Späher im Eis

Foto: dirk hülser
Foto: dirk hülser © Foto: dirk hülser
swp 05.01.2018

„Eisbären? Hier oben? Ich wüsste nicht.“ Ola Kristian Hjelløkken lacht und schaut zum Fenster hinaus. „Aber in der Polarnacht siehst du sie ja nicht.“ Dabei ist es noch gar nicht ganz dunkel, hier draußen, weit oben in den Bergen von Svalbard. Um die Mittagszeit erhellt noch ein bisschen Dämmerung die surrealen Wolkengebilde, die sich über Spitzbergen auftürmen. Svalbard, die kalte Küste, nennen die Norweger den Archipel kurz vor dem Nordpol.

Hjelløkken hat seine Ruhe in der arktischen Wildnis. Einige Rentiere suchen im Schnee nach irgendetwas, das im Entferntesten mit Pflanze zu tun hat. Der 49-jährige Techniker, den es vor fünf Jahren aus Lillehammer im Süden Norwegens nach Spitzbergen verschlagen hat, arbeitet in einer der geheimnisumwittertsten Forschungseinrichtungen der Welt: Eiscat Svalbard Radar.

Wer danach googelt, findet die absurdesten Theorien über das flache Gebäude mit den zwei riesigen Satellitenschüsseln, eine mit 32, eine mit 42 Metern Durchmessser. So soll das Labor „Plasma-Turbulenzen“ in der Ionosphäre verursachen können. Oder konkreter: das Wetter beeinflussen. Quasi auf Knopfdruck und natürlich mit Unterstützung finsterer Mächte wie dem amerikanischen Geheimdienst kann der freundliche Norweger Ola Kristian Hjelløkken demnach weltweit Unwetter und Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen oder auch Erdbeben auslösen.

Der 49-Jährige schüttelt den Kopf und muss schon wieder lachen. „Im Internet findest du viele Verschwörungstheorien zu Eiscat.“ Dabei arbeitet die Station ganz transparent, jährliche Berichte können im Netz abgerufen werden, Forscher aus aller Welt kommen hierher. Bevorzugtes Forschungsobjekt sind die Sonne und Sonnenstürme, die Auswirkungen auf die Erde und deren Klima und die Nordlichter.

Der norwegische Spezialist erzählt und erklärt, zeigt die Maschinen und Transmitter, die Computer, die einzigartigen Schüsseln und deren Mechanik. Ola Hjelløkken ist froh, wenn mal jemand vorbeikommt. Was gar nicht so einfach ist. Zu Fuß, mit dem Schneemobil oder einem Hundeschlitten, immer mit Gewehr – wegen der Bären – oder einem Geländewagen kann man sich auf den rund 15 Kilometer langen Weg von Longyearbyen, der selbsternannten Hauptstadt Spitzbergens, machen, um Hjelløkken oben auf dem Berg zu besuchen. Er und ein weiterer Kollege sind die Stammbesetzung auf der Station. Wenn Wissenschaftler  kommen, gibt es viel zu tun, ansonsten überwachen die beiden die laufenden Experimente und halten die Technik in Schuss.

Was wird denn nun wirklich genau erforscht? „Wir können keinen Krebs heilen“, sagt Hjelløkken trocken. Es sei Grundlagenforschung, um das Raumwetter, also das Weltraumwetter, besser zu verstehen. Und dessen  Auswirkungen auf die Menschheit.

Und natürlich die Polarlichter. Da kennt sich der Techniker aus, mit den Nordlichtern, die jetzt immer am Himmel tanzen, mal grün, mal rot, mal violett. Aber Aurora Borealis ist nur zu sehen, wenn keine Wolken da sind und wenn Protonen, Neutronen und Elektronen von der Sonne kommend das Magnetfeld der Erde zusammendrücken und so Sauerstoff- und Stickstoffmoleküle in der Atmosphäre zum Leuchten bringen. Ganz einfach eigentlich. Für einen wie Ola Hjelløkken.

Doch allermeistens herrscht Dunkelheit. „Wenn’s langweilig wird, suchen wir uns was zu tun“, meint Hjelløkken. „Dann programmieren wir oder bauen neue Hardware.“

Draußen weht ein eisiger Wind, der feine Pulverschnee tanzt um die gigantischen Schüsseln. Ganz weit unten im Tal tobt ein Sand- und Staubsturm, der sich wie ein brauner, wabernder Vorhang zwischen den düsteren Bergen bewegt. Ola Hjelløkken zieht seine Mütze tiefer ins Gesicht und schaut in die unendliche Weite der Arktis. „Ich bin vom arktischen Virus infiziert“, sagt er. Das ist eigentlich unheilbar.

Doch seine Familie ist wieder zurückgegangen nach Lillehammer, aus Nordpolsicht kurz vor Oslo, also fast schon am Mittelmeer. Drei Urlaube hatte er gebraucht, um sie von Svalbard zu überzeugen. Nach ein paar Jahren war dann Schluss, auch wegen der Schule der Kinder. Bald wird auch Ola Kristian Hjelløkken wieder heimgehen aufs Festland, zur Familie in den Süden. Dort ist es hell. Eisbären gibt es nicht. Auch keine Aurora Borealis. Und vor allem kann er dann nicht mehr das Wetter machen. Schade eigentlich.