit: Zao Ying in Yiwu.
Für sie ist das ganze Jahr über Vorweihnachtszeit: Zao Ying in Yiwu. © Foto: Felix Lee
Peking / Felix Lee 23.12.2016

Zao Ying hat noch nie Weihnachten gefeiert. Dennoch blinken um sie herum bunte Lichterketten. Über ihr hängen mit LED animierte Rentiere. Sie hat Stoff-Nikoläuse in ihrem kleinen Geschäft aufgestellt, Weihnachtspyramiden und Nussknacker. Ihre Lieblingsfigur dieses Jahr: ein lächelnder Weihnachtsmann aus Stoff. Wenn man auf seinen dicken Bauch drückt, rattert er „Frohe Weihnachten“ in fünf Sprachen. „Ich kann das jetzt auch“, sagt die 41-Jährige stolz und lacht. „Flohe Uainakten!“ Das war Deutsch.

Der Laden von Zao Ying ist nicht das einzige Geschäft, das so weihnachtlich dekoriert ist. Um sie herum ist alles voll von Weihnachtsdeko. Auf einer Fläche von rund vier Millionen Quadratmetern stehen in der Futian 2nd X-mas Production Street tausende Verkaufsstände, in denen mindestens ebenso viele Händler alle nur erdenklichen Weihnachtsartikel verkaufen. Und zwar das ganze Jahr über.

Es duftet allerdings nicht nach Glühwein, gerösteten Mandeln oder Bratäpfeln. Es stinkt nach Chemie, denn hinter dem Weihnachtsgroßmarkt erstreckt sich auf einer noch viel größeren Fläche ein Industriegebiet.

Mehr als 750 Unternehmen haben ihre Fabrikhallen darauf stehen. Sie stellen rund zwei Drittel aller weltweit verkauften Weihnachtsartikel her. Das Ganze befindet sich in Yiwu, einer Industriestadt etwa 300 Kilometer südöstlich von Schanghai gelegen. Yiwu ist über Chinas Grenzen hinaus bekannt als „Stadt der Weihnacht“.

Das Geschäft boomt. Allein im zurückliegenden Jahr wurden in Yiwu zwölf Prozent mehr Weihnachtsartikel verkauft, einige Hersteller verzeichnen gar ein Plus von bis zu 30 Prozent. Nach Angaben der chinesischen Zeitung China Quality News liefern alle Firmen der Stadt Yiwu zusammengenommen Weihnachtsartikel im Wert von umgerechnet rund 30 Milliarden Euro.

Dabei ist Weihnachten den meisten Chinesen fremd. Wer auf der Straße Passanten nach dem Christkind fragt, was es mit Engeln auf sich hat oder warum Tannenbäume mit bunten Kugeln und Lichtern geschmückt werden, wird meistens Achselzucken ernten. Das ist nicht weiter verwunderlich. Das Christentum hatte in China eine nur recht kurze Episode. Und der Kommunismus hat Religionen nicht gerade gefördert.

Trotzdem sind heute Weihnachtsmänner, Engel und Rentiere aus Pekings Einkaufszentren bereits von Anfang November an nicht mehr wegzudenken. Geschäfte sind dekoriert mit Kunstschnee und bunten Lichterketten. Weihnachten in China ist vor allem ein Shopping-Event.

Akkord für „Echte Handarbeit“

In Yiwu sind es keine hübsch aufgemachte kleine Werkstätten, in denen Wichtel sitzen und gut gelaunt an Holzspielzeug werkeln. Und die vielen Weihnachtswaren stammen in China nicht aus weitgehend vollautomatisierten Fabrik­anlagen. Wer das gedacht hat, wird hier eines Besseren belehrt. In den heruntergekommenen Fabrikhallen sitzen dicht gedrängt tausende Männer und Frauen an Werkbänken und schnitzen im Akkord Engel und Nussknacker.

„Arbeiter sind auch heute immer noch billiger als Maschinen“, sagt der Leiter einer Halle, der sich und den Namen seiner Firma nicht in der Zeitung stehen haben möchte. Die Hersteller könnten dann aufs Produkt schreiben: „Echte Handarbeit“.

„Die Verkaufsstände sind deutlich weniger geworden“, beklagt die Verkäuferin Zao Ying. Viele Firmen vertrieben die Waren nun online. „Wir sind schon bald überflüssig.“ Vorerst laufe das Geschäft aber noch. Sie zeigt auf ein paar aufgerissene Kisten, die im Hinterraum ihres kleinen Ladens gestapelt stehen. Daraus gucken schon die Ohren der Stoffosterhasen heraus.

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