Glosse Schöne neue Uhr

Eine alte Wanduhr, garantiert nicht digital.
Eine alte Wanduhr, garantiert nicht digital. © Foto: © Lane V. Erickson/Shutterstock.com
London / Günther Marx 14.05.2018

Ja, wir wissen es seit Langem: Der technische Fortschritt ist oftmals Fluch und Segen zugleich. Das Neue zerstört das Alte, wer am Vergangenen festhält, wird überrollt, soziale Klassen gehen unter, Gesellschaften werden umgewälzt. Wer hätte das nicht eindrücklicher und sprachgewaltiger beschrieben als ein gewisser Karl Marx, dessen 200. Geburtstag in diesen Tagen begangen wird und dem ein ganzes Jubiläumsjahr gewidmet ist.

Technik, Sozialverhalten, Alltagskultur – alles unterliegt dem Wandel. Eltern machen in dieser Hinsicht ihre eigenen Erfahrungen. „Was ist das denn?“, fragt der Filius, als er im Keller ein altes Wählscheibentelefon entdeckt.

Mit Messer und Gabel akkurat zu essen, fällt jenen schwer, die sich überwiegend von Fast-Food im Gehen oder Stehen ernähren. Warum noch Schleifen binden, wenn es Klettverschlüsse gibt oder die Feinmotorik der Hand trainieren, wenn Texte nur noch in Tastaturen gehackt werden. Von der Rechtschreibung ganz abgesehen.

An britischen Schulen werden jetzt die alten analogen Uhren ausgetauscht, also jene mit Zeigern, weil viele Schüler sie nicht mehr lesen können. Sie kapieren nur noch digital. Und weil das in Prüfungen zusätzlichen Stress für die Eleven bedeutet, wenn niemand mehr weiß, wie viel Zeit ihm noch bleibt, hat der alte Chronometer ausgedient. Schöne neue Welt.

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